Internet macht Formeln für Blinde lesbar

Mathematische Formeln lassen sich nicht 1:1 in Blindenschrift übersetzen. Bisherige Programme sind nicht zufriedenstellend. Eine neue Ära verspricht nun eine Entwicklung der Johannes Kepler Universität Linz. Die Internetanwendung wurde jetzt in Wien vorgestellt.

„Mathematik ist in fast allen Studienfächern ein wichtiger Themenbereich. Umso entscheidender, dass Inhalte schnell, effizient und auch in breitem Umfang verfügbar gemacht werden können“, so Klaus Miesenberger, stv. Vorsitzender des Instituts Integriert Studieren der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz. Mit dem Webtool „MathInBraille“ sei nun eine neue Ära angebrochen, wenn es darum geht, blinden und sehbehinderten Menschen mathematische Inhalte zu vermitteln.

Frau liest mit Finger Blindenschrift
APA/Helmut Fohringer
Nicht alles kann einfach so in die Braille-Schrift übersetzt werden

Wie übersetzt man c=√(a²+b²) für Blinde?

Mathematische Formeln zu lesen und zu verstehen ist oft schon für sehende Schüler und Studierende schwer genug. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist es meist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Hauptgrund dafür sei das zweidimensionale Format, in dem alle mathematischen Inhalte visuell vorliegen und der lineare Charakter von Blindenschrift und Audio. Zusätzlich erschwert wird die „Übersetzung“ durch eine ganze Menge unterschiedlicher Braille Codes für mathematische Formeln, die meistens von Sprache zu Sprache stark unterschiedlich sind.

Die Übersetzung zum Beispiel in die Marburger Mathematikschrift sei extrem aufwendig und liefere unbefriedigende Ergebnisse. „Das führt dazu, dass Betroffene trotz Begabung mathematische oder technische Fächer zunehmend meiden“, so Miesenberger. An der Linzer Uni studieren derzeit zwölf Menschen mit Sehbehinderung, einer davon ein technisches Fach. Laut Schätzungen des Blindeninstituts besuchen in Wien rund 300 sehbehinderte Schüler eine Regelschule.

Formeln ohne Hilfe in Braille umwandeln

Das an der Uni Linz gemeinsam mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs entwickelte „MathInBraille“ möchte die vorhandenen Barrieren vermindern. Dazu wird „eine Internetseite öffentlich und zu freier Verfügung angeboten, wo elektronische Dokumente mit mathematischen Inhalten in lesbare, Braille- und Sprachformate konvertiert werden können“, wie es auf der Homepage heißt.

Das bedeute einen „gewaltigen Schritt in Richtung Unabhängigkeit“. Schüler und Studenten könnten mit dem Webtool erstmals ohne fremde Hilfe Formeln in Braille-Format konvertieren. Allerdings, so wird auch zugegeben, ist im Unterricht noch die Hilfe eines zweiten nötig, um die Formel in den Konverter einzugeben.

Automatische Umsetzung auf barrierefreien Websites

Die Anwendung soll breit genutzt und in zahlreiche Szenarien wie etwa die Softwareentwicklung eingebunden werden. „Webdesigner können sie im Hintergrund einbinden“, so Miesenberger. Steht auf einer Website eine Formel, wird diese für den Sehbehinderten automatisch in Brailleformat ausgegeben. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Website barrierefrei ist.

TV-Hinweis

Wien heute hat mit den Entwicklern des Programms gesprochen. Den Beitrag sehen Sie in Wien heute, 19.00 Uhr, ORF2.

Finanziert wurde das Projekt über das Förderprogramm Netidee 2010 der gemeinnützigen Internet Foundation Austria (IPA). MathInBraille ist das Nachfolgeprojekt von RoboBraille-Deutsch. Mit dem Webservice können alle Arten von elektronischen Dokumenten in Blindenschrift oder synthetische Sprache umgewandelt werden.

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