Forschung: Karajans Nazi-Verstrickungen

Anhand bisher unzugänglichen Materials hat der Wiener Historiker Oliver Rathkolb die Beziehung von Stardirigent Herbert von Karajan zum Nationalsozialismus erforscht. So stellt Rathkolb klar, dass Karajan bereits 1933 der NSDAP beigetreten ist.

Herbert von Karajan (1908 bis 1989) zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten Orchesterleitern des 20. Jahrhunderts, die Biografie des österreichischen Dirigenten wurde über ein Dutzend Mal in Buchform gebracht, drei Filme widmen sich seinem Leben. Für den Zeithistoriker Oliver Rathkolb, Professor an der Universität Wien, gibt es aber immer noch sehr wesentliche Aspekte von Karajans Geschichte, die noch nicht befriedigend erforscht sind.

„Es ist an der Zeit, diese Konstruktionen, die sich Karajan aufgebaut, juristisch gebastelt und am Ende vielleicht wirklich selbst geglaubt hat, endlich wissenschaftlich zu untersuchen“, meinte Rathkolb mit dem Hinweis auf neues, bisher unzugängliches Material.

Herbert von Karajan
APA/ Deutsche Grammophon/S. Lauterwasser
Stardirigent Herbert von Karajan verstarb 1989

Antisemitische Äußerungen in der Jugend

Die deutsch-nationale Prägung Karajans lasse sich schon in die Jugend des Dirigenten zurückverfolgen. In Salzburg war er Mitglied der Alldeutschen Gymnasialverbindung Rugia. Rathkolb konnte außerdem frühe Briefe Karajans sichten, in denen er sich offen antisemitisch äußert und etwa über die „verjudete Volksoper“ schreibt, in der er niemals dirigieren würde. „Aus diesem deutsch-nationalen Umfeld kommend, war es nur natürlich, dass er ideologisch an die NSDAP andockte“, so Rathkolb.

Falsche Aussage vor Entnazifizierungskomitee?

Streitpunkt der historischen Forschung ist auch immer wieder der NSDAP-Beitritt Karajans. „Karajan ist der NSDAP bereits am 8. April 1933 in Salzburg beigetreten“, stellte Rathkolb klar. In Ulm habe er wenig später einen zweiten Antrag gestellt, der per 1. Mai 1933 akzeptiert wurde, und sich später auch in Aachen bei der zuständigen Ortsgruppe gemeldet. 1939 habe er auch sein Mitgliedsbuch bekommen. Das bewiesen etwa eine Karteikarte samt Foto des Dirigenten sowie ein Dokument, in dem er selbst seine Mitgliedsnummer am 26. November 1936 bestätige.

Vor dem Entnazifizierungskomitee der Alliierten habe Karajan dagegen ausgesagt, sich nie um eine Mitgliedschaft bemüht zu haben und nur aus Karrieregründen der NSDAP erst in Aachen beigetreten zu sein. Immer wieder würden Biografen des großen Orchesterleiters auf diesen selbst konstruierten Narrativ Karajans aufspringen. „Es geht darum, einen Übermenschen darzustellen, aber Karajan war bloß ein ausgezeichneter Dirigent, der wie alle Menschen seine Schwächen hatte“, erklärte Rathkolb. Immer wieder habe Karajan mit Biografen, die nicht seiner Spur folgten, heftige Auseinandersetzungen gehabt.

Herbert von Karajan
APA/dpa COLORplus
Karajan trat laut Rathkolb 1933 der NSDAP bei

„Politisches Mitschwimmen“

Der Orchesterleiter sei mit seinen Beteuerungen, nur für die Kunst und nicht für die Politik gelebt zu haben, immerhin gut gefahren. „Aber wenn man genau hinschaut, dann sieht man natürlich, dass er versucht hat, politisch mitzuschwimmen“, so der Zeithistoriker. Dass es sich hier um nachträgliche Konstruktionen handle, zeige sich auch im Kleinen: So habe Karajan etwa keine einzige Technikvorlesung besucht, obwohl er später behauptete, drei Semester Technik studiert zu haben. „Man bekommt das Gefühl, Karajan hat sich zusammen mit seinem Anwalt eine biografische Strategie vor dem Entnazifizierungskomitee zurechtgelegt“, meinte Rathkolb.

Heirat „mehr Nutzen als Schaden“

Immer wieder werde auch seine Heirat mit der „Vierteljüdin“ Anita Gütermann, der Tochter eines sehr bekannten deutschen Nähseidenfabrikanten, bemüht, um Karajan von dem Vorwurf des nationalsozialistischen Gedankenguts freizusprechen, so Rathkolb. „Allerdings hat ihm diese Heirat mehr genützt als geschadet.“

In den Akten des Vaters von Gütermann, der sich jedoch von der Mutter Anitas scheiden ließ, fand der Zeithistoriker den Hinweis, dass dieser schon 1933 um eine Mitgliedschaft bei der NSDAP angesucht hatte, um als Textilproduzent das Privileg zu bekommen, die braune SS-Seide zu liefern. Als während der Untersuchung seine Herkunft aufflog, musste er die Partei zwar wieder verlassen, jedoch passierte ihm weiter nichts.

„Das Unternehmen florierte auch im Dritten Reich, und Gütermann war politisch bestens vernetzt“, so Rathkolb. So stand auch der Heirat Karajans mit Anita nichts mehr im Wege, Joseph Goebbels selbst stoppte das Untersuchungsverfahren. Weit mehr als diese Heirat habe Karajan die Konkurrenz zu Wilhelm Furtwängler geschadet. „In der Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte der Gütermanns hat bis jetzt oft das kritische Element gefehlt“, so Rathkolb.

Kaum Originaldokumente zu Karajan

Das gelte auch für weitere Kapitel von Karajans Karriere. „Spannend wäre etwa zu sehen, wie stark Karajan seine politischen Netzwerke für seine Karriere eingespannt hat und wie diese funktioniert haben.“ Im Gegensatz etwa zu seinem Kontrahenten Furtwängler gebe es zu Karajan jedoch kaum Originaldokumente, was die Aufarbeitung deutlich erschwere.

Rathkolb präsentiert seine Ergebnisse am Freitag im Zuge des Workshops „Universität und ihre (Zeit)Geschichte“ an der Universität Wien, der zu Ehren des 70. Geburtstags des Historikers Gernot Heiss stattfindet. Der Workshop findet im Institut für Zeitgeschichte statt.

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