Burgtheater: Acht Mio. Euro Schaden

Nach dem Prüfbericht zum Finanzdebakel rund um das Burgtheater gibt es unter anderem Verdacht auf Urkundenfälschung und Untreue. Ein Schaden bis zu acht Mio. Euro könnte entstanden sein. Direktor Hartmann wies die Verantwortung zurück.

Nach der ersten rechtlichen Prüfung des am Donnerstag vorgelegten Endberichts der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG besteht gegen die entlassene Vizedirektorin Silvia Stantejsky, unter anderem der Verdacht auf Urkunden-, Beweismittel- und Bilanzfälschung, Geldwäsche sowie Untreue. Man werde den Bericht der Staatsanwaltschaft übermitteln, hieß es bei einer Pressekonferenz.

Die Vorwürfe gegen die ehemalige Kaufmännische Geschäftsführerin seien aufgrund des forensischen Untersuchungsberichts umfangreich, sagte Georg Springer, Aufsichtsratsvorsitzender und Bundestheater-Holding-Chef, und wiederholte seine Formulierung, Stantejsky habe „dolose Handlungen“ begangen. Es müsse davon ausgegangen werden, dass durch das Verschulden der ehemaligen kaufmännischen Geschäftsführung ein Schaden von sieben bis acht Mio. Euro entstanden sei.

Georg Springer, Geschäftsführer der Bundestheater Holding
APA/Hans Punz
Georg Springer erneuerte den Vorwurf von „dolosen Handlungen“

Rechnungshof erhält Kopie

Es sei unabdingbar, dass die Ermittlungsbehörden, bei denen auch eine anonyme Anzeige gegen Stantejsky eingegangen ist, tätig würden. Auch der Rechnungshof, dessen angekündigte Prüfung man ausdrücklich begrüßt, erhält eine Kopie des Berichts samt Sachverhaltsdarstellung.

„Ja, ich bin für das mitverantwortlich. Das ist überhaupt keine Frage“, sagte Springer. Seit man jedoch am 11. November 2013 im Rahmen eines Erstentwurfs eines Gebarungsprüfungsberichts auf Ungereimtheiten aufmerksam gemacht worden sei, habe man gehandelt. Die kaufmännische Direktion sei von Stantejsky „sehr zentralisiert gesteuert und wie eine Containerorganisation geführt“ worden, heißt es in dem forensischen Untersuchungsbericht der KPMG.

Das in der Burgtheater-Bilanz für 2012/13 drohende Minus von 8,3 Mio. Euro soll aus eigener Kraft ausgeglichen werden. „Ja, das Burgtheater kann das und wird das auch aus eigener Kraft schaffen müssen“, sagte Springer. Das wichtigste sei, die Finanzierung des laufenden Betriebes sicherzustellen. Wie man mit „Altlasten“ umgehen werde, sei im Detail noch nicht klar. Das Problem sei jedoch sicher nicht „mit einem Schlag“ zu lösen. Einschnitte, die den Spielbetrieb beeinflussen würden, sollen so lange es geht vermieden werden.

Georg Springer und Matthias Hartmann,
APA/Hans Punz
Matthias Hartmann sieht keine kaufmännische Verantwortung

Hartmann ist „Ätsch-Bätsch-Spiel leid“

Im Gegensatz zu Georg Springer, der eine Mitverantwortung an der Finanzmisere im Burgtheater einräumte, wies der Direktor Matthias Hartmann weiter jede Verantwortung von sich. Er habe mit seiner Unterschrift die künstlerische Verantwortung übernommen, sagte Hartmann. Die kaufmännische Verantwortung sieht er daran nicht automatisch gekoppelt.

„Ich bin dieses Ätsch-Bätsch-Spiel leid“, ärgerte sich Hartmann im Verlauf der Pressekonferenz über diese Verknüpfung. Vielmehr sei von künstlerischer Seite alles geschehen, um die Zahlen zu verbessern. „Das Gerücht der hohen Produktionskosten stimmt nicht“, so der Direktor, der das Bilanzminus ohne die künstlerischen Erfolge doppelt so hoch ansetzen würde. „Das Burgtheater muss für diese Leistung gewürdigt werden.“ Er habe an allen Stellschrauben gedreht, die ihm zugänglich seien. „Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand.“

Im Hinblick auf Stantejsky und mögliche strafrechtliche Tatbestände sagte Hartmann, er habe es schon bisher vermieden, über die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin etwas Negatives zu sagen. „Ich werde bei diesen Mutmaßungsspielen nicht mitmachen.“ Sie sei bei seinem Amtsantritt bereits viele Jahre am Haus tätig und „bestens beleumundet“ gewesen. „Es gab überhaupt keinen Grund, daran zu zweifeln.“

Silvia Stantejsky
APA/Clemens Fabry
Die Vorwürfe gegen Silvia Stantejsky wurden im Prüfbericht bestätigt

Finanzielle Situation falsch widergegeben

Stantejsky bestreitet alle Vorwürfe und hat gegen ihre Entlassung vor dem Arbeits- und Sozialgericht Wien geklagt. Laut Bericht hat sie „ein intransparentes Umfeld geschaffen, welches es unmöglich machte, ein wirksames Internes Kontrollsystem einzurichten“. Sie habe ein System der Abschottung aufgebaut, in dem nur sie über maßgebliche Informationen und Dokumente verfügt habe.

Stantejsky habe Bilanzfälschungen begangen und ein System vorgetäuschter Liquidität aufgebaut, in dem die Kassa das zentrale Instrument gewesen sei. „Diese Vorgehensweise widerspricht den Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchführung“, so der Bericht. In den unterjährigen Finanzberichten sei so die finanzielle Situation falsch widergegeben worden.

Offenbar hatte das Burgtheater bei der BAWAG/PSK über einen Kreditrahmen verfügt, der mit 31. August 2011 7,5 Mio. Euro betragen habe, mit der Vorgabe, diesen jährlich um 750.000 Euro zu reduzieren. „Diese Vorgaben wurden auch zum jeweiligen Stichtag eingehalten“, heißt es im Prüfbericht, der detailliert nachzeichnet, wie Stantejsky dies erreichte: Durch hohe Einzahlungen unmittelbar vor dem jeweiligen Bilanzstichtag am 31. August habe Stantejsky Geldmittel zugeführt, um die wahre finanzielle Lage des Hauses zu verschleiern.

Kritik an Doppelfunktion

2011 betrug die Summe der Einzahlungen in den drei Tagen vor dem Stichtag 70.743 Euro, 2012 183.728 Euro und 2013 54.409 Euro. Ob Stantejsky dabei auf eigene Mittel oder ihr treuhändisch zur Vermögensverwaltung übergebene Mittel von Dritten (wie Ensemblemitgliedern) zurückgegriffen habe, sei bisher nicht schlüssig geklärt.

Die Prüfer merkten an, die gleichzeitige Wahrnehmung von Interessen als Geschäftsführerin des Burgtheaters sowie der Vermögensverwalterin von Dienstnehmern sei „äußerst kritisch zu betrachten“. Die in den Folgemonaten wieder erfolgten Mittelentnahmen seien „durch gefälschte Belege und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen“ erfolgt. Bei zahlreichen durchgeführten Akontozahlungen habe die entsprechende Vertragsgrundlage nicht nachvollzogen werden können, da Verträge nicht auffindbar gewesen seien.

Ostermayer trifft Ensemble

Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) will sich auf Basis des Prüfberichts „so schnell wie möglich“ ein Bild der aktuellen Situation des Burgtheaters verschaffen. Erst danach werde er Stellung nehmen. Für die kommenden Tage ist auch ein gemeinsamer Termin mit der Geschäftsführung und dem Ensemble des Burgtheaters geplant, Ostermayer hatte erklärt, dass er hier vermitteln wolle - mehr dazu in Burgtheater: Ostermayer will vermitteln.

Vor dem Wirtschaftsprüfbericht ist am Donnerstag noch ein früheres Gutachten bekannt geworden, das den Aufsichtsrat des Burgtheaters entlastet. „Es gab keine Hinweise für Mängel im Rechnungswesen und im internen Kontrollsystem, weder seitens des aktuellen Wirtschaftsprüfers KPMG noch seitens des früheren Wirtschaftsprüfers PWC und auch nicht seitens der internen Revision“, heißt es in dem am 6. Februar vorgelegten 60-seitigen Gutachten.

Die Anwaltskanzlei CMS Reich-Rohrwig Hainz hat dafür Aufsichtsratsunterlagen und Protokolle durchgearbeitet. Erst ab Juni 2013 seien Mängel bekannt geworden. Schon vor der Vorlage des Endberichts hatte ein Wirtschaftsprüfer Kritik geübt. „Jedem hätte die alarmierende Entwicklung auffallen können“, hieß es im Vorfeld - mehr dazu in Burgtheater: Mängel „auffällig“ (wien.ORF.at; 26.2.2014).

Links:

Werbung X