Wien 15: „Schmuddelkind“ hübscht sich auf

Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Migration: Lange prägten Begriffe wie diese den 15. Bezirk. Jetzt sind es Lebensqualität, Authentizität, Lebendigkeit und Diversität. Rudolfsheim-Fünfhaus wacht auf - und könnte ein neuer Hotspot werden.

Es war die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, die Rudolfsheim-Fünfhaus in einem Artikel einmal das „Schmuddelkind von Wien“ nannte. Das war vor etwa viereinhalb Jahren. Damals prägte die Straßenprostitution noch das Bild des Bezirks hinter dem Westbahnhof. Einen Kannibalen gab es auch einmal im 15. Und ein anderes Mal wurden 19 Kilogramm Heroin in einer Wohnung sichergestellt. Der Bezirk machte ständig Negativschlagzeilen.

Heute hat sich „Rudolfscrime“, das einst so ungeliebte und gerne vergessene Stiefkind der Stadt, ein neues Image zugelegt - obwohl die Zahlen mitsamt der sozialen und wirtschaftlichen Brennpunkte gleich geblieben sind. Nach wie vor liegt das jährliche Durchschnittseinkommen der Bevölkerung bei knapp über 16.000 Euro, die Arbeitslosigkeit bei 11,6 Prozent. Von 73.500 Einwohnern sind 26.000 Personen oder 35 Prozent Migrantinnen und Migranten, zählt man jeglichen Migrationshintergrund, sind es fast 50 Prozent. Die größte Gruppe kommt aus Ex-Jugoslawien.

Schwendermarkt
ORF/Nicole Schöndorfer
Diversität ist mittlerweile ein Pluspunkt des einst so ungeliebten 15. Bezirks.

Hier wird der Gehsteig nicht aufgerollt

„Man lebt nebeneinander, das ist schon einmal gut. Das Miteinander ist noch nicht so sichtbar, die einzelnen Gruppen bleiben meistens gerne unter sich“, sagt Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal (SPÖ) über die Diversität in Rudolfsheim-Fünfhaus. Das sei aber kein bezirksspezifisches Merkmal, das sei in allen Bezirken ähnlich, so Zatlokal weiter. Etwas vorsichtig erklärt er die Bevölkerungsstruktur, betont aber erfreut, dass trotzdem viele kulturelle Veranstaltungen organisiert werden, die Menschen aller Abstammungen, Religionen und Sprachen anziehen und verbinden.

„Die Leute sind bunt, es gibt viele Kinder und es ist immer etwas los auf der Straße“, sagt Karin Steininger. Die 32-Jährige lebt seit drei Jahren im 15. Bezirk und kann sich nicht mehr vorstellen, je wieder wegzuziehen. „Ich habe vorher im 9. Bezirk gewohnt, da wird ja um 20.00 Uhr der Gehsteig aufgerollt.“ Inge Mayrhofer lebt seit 25 Jahren in Rudolfsheim-Fünfhaus, seit 18 Jahren in einer günstigen Gemeindebauwohnung in der Braunhirschengasse. Sie mag das Familienfreundliche am Bezirk. „Es ist grün, überall sind diese Mini-Parks.“ Zatlokal nennt sie „Beserlparks“.

Trister Schwendermarkt

Michaela Terkovics wohnt seit 20 Jahren in Rudolfsheim-Fünfhaus. „Man merkt schon, dass die Mieten ziemlich ansteigen“, sagt sie weiter und deutet auf eine neu errichtete Wohnanlage zwischen Schwendergasse und Mariahilfer Straße. Der Schwendermarkt ist übrigens kein Motor für den 15. Bezirk. Verschiedene Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Jetzt könnte er geschlossen werden, zumindest wenn es nach dem Bezirk geht - mehr dazu in Aus für den Schwendermarkt?.

Mariahilferstraße
Nicole Schöndorfer
Die Äußere Mariahilferstraße liegt südlich der Felberstraße.

Belebte, hippe Reindorfgasse

Es ist die zwei Straßen weiter liegende Reindorfgasse, die das Grätzel in den vergangenen Jahren aufgewertet hat. Links und rechts von der schmalen Pflastersteinstraße, deren Zentrum immer der Dorf-artige Vorplatz der Reindorfkirche und das berühmte Gasthaus „Quell“ waren, haben sich hippe Büros, kleine Galerien und Shops angesiedelt. Da, wo bis vor einem Jahr noch eines dieser billigen Braut- und Ballmodengeschäfte war, ist jetzt der Hybridladen „Block 44“ aus Designer-Boutique, Cafe und Fahrradgeschäft. Ein Hipster-Traum.

Bezirksgeschichte

Der südliche Teil des Bezirks gliedert sich in die Gemeinden Rustendorf, Braunhirschen und Reindorf. Bis 1938 war dies noch der 14. Bezirk mit dem Namen Rudolfsheim.

Ein Haus weiter und ebenso neu ist die Galerie „Improper Walls“, dann die mittlerweile im ganzen Bezirk bekannte Fotogalerie „fotoK“, die weiter nördlich in der Grangasse 5 auch die dazugehörige Fotoschule samt Büros und Ateliers beheimatet. Der Gadget-Designer „Urban Tool“ hat schon seit mehreren Jahren einen Verkaufsraum in der Reindorfgasse. Außerdem gibt es ein ungarisches Spezialitätengeschäft im lustig-hippen Look, einen Weinhändler und den Kulturverein „froff“ in der belebten Gasse. Die Kreativszene hat hier wohl ihr Bezirkszentrum gefunden.

Laut Bezirksvorstand Zatlokal soll weiter Richtung Wienzeile in der Ullmannstraße ein Heim eröffnen, das in Zukunft 350 Studierende ihr Zuhause nennen werden. Nebenan am Sparkassenplatz wird ein junger Mann das seit Jahren leer stehende Gasthaus „Eberhardt“ übernehmen und es zu einem Cafe mit Mittagsmenü umgestalten. Junge, angehende Akademiker würden den Bezirk wohl weiter beleben. „Ohne jetzt das Klischee bedienen zu wollen - wenn bis 14.00 Uhr Frühstück serviert wird, wird das Cafe bestimmt gut gehen“, lacht Zatlokal.

Rustensteg
Nicole Schöndorfer
Der Rustensteg verbindet den südlichen und nördlichen Teil des Bezirks.

Nord-Süd-Diskrepanz

Der Norden des Bezirks, der sich aus der Schmelz, Neu-Fünfhaus und dem Nibelungenviertel zusammensetzt, entwickelt sich anders als der Süden. Beim Spaziergang kommt man an keinen Galerien in Erdgeschoßen vorbei, es tummeln sich auch keine jungen Menschen in stylischen Cafes. Mit Reindorf hat das Nibelungenviertel nicht viel zu tun.

Während im Süden die Dynamik zu spüren ist, ist der Norden von Ruhe und Distanz gekennzeichnet. Das Leben spielt sich eher in den Innenhöfen ab. Die Schmelz, das Nibelungenviertel und Neu-Fünfhaus präsentieren sich quasi als das, was sie sind - Teile eines Außenbezirks, der im Gegensatz zum Süden keine großen Ambitionen hegt, die Struktur eines Innenstadtbezirks anzunehmen.

Hipster und Bobos wird es hier wohl noch länger nicht geben. Das wird auch der durchaus hübsch gestaltete Blog „Frisches aus dem Nibelungenviertel“, der mit Grätzel-Tipps aufwartet, nicht ändern. Den Bewohnern scheint das aber auch ganz recht zu sein.

Meiselmarkt
Nicole Schöndorfer
Scheumbauer: „Die Leute gehen lieber in den Supermarkt als zum Meiselmarkt.“

Auch der Meiselmarkt kämpft um Besucher

Auch hier kämpft ein Markt um Besucher. Der Meiselmarkt hat schon bessere Zeiten gesehen. Die rund 80 Stände auf 6.300 Quadratmeter sind vollgepackt mit knackigem Obst und Gemüse, Fleisch, Käse und Spezialitäten aus aller Herren Länder, doch kaum jemand flaniert durch den sauber gefliesten Indoor-Markt. „Vor sieben, acht Jahre standen um die Zeit zehn Leute da“, sagt Fleischhauer Franz Scheumbauer. Seine Frau Maria nickt.

Der 64-Jährige hat seinen Stand am Meiselmarkt seit mittlerweile 15 Jahren, im Geschäft ist er bereits seit 45 Jahren. In der Auslage gibt es Faschiertes, Würste, Speck und sonstige Fleischwaren aller Art, erst nach 20 Minuten kommt die erste Kundin. „Mir ist das schon alles gleich, Ende des Jahres gehen wir eh in Pension“, so Scheumbauer. „Wissen Sie, wieviel wir hier Miete zahlen? 1.700 Euro für gute 60 Quadratmeter. Und da sind keine Betriebskosten dabei.“ Woran es liegt, dass der Markt „eingeht“, wie er sagt, weiß Franz Scheumbauer genau.

Kein Künstler-Magnet

Auf der einen Seite würden die gestressten Besucher lieber in großen Supermärkten wie dem Eurospar im Erdgeschoß ihre Lebensmittel einkaufen, auf der anderen Seite gibt er der neuen Parkgebühr die Schuld. „Die Leute, die schnell etwas beim Bäcker kaufen wollen, zahlen keine 1,50 Euro fürs Parken“, sagt Scheumbauer, „Aber die Bezirksvertretung interessiert das nicht.“ Vom angeblichen Aufleben des Bezirks merkt das niederösterreichische Ehepaar nichts. Der Meiselmarkt ist kein Künstler-Magnet wie der Brunnenmarkt. Eher im Gegenteil.

Nicole Schöndorfer, wien.ORF.at

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