Überraschende Wende im Brandstifter-Prozess

Im Wiener Brandstifterprozess hat sich das Schöffengericht für unzuständig erklärt. Die Anklage gegen den 45-jährigen Mietnomaden soll nun auf Mord ausgedehnt werden - in diesem Fall muss allerdings ein Schwurgericht entscheiden.

Der Senat unter Vorsitz von Harald Kaml kam zur Ansicht, dass der dringende Verdacht bestehe, dass es der Angeklagte für möglich gehalten habe, dass bei der Brandstiftung Menschen zu Tode kommen. Damit müsste der Fall vor einem Schwurgericht verhandelt werden. Die für kommenden Dienstag angekündigte Verhandlung findet somit nicht statt.

Prozess Brandstiftung
APA/ Rudi Blaha
Der Angeklagte am Donnerstag im Wiener Straflandesgericht

Delogierung als Auslöser für Brandstiftung

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Sowohl Staatsanwalt Leopold Bien als auch Verteidiger Ernst Schillhammer gaben keine Erklärung ab und erbaten sich Bedenkzeit.

Dem 45-jährigen Techniker wurde seit Donnerstagfrüh wegen Brandstiftung mit Todesfolge der Prozess gemacht. Er soll am 16. April 2014 seine Wohnung in der Innenstadt wegen Mietschulden in die Luft gejagt haben.

Wird die Anklage auf Mord geändert, erhöht sich das Strafausmaß. Statt bis zu 15 Jahre könnte dem Angeklagten lebenslange Haft drohen.

Anklage spricht von „Inferno“

Laut der Anklage verschüttete der Wiener literweise Benzin und entfachte ein Feuer. Die folgende Explosion bezahlte seine Nachbarin mit dem Leben. Die junge Frau, die schlafend im Bett lag, wurde von herabfallenden Mauerteilen getroffen. „Über ihr ist die Wand zusammengebrochen“, schilderte der Staatsanwalt. Die Frau sei eingeklemmt worden und infolge einer Kompression des Brustkorbes erstickt.

Wenige Stunden vor seinem Delogierungstermin soll der Mann, der seit Oktober 2013 keine Miete bezahlt hatte, mitten in der Nacht Feuer gelegt haben. „Aus unerklärlichen Gründen fühlte er sich ungerecht behandelt“, wird in der Anklageschrift zur Motivlage ausgeführt. Die Anklage spricht wörtlich von einem „Inferno“.

Andere aufgeschreckte Hausbewohner retteten sich vor den Flammen aufs Dach, wo sie von der Feuerwehr gerettet wurden. Weitere Mieter mussten mit Drehleitern aus ihren Wohnungen in Sicherheit gebracht werden. Acht Personen erlitten Rauchgasvergiftungen.

„Als hätte eine Bombe eingeschlagen“

„Es hat ausgeschaut wie im Krieg. Als hätte eine Bombe eingeschlagen“, schilderte ein Polizist bei der Verhandlung im Zeugenstand seine Eindrücke, als er zu dem Großbrand gerufen wurde. Sämtliche Fensterscheiben des Wohnhauses seien geborsten, die Fensterrahmen teilweise herausgesprengt worden. Glasscherben, Klimageräte, ein Kühlschrank, zahlreiche Elektrogeräte lagen auf der Straße. 30 Minuten hindurch krachten immer wieder Fassadenteile in die Tiefe.

Der Einsatzleiter der Feuerwehr sprach als Zeuge von einem „sehr intensiven, großen, flächendeckenden Brand“, der sich an mehreren Brandstellen gleichzeitig entwickelt habe. Der dritte Stock des Hauses sei in Vollbrand gestanden. Selbst Fenster der gegenüberliegenden Gebäude seien zu Bruch gegangen.

Er sei seit elf Jahren bei der Feuerwehr: „Das war ein Bild, das man nicht so schnell vergisst.“ Es habe sich um eine „sehr zeitintensive Einsatzarbeit“ gehandelt: „Die Brandbekämpfung war sehr schwierig. Das ganze Haus war zu evakuieren.“ 50 Personen seien mit Fluchtfiltermasken aus dem Haus gebracht worden. Unter einem Schuttkegel habe man schließlich die tote junge Frau gefunden, die an der englischen Elite-Universität Oxford ihren Master gemacht hatte und bereits eine Arbeitsplatzzusage in der Tasche hatte.

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