Späte Rehabilitation: Deserteursdenkmal enthüllt

Das Denkmal für Wehrmachtsdeserteure auf dem Ballhausplatz ist am Freitag offiziell eröffnet worden. Das Mahnmal ist den Verfolgten der NS-Justiz gewidmet. Neben Bundespräsident Heinz Fischer nahmen auch Vertreter der Stadtregierung daran teil.

„Jeder soll wissen, dass es ehrenhaft ist, in der Auseinandersetzung mit einer brutalen und menschenverachtenden Diktatur seinem Gewissen zu folgen und auf der richtigen Seite zu stehen“, sagte Fischer. Dass Wehrmachtsdeserteure viele Jahrzehnte als Verräter angesehen wurden, sei „traurig. Das ist etwas, wofür man sich entschuldigen und schämen muss.“

Die heutige gemeinsame Würdigung „ist ein wichtiger und richtiger Schritt“, sagte Fischer. „Die Desertion aus der Wehrmacht ist immer eine Friedenstat, dafür gebührt allen, die desertiert sind, unser Dank“, sagte der Klubobmann der Wiener Grünen, David Ellensohn. Das Denkmal sei „an einem der zentralsten Plätze der Republik“ aufgestellt worden - „ein idealer Platz als Ausgangspunkt für zivilen Ungehorsam“.

„Tag der Genugtuung“

Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) betonte, dass die Deserteure Teil des antifaschistischen und antinationalsozialistischen Widerstands gewesen seien, und bedankte sich beim Deserteur Richard Wadani, der sich mit „großer Sturheit“ für das Denkmal eingesetzt habe. „Für mich ist der heutige Tag nicht nur erfreulich, sondern auch ein Tag der Genugtuung“, sagte Wadani. Seine vor 70 Jahren getroffene Entscheidung zu desertieren sei nicht von heute auf morgen gekommen, sondern ihm sei „vollkommen klar“ gewesen, „dass man für dieses Regime nicht kämpfen kann“.

Radiohinweis

Ein Interview im Ö1-Mittagsjournal mit dem deutschen Künstler Olaf Nicolai, der das Denkmal gestaltete, ist in oe1.ORF.at nachzuhören.

Autorin Kathrin Röggla erinnerte in ihrer Festrede daran, „dass die Entscheidung zu desertieren nicht alleine das eigene Leben aufs Spiel setzt, sondern noch Generationen später in emotionale Schieflagen bringen kann“. Der Bundesvorsitzende der Freiheitskämpfer/innen, Johannes Schwantner, begrüßte das Mahnmal in einer Aussendung als „wichtigen Schritt zur Würdigung jener Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, weil sie sich weigerten, sich zum Werkzeug des mörderischen NS-Regimes machen zu lassen“.

Tausende Todesurteile gegen Deserteure

Die nationalsozialistische Militärjustiz verhängte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Todesurteile. Die meisten ergingen gegen Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“. 220.000 Euro stellte die Stadt für das im rot-grünen Koalitionspapier verankerte Denkmal zur Verfügung. Es besteht aus einer begehbaren dreistufigen Treppenskulptur, die ein rund zehn mal neun Meter großes liegendes X darstellt. In die Oberfläche wurde eine Inschrift eingelassen, die aus den Worten „all“ und „alone“ besteht und ein Gedicht des schottischen Lyrikers Ian Hamilton Finlay zitiert. Damit soll auf den Widerstand des Einzelnen gegen die Masse verwiesen werden.

Für die Gestaltung des Denkmals zeichnete der Künstler Olaf Nicolai verantwortlich. Umgesetzt wurde das Vorhaben von der Initiative „Kunst im Öffentlichen Raum“ (KÖR). Die ursprüngliche Überlegung, das Denkmal blau zu lackieren, wurde wieder verworfen, stattdessen wurde die Farbe in den Beton gemischt. Das erinnert laut KÖR an ein „verwaschenes Jeansblau“, eine Farbe, mit der der Künstler den Romanhelden aus Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ assoziiert - ein Aussteiger, der sich verweigert.

Jahrelange Debatte

Wehrmachtsdeserteure sind inzwischen vollständig rehabilitiert. Das entsprechende Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz trat 2009 in Kraft. Die Regelung umfasste pauschal alle Deserteure im Zweiten Weltkrieg. Die Prüfung von Einzelfällen wurde damit hinfällig. Der Beschluss des Gesetzes im Nationalrat erfolgte im Herbst 2009 durch SPÖ, ÖVP und Grüne und damit gegen die Stimmen von FPÖ und BZÖ.

Dadurch wurden sämtliche Urteile des Volksgerichtshofs, der Standgerichte und der Sondergerichte in der NS-Zeit für nichtig erklärt, ebenso die Sprüche des Erbgesundheitsgerichts, das Zwangssterilisierungen und -abtreibungen bewirkte. Eine eigene „Rehabilitierungsklausel“ strich explizit Widerstandskämpfer, alle Deserteure und „Kriegsverräter“ hervor.

Eröffnung des Deserteursdenkmals
APA/Hochmuth

Das neue Gesetz war der Endpunkt einer jahrelangen Debatte. Ende der 1990er Jahre veranlasste der Nationalrat die Aufarbeitung der Geschichte der österreichischen Militärjustizopfer. Zusätzlich Bewegung in die Sache kam, als sich 2002 das Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ um den damals 80-jährigen Richard Wadani konstituierte. Im selben Jahr brachten die Grünen im Parlament einen ersten Initiativantrag zur Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz ein.

Prammer forderte Rehabilitierung

2005 erfolgte diesbezüglich ein wichtiger Schritt: Die ÖVP-BZÖ-Regierung beschloss das „Anerkennungsgesetz“. Damit wurden Deserteure sozialrechtlich - also etwa in Sachen Pensionsanspruch - anderen NS-Opfern gleichgestellt, einer vollständigen juristischen Rehabilitierung entsprach das jedoch nicht. Zudem wurde die Regelung mit der Ausbezahlung einer „Trümmerfrauenprämie“ - eine Einmalzahlung nach bestimmten Kriterien für Frauen, die zum Wiederaufbau beigetragen haben - junktimiert.

Im September 2009 sprach sich Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) anlässlich einer Ausstellung zum Thema für eine „lückenlose“ Rehabilitierung aus. Bereits gut einen Monat später präsentierten SPÖ, ÖVP und Grüne eine diesbezügliche Einigung. Der Beschluss im Nationalrat erfolgte schließlich am 21. Oktober 2009.

Lange Diskussionen vor Standortentscheidung

Vor dem Bau gab es ein monatelanges Tauziehen um die Standortentscheidung. Das nicht unumstrittene Denkmal wurde von der FPÖ abgelehnt. Im Herbst 2012 fiel die Wahl auf den Ballhausplatz - mehr dazu in Deserteursdenkmal auf Ballhausplatz.

Das Mahnmal von Nicolai besteht aus einer begehbaren dreistufigen Treppenskulptur in blauem Grundton, die ein rund zehn mal neun Meter großes liegendes X darstellt - mehr dazu in Deserteursdenkmal wird blaue Treppenskulptur. Das X ist laut Projektbeschreibung einerseits ein „Zeichen der Anonymisierung, der der Einzelne unterworfen ist und die ihn zum Zeichen in einer Liste, zum X“ in einem Akt werden lasse, andererseits auch „ein Statement selbstbewusster Setzung - man denke an die Namenswahl Malcolm X“.

In die Oberfläche wird eine Inschrift eingelassen, die lediglich aus den Wörtern „all“ und „alone“ besteht und ein Gedicht des schottischen Lyrikers Ian Hamilton Finlay zitiert. Damit soll auf den Widerstand des Einzelnen gegen die Masse verwiesen werden. 220.000 Euro wurden budgetiert.

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