Wie Wien zur Weltstadt wurde

Mit dem Bau der Ringstraße hat Wiens Wandel zur Weltstadt begonnen. Eine Ausstellung in der Nationalbibliothek dokumentiert jetzt den Boom, ohne auf die schwierigen Lebensumstände der Arbeiter zu vergessen.

Ringstraße
Nationalbibliothek
Schindlers Manuskript

Die Schau im Prunksaal der Nationalbibliothek lässt indirekt auch Zeitzeugen zu Wort kommen. Einer von ihnen ist der Gerichtsbeamte Friedrich Schindler. Er verfasste 1866 ein 66 umfassendes Manuskript, in dem er das Geschehen auf der entstehenden Ringstraße beschrieb. Titel des Berichtes, der an einen Jugendfreund in der Steiermark adressiert ist: „Rundschau von Wien’s Neubauten und Spaziergang durch dessen neue Straßen (kein Fantasiebild)“. Ergänzt wurden die sehr persönlichen Schilderungen mit eingeklebten Zeitungsausschnitten. Die historische Rarität ist nun zum ersten Mal im Original öffentlich zu sehen.

Wien-Erlebnisse von Mark Twain

Auch der Besuch des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain wird in einer Vitrine näher beleuchtet. Der Autor lebte mehrere Jahre lang in der Donaumetropole und verfasste unter anderem den Essay „Stirring Times in Austria“. Darin schilderte er die teils heftigen Auseinandersetzungen im neu eröffneten Parlament.

Insgesamt werden mehr als 200 Schaustücke aus dem Zeitraum von 1823 bis 1930 präsentiert. Auch Pläne der am 1. Mai 1865 von Kaiser Franz Joseph I. feierlich eröffneten Prunkmeile - an der zahlreiche Gebäude noch längst nicht fertiggestellt waren - sind zu sehen. Originalfotos stehen ebenfalls im Zentrum der Ausstellung wie das Stadtpanorama des Künstlers Emil Hütter. Dieses gilt als eines der letzten bekannten Zeugnisse der alten Stadtmauer.

Hütter hielt die Basteien mit ihren Stadttoren und Glacis-Grünflächen fest, die kurze Zeit später weichen mussten. Möglich wird dadurch ein Blick auf Wien, den es bereits bald nach der Fertigstellung des Aquarells nicht mehr gab. Apropos nicht geben: Ungewöhnlich wirken auch die späteren Fotografien, die leere Plätze zeigen, wo später erst das eine oder andere prominente Bauwerk in die Höhe gezogen wurde.

Boom wurde ambivalent aufgenommen

„Wien ist damals aus seiner biedermeierlich beschaulichen Kleinheit erwacht“, verwies ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger auf die Aufbruchsstimmung jener Zeit. Die gewaltigen Veränderungen seien jedoch ambivalent aufgenommen worden, wie die Berichte der Zeitgenossen dokumentieren würden. Ein jedenfalls wenig prunkvolles Dasein fristeten die Arbeiter, die die Ringstraße und ihre prominenten Landmarks wie Staatsoper, Rathaus, Parlament oder Universität errichteten. Auf ihre Geschichte wird in der Nationalbibliothek ebenfalls hingewiesen.

Die Ausstellung „Wien wird Weltstadt. Die Ringstraße und ihre Zeit“ ist bis zum 1. November im Prunksaal der Nationalbibliothek zu sehen.

Der Boom der Ringstraßenzeit führte zu einem massiven Zuzug von Arbeitssuchenden - die meist in abgelegenen ärmlichen Siedlungen in den Vorstädten hausten. Höchst prekär waren die Verhältnisse zudem an den Arbeitsstätten, etwa in den Ziegelwerken am Wienerberg. Gezeigt wird in der Schau unter anderem ein Ziegelstein aus jener Zeit. In krassem Kontrast dazu: Das edel ausstaffierte Werkzeug, das bei der Grundsteinlegung der Votivkirche verwendet wurde.

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