Feministisch-queeres Boxen bei Wienwoche

Das Wienwoche-Festival möchte aufrütteln: Am Programm stehen etwa eine Geisterbahnfahrt durch die Untiefen der österreichischen Geschichte und feministisch-queeres Boxen im einstigen Turnsaal des Sportvereins Maccabi.

Gleich der Auftakt soll ein wenig aufrütteln: Frei nach Mozart heißt es bei der Eröffnungsparty am 18. September im Fluc „Beym Arsch ist’s finster“. Am Programm steht eine taktlose Revue mit neu interpretierten Wiener Klassikern, auftreten werden unter anderem Ana Threat, Catch Pop String Strong, Esrap oder das Fatima Spar Quintett.

Boxtraining gegen Geschlechternormen

Weiter geht es mit dem Grusel: Im Prater fährt man per Geisterbahn durch den „Graus der Geschichte“, der sich in diesem Fall auf die österreichische Vergangenheit bezieht. Ebenfalls historisch wird es - wenn auch vielleicht erst auf den zweiten Blick - beim queer-feministischen Boxklub. Dieser will nämlich an die Tradition jüdischer Sportvereine in Wien anknüpfen.

Das Boxtraining findet im BRICK-5, dem einstigen Turnsaal des Sportvereins Maccabi, statt. Die Zielgruppe sind Frauen, Femmes, Butches, Transmänner, Transfrauen, Intersex-Personen, Genderqueers, Lesben und Schwule. Mit seiner spezifischen Einladungspolitik stellt sich das Boxtraining gegen herrschende Geschlechternormen, wie sie auch oft bei Sportvereinen anzutreffen sind. Das gemeinsame Auskosten von Aggressionen und das Erkennen eigener und anderer Grenzen gehören dabei zu den Zielen des Jewish Renaissance Boxing Club - Vienna.

Wienwoche Sujet, Autodrom
Michael Krebs
Per Geisterbahn durch den „Graus der Geschichte“

Nationalsozialismus: „Was hast du mitbekommen?“

Im Diskussionscafe „Was hast du mitbekommen?“ soll sich ebenfalls mit der NS-Vergangenheit auseinandergesetzt werden. Das Festival widmet sich auch der Uni Wien, die heuer ihr 650-Jahr-Jubiläum begeht: Anlässlich der Feierlichkeiten wird es „Prekärparcours“ geben - geführte Audiospaziergänge, die prekäre Zustände an der Uni thematisiert.

Auch das - derzeit geschlossene - Weltmuseum wird als Institution unter die Lupe genommen: „Wer hat Angst vor dem Museum?“ heißt es dort in einer Ausstellung lateinamerikanischer Künstler - mehr dazu in Weltmuseum gab menschliche Überreste zurück (wien.ORF.at; 19.5.2015).

Man wolle gute, aber keine Gute-Nacht-Geschichten erzählen, wie das Leitungsteam bekräftigte. Eine dieser könnte etwa das Road Movie „Auf nach Europa“ sein, in dem Mohamed Mouaz seine Fluchtroute von Algerien bis Wien noch einmal bereist. Um Kämpfe und Proteste in unterschiedlichsten Ausformungen geht es etwa im mehrsprachigen Audiotheater „65 Jahre Klassenharmonie“, das die Sozialpartnerschaft in Österreich thematisiert. Die ersten queeren, schwarzen und feministischen Filmtage bringt „The Black Her*Stories Project“ nach Wien.

Leiter
Drago Palavra / WIENWOCHE
Radostina Patulova und Can Gülcü organisieren die Wienwoche 2015

„Lampedusa“ als Musiktheater

Auch die aktuelle Asyldebatte wird zum Thema der Wienwoche: Unter anderem mit Dieter Kaufmanns Musiktheater „Lampedusa“ oder dem Vernetzungsforum „Ziviler Gehorsam?“, das Aktivisten zusammenbringen soll. Zum Abschluss am 3. Oktober ist „KleynKunst Theater“ im Vindobona geplant: Bühnenkunst der 1920er-Jahre trifft hier auf queere Performances, jiddische Schlager auf Kabarett aus Berlin-Kreuzberg.

Die Wienwoche gibt es seit 2012, seit diesem Jahr zeichnen Can Gülcü und Radostina Patulova (bis 2014 gemeinsam mit Petja Dimitrova) für die künstlerische Leitung und Geschäftsführung verantwortlich. Mit 1. Jänner 2016 werden Natasa Mackuljak und Ivana Marjanovic diese Aufgabe übernehmen. Das Gesamtbudget beträgt 453.000 Euro und wird zu 100 Prozent aus Mitteln der Stadt Wien bestritten.

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