Naschmarkt: Gemüsehändlern fehlen Kunden

Obst- und Gemüsehändler am Naschmarkt klagen, dass sie immer weniger verkaufen. Zu viele Touristen, zu wenig Einheimische seien das Problem. Ein neues Modell soll mehr regionale Produkte auf den Markt bringen.

Der Naschmarkt an einem Wochentag: Die Touristen tummeln sich in Scharen zwischen den Ständen. Sie schauen sich die Produkte an, machen Fotos, kaufen aber nicht immer etwas. Einheimische sind nur wenige zu sehen. Die sieben Obst- und Gemüsehändler am Markt sagen, die Touristen kaufen kein Gemüse, sondern höchstens einmal ein Stück Obst, das auf dem Weg gegessen wird.

„Einheimische kaufen fast nicht mehr hier ein. Früher hatte ich circa 80 Stammkunden, die ihren Großeinkauf für die Familie gemacht haben“, sagt ein alteingesessener Obst- und Gemüseverkäufer. Für ihn sind am Markt „zu viele Touristen, die bringen mir nichts. Ich höre von vielen Leuten, dass sie am Naschmarkt nicht einkaufen möchten, da man nicht in Ruhe einkaufen kann.“ Ein weiterer Grund warum es keine Einheimischen mehr auf den Markt zieht, seien laut ihm die fehlenden Parkplätze. „In den letzten Jahren ist alles anders geworden. Es gibt zu viel Gastronomie, ich weiß nicht, was ich tun soll.“

Gemüsehändler leben von Lieferung an Gastronomie

Seit über 100 Jahren gibt es den Markt. Der Naschmarkt ist mit rund 60.000 Besuchern wöchentlich der meist frequentierte Markt Wiens. Von den 120 Ständen sind sieben Obst- und Gemüseverkäufer. Wie viele von ihnen es vor zehn Jahren gab, kann das Marktamt nicht sagen, da es keine Zählungen von damals gibt.

Auch Serkan Bulut beklagt sich. Laut dem Obst- und Gemüseverkäufer kommen hauptsächlich Touristen auf den Markt. „Gott sei Dank habe ich noch ein paar Stammkunden“, sagt Bulut, diese kommen hauptsächlich am Wochenende. Weil mit dem Verkauf am Stand nicht mehr das große Geld zu machen ist, beliefert der Großteil der Obst- und Gemüseverkäufer am Markt auch Wiener Gastronomen. Bulut liefert an 60 bis 70 Lokale, ohne dieses zweite Standbein sei es schwer zu überleben. „Von den Touristen kann man nicht leben“, sagt er, er lebt von den Lieferungen.

Keine attraktiven Preise?

Viele der Standler wollen über ihre Situation nicht reden, ein Verkäufer sagt nur „Uns geht es schlecht, Touristen kaufen kein Obst- und Gemüse, Einheimische kaufen weniger.“ Auf die Frage: Wovon sie leben würden, geben die meisten keine Antwort oder „Man muss ja durchkommen“. Die Obst- und Gemüsehändler dürften rein rechtlich auch auf andere Lebensmittel umsteigen, sie könnten auch Trockenfrüchte wie viele andere Standler verkaufen.

Ob auf dem Naschmarkt Obst und Gemüse teurer sind als auf den anderen Wiener Märkten, kann Michael Horak, Gruppenleiter Märkte und Wirtschaft der MA 59, nicht sagen, außer dass es billigere Märkte wie den Meidlinger Markt und teurere wie den Kutschkermarkt in Währing gibt.

Naschmarkt
ORF/Laura Schrettl

Neues Modell fördert regionale Produkte am Markt

Beim Bauernmarkt am Naschmarkt, der Freitag und Samstag stattfindet, kommen die Wiener und Wienerinnen wieder gerne für ihren Einkauf. Damit es die Einheimischen auch unter der Woche wieder mehr an den Naschmarkt zieht, ist derzeit ein neues Modell in Planung. Dies soll Händler motivieren Produkte von Bauern zu verkaufen.

Bauern dürfen am Markt nur ihre eigenen Produkte verkaufen, nicht aber zusätzlich Produkte von anderen Landwirten, da sie Produzenten und keine Händler sind. Nun versucht die Initiative Kulinarik Österreich mehr landwirtschaftliche Produkte auf die Wiener Märkte zu bringen und Marktstandler zu motivieren Produkte von Bauern zu verkaufen. In den letzten zwei Jahren hat es laut Horak dazu bereits Termine auf diversen Wiener Märkten gegeben, um Kooperationen mit Marktständen zu finden.

„Dadurch könnte man Produkte bei mehreren Bauern abholen und diese dann am Markt verkaufen“, sagt Horak. Somit müsste der Bauer für den Verkauf seiner Produkte nicht extra nach Wien kommen und die Lebensmittel könnten auch unter der Woche verkauft werden.

„Größtes Interesse mehr Landwirte herzubringen“

Horak ist für alle Wiener Märkte zuständig, laut ihm ist, "Der Markt attraktiv für Einheimische. Man bekommt auf dem Naschmarkt viele Produkte, die man sonst nirgends findet“, sagt Horak. „Vor zwanzig Jahren war der Markt im unteren Bereich, bei der Schleifmühlenbrücke, Stadt einwärts, tot.“

„Wir haben größtes Interesse mehr Landwirte herzubringen, aber wir können niemanden zwingen“, sagt Horak. Es gibt seit kurzem auch eine Bio-Ecke, wo elf Standler Platz gefunden haben. „Touristen kaufen auch am Markt ein, aber nicht in dem Ausmaß. Wenn die Einheimischen nicht da wären, würde der Markt nicht überleben. Das Hauptgeschäft macht man schon mit den österreichischen Konsumenten.“

„Einheimische werden vom Markt verdrängt“

Die Situation der Obst- und Gemüseverkäufer und dass es unter der Woche wenig Regionales am Markt gibt, sind nur zwei von vielen Gründen die Peter Jaschke am Naschmarkt stören. Er hat vor vier Jahren die Initiative „Rettet den Naschmarkt“ gegründet. „Ihren Standardeinkauf machen die Einheimischen nicht mehr hier, sondern kaufen nur für einen Anlass. Die Leute, die jeden Tag herkommen und einkaufen kann man an einer Hand abzählen. Das ist kein Markt mehr, das ist Disneyland, wo man durchgehen kann und schauen“, sagt Jaschke.

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