Entminungsdienst: „Es kann ‚bumm‘ machen“

Im Durchschnitt vier Einsätze hat der Entminungsdienst täglich in ganz Österreich. In Wien waren es im Vorjahr 71. Worauf zu achten ist und was die Entminer machen, erklärt der Leiter, Wolfgang Korner, im Gespräch mit wien.ORF.at.

Im Vorjahr gab es in ganz Österreich 1.200 Einsätze des Entminungsdienstes, dabei wurde 45.631 Kilogramm Kriegsmaterial geborgen. Dass der Entminungsdienst eines Tages nicht mehr gebraucht wird, sei unwahrscheinlich. Auch wenn ein rechnerisches Modell zeigt, dass ein Areal von der Größe Österreichs theoretisch im Laufe von 300 Jahren einmal zur Gänze umgegraben wird.

Handgranaten Entminungsdienst
ORF/Matthias Lang
Im Stützpunkt wird Material zu Unterrichtszwecken gesammelt

wien.ORF.at: Gibt es einen Zeitpunkt, wann der Entminungsdienst nicht mehr notwendig sein wird?

Wolfgang Korner: Es gibt keine Schätzung, wie viel Material in Österreich noch existiert. Das kommt daher, dass Österreich nicht nur als Rückzugsland und bei Kampfhandlungen involviert war. Hier haben auch viele Armeen abgerüstet, vor allem im Kärntner Raum. Gerade zu Kriegsende kann man nicht mehr sagen, wer wie viel Munition wo eingesetzt hat.

Ein rechnerisches Modell besagt, dass auf einem Areal ungefähr der Größe Österreichs nach 300 Jahren jeder Stein einmal umgegraben wird. In Naturschutzgebieten wird aber sicher nie umgegraben oder ein Baum gefällt, daher ist das eine wacklige Theorie. Wir selbst merken das, denn hin und wieder finden wir noch Material aus den napoleonischen Zeiten.

wien.ORF.at: In Wien gab es im Vorjahr mit 71 Einsätzen vergleichsweise wenig zu tun, welche Ursache hat das?

Korner: Den Entminungsdienst gibt es seit Kriegsende. Logischerweise fand die Entmunitionierung in Städten in größerem Rahmen statt. Da waren nicht wie heute 15 Personen, sondern Hundertschaften im Einsatz. Jeder Soldat, der aus dem Einsatz zurückkam, wurde gebeten mitzuhelfen. Damals führte man allerdings keine Aufzeichnungen. Man war froh, dass das Material beseitigt war. Das wurde einfach gesprengt.

Heute wird erwartet, dass bei großen Bauprojekten viele Bomben und Munition zu Tage kommen. Zum Beispiel beim Bau des Hauptbahnhofs. Was man vergisst, ist, dass schon während und kurz nach dem Krieg Blindgänger entfernt wurden. Beim Hauptbahnhof fand man gerade einmal zwei Bomben und die nicht direkt am Gelände sondern an den Randbereichen.

Handgranaten Entminungsdienst
ORF/Matthias Lang
Handgranaten gibt es in unterschiedlichen Formen und Farben

wien.ORF.at: Wann wird der Entminungsdienst aktiv?

Korner: Der Zuständigkeitsbereich des Entminungsdienstes ist Kriegsmaterial bis zum Erzeugungsjahr 1955. Aber nur jenes, das sich in keiner Obhut befindet. Dort wo es in den Kriegsjahren gelegen ist, dort ist der Entminungsdienst zuständig. Wenn es jemand von dort selbstständig entfernt, macht derjenige sich nach Waffengesetz strafbar. Denn da nehme ich es in Obhut und dann wäre schon der Entschärfungsdienst zuständig.

wien.ORF.at: Wenn man das gefundene Material aufnimmt, was kann passieren?

Korner: Es kann natürlich plötzlich „bumm“ machen. Dabei kommt es aber immer auf die Munition an, die man aus Nichtwissen angreift. Es gibt ganz einfach Munitionsarten, die bei Bewegung explodieren können. Es ist jetzt natürlich nicht häufig, dass so etwas passiert. Sonst würde das täglich in der Zeitung stehen, aber wir haben doch über 1.000 Einsätze im Jahr.

Handgranaten Entminungsdienst
ORF/Matthias Lang

Seit 2013 ist der Entminungsdienst wieder im Zuständigkeitsbereich des Bundesheeres. Der Entschärfungsdienst hingegen ist Teil der Cobra und damit beim Innenministerium.

wien.ORF.at: Wie läuft ein Einsatz des Entminungsdienstes ab?

Korner: Wenn ich etwas in meinem Garten finde, gehe ich zum nächsten Polizeiposten. Der ruft den Entminungsdienst, früher im internen System, jetzt über eine zentrale Stelle bei der Landesverteidigung.

Vor Ort schauen wir uns das Kriegsmaterial aus der Nähe an. Wir gehen da nicht in einem Bombenschutzanzug hin. Wenn es explodieren hätte sollen, dann wäre es beim Auffinden explodiert. Anhand unserer Erfahrung erkennen wir, womit wir es zu tun haben und führen sofort eine Gefahrenabschätzung durch. Da stellen wir fest, ob dieses spezifische Kriegsmaterial handhabungssicher ist oder nicht. Handhabungssicher bedeutet, dass ich das Material aufnehmen kann und mit dem Auto abtransportieren. Im anderen Fall müsste man vor Ort sprengen.

Handgranaten Entminungsdienst
ORF/Matthias Lang
In einer Art „Museum“ werden Funde aufbewahrt

wien.ORF.at: Wie viel muss eine Privatperson für einen Einsatz bezahlen?

Korner: Die Einsätze des Entminungsdienstes sind kostenlos. Es gibt kein Beispiel wo jemand zahlen musste. Es sind wirklich alle Fälle kostenlos, auch wenn ich ein eingegrabenes Sonnenschirmgewicht finde und glaube, dass das eine Mine ist. Wenn es sich als Fehlalarm herausstellt, ist man auch als Mitarbeiter des Entminungsdienstes eher froh. Rechnung kommt trotzdem keine.

wien.ORF.at: Wie kommt man dazu, beim Entminungsdienst zu arbeiten?

Korner: Nicht so, wie man sich das vielleicht vorstellt. Dass man als kleiner Junge denkt, man muss Bomben basteln, ist nicht der Fall. Es ist meistens so, dass man im Berufsleben davon hört, sich bewirbt und dann genommen wird. Man muss kein Heeresangehöriger sein, aber man muss im Bundesdienst arbeiten.

Dass man zum Entminungsdienst kommt, ist meistens Zufall. Ein technischer Beruf ist natürlich vom Vorteil, weil man eben ein technisches Verständnis benötigt, um die Funktion eines Zünders zu verstehen. Alles Weitere lernt man dann bei uns, die Ausbildung dauert drei Jahre. Wir betreiben „learning by doing“. Es reicht bei einer Bombe nicht, dass man weiß, wie sie auf Plänen aussieht.

Handgranaten Entminungsdienst
ORF/Matthias Lang
500-Kilogramm-Fliegerbomben waren die größten Eingesetzten

wien.ORF.at: Aus welchem Grund gab es die Trennung zwischen Entminungs- und Entschärfungsdienst?

Korner: Die Trennung erfolgte aus politischen Gründen, die mir allerdings nicht bekannt sind. Unmittelbar nach dem Krieg war der Entminungsdienst Teil des Heeresamtes. In deren Aufgaben lag auch beispielsweise die Versorgung der Heimkehrer, die von der Front oder aus Gefangenschaft zurückkamen. Die Alliierten wollten in dem Land keine militärische Einheiten und Ende 1945 haben sie das unterbunden.

Der Entminungsdienst musste allerdings weiterbestehen und kam zum Innenministerium. Nach Abzug der Besatzungsmächte bekam das Bundesheer andere Aufgaben, primär die der Verteidigung nach außen. Deshalb verblieb der Entminungsdienst beim Innenministerium.

Der jetzige Entschärfungsdienst entwickelte sich Mitte der 1960er Jahre aus dem Entminungsdienst, anlässlich der Anschläge in Südtirol. Außerdem gibt es noch die Vorfeldorganisation Sprengstoffkundige Organe (SKO). Das sind Exekutivbeamte, die als erstes zu einem Einsatz kommen, wenn der Polizist nicht weiß, was für heikles Material gefunden wurde. Da ist rund um die Uhr jemand im Dienst, der entscheidet, ob jemand vom Entschärfungs- oder Entminungsdienst kommt.

Das Gespräch führte Matthias Lang, wien.ORF.at

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