Deo aus Kokosöl: Zero Waste am Vormarsch

Joghurt aus dem Glas, Obst im Leinenbeutel und Deo aus Kokosöl: Verschiedene Projekte widmen sich einem müllfreien Lebensstil, immer mehr Menschen ändern ihr Kaufverhalten. Die Zero Waste-Bewegung in Wien wächst.

„Ich habe zuerst einmal geschaut, in welchen Bereichen es mir am leichtetesten fällt und habe dort begonnen“, sagt Vivien May, die vor eineinhalb Jahren begonnen hat, einen Zero Waste-Lebensstil umzusetzen. „Deswegen habe ich bei Lebensmitteln begonnen. Ich bin also mit Leinensackerln zum Einkauf gegangen, habe beim Bäcker gefragt, ob ich das Brot ohne Verpackung bekommen kann, habe Joghurt in Gläsern gekauft und Waschpulver in recyclebarem Karton.“

Ein Einmachglas Müll in einem Jahr

Die große Ikone der Zero Waste-Bewegung ist Bea Johnson. Sie lebt mit ihrer Familie in den USA und führt seit 2008 ein Zero Waste-Leben. Vergangenes Jahr hat die vierköpfige Familie lediglich ein Einmachglas voll Müll produziert - gemeinsam. Johnsons Credo lautet: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle und Rot (übersetzt: Vermeiden, reduzieren, wiederverwerten, reparieren, recyclen, kompostieren).

Bea Johnson Zero Waste
APA/AFP/PHILIPPE HUGUEN
Das ist der Müll, den Johnson mit ihrer Familie 2015 produziert hat

„Ich habe mir ihr Buch gekauft. Darin sind einige gute Tipps für den Alltag, die ich umgesetzt habe. Ausschlaggebend für meinen Entschluss, ein müllfreies Leben zu führen, waren Blogs, Reportagen und Dokumentationen“, so May. Tatsächlich beschäftigen sich zahlreiche englisch- und deutschsprachige Blogs mit dem Thema, ein Leben ohne Müll zu führen. Dabei geht es nicht nur um Tipps, wie am besten eingekauft wird, sondern auch um Anleitungen, wie sich bestimmte Produkte zu Hause verpackungsfrei produzieren lassen – zum Beispiel eben Deo.

„Verpackungen als Symbol der Wegwerfgesellschaft“

Die Anzahl an Menschen, die sich in Wien in dem Bereich Zero Waste engagiert, ist noch überschaubar. Helene Pattermann hat deswegen die Plattform „Zero Waste Austria“ gegründet. „Es ist eine kleine Community, durch die Vernetzung soll sie stärker werden und ein allgemeines Bewusstsein schaffen“, so Pattermann.

Lunzers Maß-Greisslerei
Lunzers Maß-Greisslerei
Lunzers Maß-Greisslerei kommt ohne Verpackungen aus

Auch die verpackungsfreie Einkaufsmöglichkeit Lunzers Maß-Greisslerei in der Leopoldstadt gehört zu der Plattform. Andrea Lunzer, die Gründerin, hat früher selbst in der Verpackungsindustrie gearbeitet: "Ich war dafür zuständig, dass Lebensmitteln verpackt werden. Verpackungen sind Symbol der Wegwerfgesellschaft und extrem kurzlebig. Noch dazu müssen sie durchsichtig sein, damit man das eigentliche Produkt sehen kann.“

Einmachgläser und Beuteln für den Transport

„Die Verpackungsindustrie ist sehr jung. Unsere Großeltern sind auch zu ihren Lebensmitteln gekommen, obwohl es keine Verpackungen gab. Die Herausforderung war also, die Idee von früher ins heute zu übertragen“, so Lunzer. Seit etwa zwei Jahren können nun Obst, Gemüse, Wurst, Käse, Brot Reinigungsmittel etc. ohne Verpackung in der Greisslerei gekauft werden. „Es ist ein Work in Progress. Wir lernen ständig weiter und sind immer auf der Suche nach Lieferanten, die verpackungsfrei liefern“, sagt Lunzer.

Zero Waste Aufbewahrungsbox
Helene Pattermann/Zero Waste Austria
Edelstahlboxen als Alternative zu Plastikdosen

Transportiert können die Produkte in mitgebrachten Einmachgläsern oder Beuteln werden, aber Aufbewahrungsmöglichkeiten können auch dort gekauft werden. Lunzer selbst lebt auch nach dem Prinzip Zero Waste: „Ich kann bei mir schauen, wo ich Schwierigkeiten habe und dann davon ausgehen, dass es meinen Kunden da genauso geht.“

120 Kilogramm Pilze aus 800 Kilogramm Kaffeesud

Mit dabei bei „Zero Waste Austria“ sind auch Projekte wie „Unverschwendet“ oder „Iss mich!“, die sich mit Lebensmittelverschwendung beschäftigen und aus weggeworfenen Lebensmitteln Mahlzeiten zubereiten. Aber auch „Milch“, ein Label, das aus alten Herrenanzügen Kleider schneidert, sowie „Hut und Stiel“ sind Teil der Plattform.

120 Kilogramm Pilze können Manuel Bornbaum und Florian Hofer von „Hut und Stiel“ wöchentlich gewinnen - und zwar aus Kaffeesud. Rund 800 Kilogramm davon sammeln sie bei Kaffeehäusern rund um ihren Standort in Brigittenau ein. Gemeinsam mit einem Nebenprodukt der Kaffeeröstung, dem Kaffeehäutchen, sowie Kalk und Myzel wird der Kaffeesud in Säcke gefüllt. „Nach etwa fünf Wochen sind dann die ersten Pilze da“, sagt Bornbaum. Diese werden an etwa acht verschiedene Gastronomen verkauft.

Hut und Stiel
Hut und Stiel
„Hut und Stiel“ gewinnt Pilze aus Kaffeesud

Zero Waste ist „kein Luxus“

Exklusive Greisslereien, Leinenbeutel, Pilze aus Kaffeesud, hochwertiges Material, das lange hält – das klingt teuer. Pattermann ist jedoch der Meinung, dass Zero Waste kein Luxus-Lebensstil ist: „Eigentlich spart man Geld, wenn man es macht. Man kauft Produkte, die lange halten und nicht ständig erneuert werden müssen. Zum Beispiel bei Trinkflaschen: Wenn man einmal in eine gute Flasche investiert, die man jahrelang verwenden kann, spart man bald Geld, weil man nicht ständig eine neue Plastikflasche kaufen muss.“

Lisa Rieger, wien.ORF.at

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