Experte: Wiener Türken eher pro Erdogan

In Wien leben derzeit 76.400 Türkinnen und Türken, sie sind mehrheitlich Anhänger der Regierungspartei AKP, wie Türkei-Experte Hakan Akbulut im „Wien heute“-Gespräch erklärte. Am Samstag hatten erneut 1.200 Menschen demonstriert.

Nach der Demonstration in der Nacht von Freitag auf Samstag sind Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (AKP) am Samstagnachmittag in Wien erneut auf die Straße gegangen. Das liegt auch daran, dass die in Wien lebenden Türken mehrheitlich AKP-Anhänger seien, so Türkei-Experte Hakan Akbulut vom Österreichischen Institut für internationale Politik.

Türkei-Experte Hakan Akbulut im Studio

Hakan Akbulut vom Österreichischen Institut für Internationale Politik über den Putschversuch und die Reaktion der türkischen Community.

„Man muss natürlich anerkennen, vor allem wenn man sich die Wahlergebnisse des vergangenen Jahrs anschaut, dass hier in Österreich lebende Türken mehrheitlich die AKP wählen. Wir können also annehmen, dass die Menschen, die jetzt hier auf die Straße gehen, mehrheitlich die AKP unterstützen“, so Akbulut im „Wien heute“-Interview mit Elisabeth Vogel. Die türkische Community habe auch kein Problem damit, sich mit der türkischen Regierung zu solidarisieren: „Sie stehen offen zu Erdogan, sie stehen zur AKP, die aus ihrer Sicht eine sehr erfolgreiche Partei ist.“

Hakan Akbulut
ORF
Türkei-Experte Akbulut verortet die Wiener türkische Community eher pro AKP

Putschversuch „empört viele Menschen“

Allerdings gehe es nur teilweise um politische Sympathien, sondern auch um den Widerstand gegen eine Machtübernahme durch das Militär: „Ich glaube, viel signifikanter für die Geschehnisse vom Freitag ist der Umstand, dass ein Teil der Armee versucht hat, die Regierung zu stürzen. Das empört viele Menschen, auch hier in Wien. Sie sind besorgt, und natürlich möchten sie ihren Protest kundtun“, so der Experte. Die türkische Community zeigte sich auch am Samstag „geschockt“ - mehr dazu in Putschversuch: Türkische Community geschockt.

Denn man müsse nur in die Geschichte des Landes schauen, um zu sehen, dass ein Putsch bzw. ein Putschversuch für die Türkei „leider kein Novum“ sei. "Wir haben zwar geglaubt, dass diese Vorgehensweise aufgrund der Reformen in den vergangenen Jahren überwunden sei. Aber wir haben zur Kenntnis nehmen müssen: „Wir sind leider noch nicht so weit“, erklärte Akbulut.

Demo Erdogan
APA/Herbert P. Oczeret
Rund 1.200 Menschen marschierten für Recep Tayyip Erdogan

1.200 Menschen zogen über die Mariahilfer Straße

Circa 1.200 Demonstrationsteilnehmer zogen am Samstag vom Christian-Broda-Platz zum Heldenplatz. Die Pro-Erdogan-Kundgebung verlief laut Polizei friedlich - allerdings demolierten Teilnehmer auf der Mariahilfer Straße den Schanigarten eines kurdischen Lokals.

Die „Demonstration gegen den Militärputsch in der Türkei“ wurde von der als Erdogan-nah geltenden Union Europäisch-Türkischer Demokraten organisiert. Neben „Türkiye“ (Türkei), „Recep Tayyip Erdogan“ und „Allahu akbar“ (Gott ist unvergleichlich groß) wurde auch gegen den in den USA im Exil lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen skandiert. Dieser wird von den Erdogan-Anhängern und Erdogan selbst für den nächtlichen Putschversuch des Militärs in der Türkei verantwortlich gemacht.

Demo Erdogan
APA/Herbert P. Oczeret
Bis auf einen kleinen Zwischenfall verlief die Demo ruhig

Zwischenfall vor türkisch-kurdischem Lokal

Dem Polizeisprecher zufolge gab es auf der Mariahilfer Straße eine nicht näher definierte „kurze Provokation von außen“. Teilnehmer der Demonstration demolierten schließlich den - zuvor von der Polizei geräumten - Gastgarten eines Lokals der türkisch-kurdischen Restaurantkette Türkis, lieferten sich Wortgefechte mit den Kellnern und richteten Beschimpfungen in Richtung des Lokals.

Die Einsatzkräfte reagierten umgehend und positionierten sich Mann neben Mann vor dem Lokal, Passanten wurden gebeten, das Areal zu verlassen. Auch Polizeihundeführer waren mit ihren Tieren an Ort und Stelle. Es kam zu einigen Rangeleien, aber die Situation eskalierte nicht. Laut dem Polizeisprecher kam es allerdings zu einer Körperverletzung - nähere Informationen dazu gab es aber vorerst nicht.

Abschlusskundgebung auf Heldenplatz

Nachdem der Demonstrationszug an dem Lokal vorbeigeschleust worden war, entspannte sich die Situation. Der restliche Marsch über den Ring bis zum Heldenplatz, wo die Abschlusskundgebung stattfand, verlief anscheinend friedlich. „Es ist sehr ruhig verlaufen“, zog der Polizeisprecher nach dem Ende der Demonstration eine erste Bilanz. Schon in der Nacht hatten rund 4.000 Menschen gegen den Putschversuch demonstriert - mehr dazu in Tausende demonstrierten für Erdogan.

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