Peter Seisenbacher: Ermittlungen seit 2013

Der ehemalige Judo-Doppelolympiasieger Peter Seisenbacher hätte im Dezember in Wien vor Gericht stehen sollen, war aber ferngeblieben. Anfang August wurde er in Kiew verhaftet. Gegen ihn wurde bereits seit 2013 ermittelt.

Im Juni 2014 bestätigte die Staatsanwaltschaft Wien erstmals Ermittlungen gegen den ehemaligen Spitzensportler und damaligen Judotrainer Seisenbacher. Sie hatte seit Herbst 2013 gegen den Sportler ermittelt, nachdem in Judokreisen schon länger Gerüchte über sein Naheverhältnis zu weiblichen, noch unmündigen Schützlingen die Runde gemacht hatten. Diese waren ihm als Vereinstrainer anvertraut. Die strafrechtlichen Untersuchungen kamen ins Laufen, nachdem Betroffene direkt an die Staatsanwaltschaft herangetreten waren - mehr dazu in Seisenbacher in vier Fällen verdächtig.

Peter Seisenbacher 2012 bei den Olympischen Spielen in London
APA/Helmut Fohringer
Peter Seisenbacher wurde in Kiew verhaftet

Der Wiener gewann 1984 und 1988 Gold bei den Olympischen Spielen und war nach seinem Karriereende Trainer bei diversen Nationalmannschaften. Die Staatsanwaltschaft Wien erhob im Oktober 2016 Anklage wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen und Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses - mehr dazu in Missbrauch: Seisenbacher angeklagt.

Wiederholter Missbrauch Minderjähriger

Die mutmaßlichen Opfer dürften in Seisenbacher eine „Vaterfigur“ gesehen haben, wie aus der Anklage hervorgeht. Das jüngste Mädchen war erst neun Jahre alt, als die Übergriffe 1997 begonnen haben sollen. Der Ex-Judoka war mit dem Vater der Schülerin befreundet. Von 1999 an - das Mädchen war dann elf - kam es der Staatsanwaltschaft zufolge zu geschlechtlichen Handlungen, die als schwerer sexueller Missbrauch einer Unmündigen qualifiziert sind. Bis zur Vollendung des 14. Lebensjahrs soll die Schülerin wiederholt missbraucht worden sein.

Ein 13-jähriges Mädchen soll Seisenbacher ab dem Sommer 2004 missbraucht haben. Auf einem Judosommerlager auf der Insel Krk soll er im August 2001 versucht haben, einem dritten Mädchen näherzukommen. Die damals 16-Jährige wehrte ihn ihrer Darstellung zufolge aber ab. Für die Staatsanwaltschaft stellt sich dieser Vorgang als versuchter Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses dar.

Nicht von der Anklage umfasst ist eine angeblich intime Beziehung, die Seisenbacher vom Sommer 2001 bis Ende 2002 zu einer weiteren 16-Jährigen geführt haben soll. Grund: Die Staatsanwaltschaft bezieht sich in ihrer Anklage auf das „ausdrückliche Einverständnis“ der damals zwar nicht Volljährigen, aber nicht mehr Unmündigen.

Leerer Stuhl Gericht Seisenbacher
APA/Helmut Fohringer
Zu dem Prozess im Dezember erschien er nicht

Ließ Prozess platzen

Im Dezember hätte Seienbacher dann vor Gericht erscheinen sollen, er ließ den Prozess jedoch platzen. Seisenbacher tauchte unentschuldigt nicht auf - offenbar auch zur Überraschung seines Verteidigers Bernhard Lehofer: „Ich weiß nicht, warum er nicht gekommen ist.“ Er habe zuletzt „vor einigen Tagen“ Kontakt mit Seisenbacher gehabt und sei davon ausgegangen, dass dieser wie zugesichert erscheinen werde.

Telefonisch war der Ex-Judoka „nicht erreichbar“. „Ohne den Angeklagten tun wir uns schwer“, sagte Richter Christoph Bauer und vertagte die Verhandlung auf unbestimmte Zeit - „zur Ausforschung und Stelligmachung des Angeklagten“, wie er formulierte - mehr dazu in Seisenbacher erschien nicht zu Prozess.

Festnahme in Kiew

Der Festnahme in Kiew waren monatelange Ermittlungen der Zielfahnder des Bundeskriminalamtes (BK) vorangegangen - unter anderem wurden die Telefone Seisenbachers überwacht. Die Festnahme erfolgte durch ein Sonderkommando der Polizei Kiew, die den 57-Jährigen in seiner Wohnung überraschen und widerstandslos festnehmen konnten.

Über Antrag der Staatsanwaltschaft war schon wenige Stunden nach dem geplatzten Prozess eine Festnahmeanordnung aus dem Haftgrund der Fluchtgefahr ergangen. In Verbindung damit wurde ein Haftbefehl erlassen. Am 2. August wurde über ihn in Kiew Auslieferungshaft verhängt - mehr dazu in Ex-Judoka Seisenbacher in Auslieferungshaft.

Mehrfacher Judo-Nationaltrainer

Seisenbacher ist bis heute einer der erfolgreichster Sommersportler Österreichs. Als erstem Judoka überhaupt war es ihm gelungen, bei zwei aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen Gold zu holen: 1984 in Los Angeles, und 1988 in Seoul. Zudem konnte er einen WM-Erfolg und acht EM-Medaillen verbuchen. Der am 25. März 1960 geborene Wiener ist Vater einer Tochter und eines Sohnes.

Nur vier Wochen nach seinem Rücktritt vom Sport wechselte er ab 1989 ins Amt des Sporthilfe-Generalsekretärs. Im Juni 1991 musste sich Seisenbacher - um sein Amt zu behalten - bei SPÖ-Sportminister Harald Ettl entschuldigen. In seiner Funktion als Verbandskapitän des Österreichischen Judoverbandes (ÖJV) hatte er bei einem Turnier einem Grazer Judoka nach einer Meinungsverschiedenheit eine Ohrfeige verpasst. Vom ÖJV fasste er ob der Unbeherrschtheit eine einjährige Sperre aus, später legte er nach Differenzen seine Funktion zurück. Im Oktober 1993 trat er als Sporthilfe-Generalsekretär ab.

In der Folge ließ der Judosport den Wiener aber trotzdem nie los, so war er von 2010 bis 2012 als Nationaltrainer für Georgien verantwortlich. Unter seiner Führung errang Georgien unter anderem bei den Spielen 2012 in London eine Goldmedaille. Von 2012 bis 2013 fungierte Seisenbacher dann als Coach in Aserbaidschan und anschließend wieder ab 2015.

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