Leben mit der Mindestsicherung

In der Debatte um die Mindestsicherung geht es meist um Zahlen. Wir haben zwei Menschen getroffen, deren Geschichten typisch für Wiens knapp 200.000 Betroffene sind, und mit ihnen über ihren Alltag und ihr Budget gesprochen.

„Ich bin frei“, sagt Anna und strahlt ein bisschen. Sechs Jahre lang hat die 55-jährige Alleinerzieherin Mindestsicherung als Aufstockung zu ihrem Gehalt bezogen. Jetzt bekommt sie für ihr jüngstes Kind wieder mehr Unterhalt und ist, auch wenn in Summe nicht viel mehr Geld bleibt, nicht mehr auf die Mindestsicherung angewiesen. Eine Erleichterung für die 55-Jährige - denn mit der Mindestsicherung hat sie immer gehadert, nahm sie schließlich doch, vor allem um Wohnbeihilfe zu bekommen.

So genannte „Aufstocker“ sind in Wien die häufigste Form der Mindestsicherung: 77,9 Prozent der insgesamt 194.875 Bezieher im Jahr 2016 erhalten nicht den gesamten Betrag, sondern nur einen Teil.

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Sechs Jahre lang hat Anna Mindestsicherung als Aufstockungsleistung bezogen

„Die Mindestsicherung ist entwürdigend“

„Die Mindestsicherung ist entwürdigend“, sagt Anna im „Wien heute“-Interview. „Man wird komplett bloß gestellt und muss alles, was man jemals im Leben erspart und abgeschlossen hat, zuerst ausgeben. Man wird in ein Eck gedrängt, wo man eigentlich nicht hingehört und eigentlich nie war und nicht sein wollte. Das finde ich nicht okay.“ 20 Stunden die Woche arbeitet die 55-Jährige als Textilrestauratorin in einem Museum. Zum Leben reicht das nicht, mehr Stunden gibt es aber nicht. Mehr arbeiten wäre auch schwierig: Anna hat vier Kinder, zwei davon wohnen noch bei ihr.

Sie versorgt außerdem ihre zwei schwer pflegebedürftigen Eltern, managt den Alltag zwischen 24-Stunden-Betreuung und Arztbesuchen. Geld ist ein omnipräsentes Thema. „Wie viel verdient man beim ORF?“, ist eine der ersten Fragen ihres zehnjährigen Sohnes, der Anna beim Interview begleitet. Denn das Budget ist knapp: Mindestsicherung und Gehalt haben für Anna rund 1.300 Euro monatlich ausgemacht. Dazu kommt das Kindergeld.

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Wohnen ist „unleistbar“ geworden

Der größte Brocken ist Wohnen - drei Viertel des Familienbudgets fließen derzeit in eine Wohnung in der Donaustadt, Anna wohnt hier mit ihrem Sohn und ihrer 17-jährigen Tochter in einem Wohnprojekt mit Gemeinschaftsraum und Garten. Wohnen ist der 55-Jährigen immer wichtig gewesen: „Leider hat das jetzt ein Ende, weil die Wohnung viel zu teuer ist, das ist unleistbar. Selbst bei bestem Willen muss ich weg von hier.“ Jetzt geht es vermutlich erst einmal ins Gartenhaus der Eltern: „Aber das ist halt keine Wohnung, das ist mit vielen Abstrichen.“

Arm? „Das bin ich“, sagt Anna. Die politische und gesellschaftliche Debatte rund um die Mindestsicherung ärgert sie. „Es wird politisches Kleingeld mit den Ärmsten der Armen gemacht, das finde ich traurig - vor allem in einem so reichen Land wie Österreich.“ Kinder, Eltern und der Haushalt - Annas Alltag besteht aus viel unbezahlter Arbeit - für sie bedeutet Geld auch Wertschätzung. „Entweder der Staat sagt: Ich schätze deine Arbeit und ich will, dass du vier gut geförderte Kinder erziehst, daher gebe ich dir das Geld. Aber als Bittstellerin zu kommen, das ist furchtbar.“

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Anna kalkuliert mit maximal 30 Euro pro Tag

Maximal 30 Euro pro Tag

Mit maximal 30 Euro pro Tag kalkuliert Anna für sich und zwei Kinder - für Lebensmittel, Gesundheit oder Kleidung. „Wenn man da in den Supermarkt einkaufen geht, hat man nicht viel im Wagerl. Meistens auch kein naturnahes Essen, sondern oft Industrieessen“, erzählt sie. Auf einen Kaffee geht sie trotzdem ab und zu „sonst isoliere ich mich selbst - Essen gehen, das ist schon eine andere Geschichte.“ Große Ausgaben wie ein Laptop, den die Kinder für die Schule brauchen, oder eine Zahnspange sind eine Herausforderung oder schlicht unmöglich. 200 Euro Kindergeld für einen Jugendlichen - das findet Anna viel zu wenig. Statt Almosen wünscht sie sich eine Kindergrundsicherung.

Bis dahin bedeutet Alltag für Anna auch weiterhin immer überlegen, nachrechnen und Prioritäten setzen: An erster Stelle kommen die Kinder: „Wenn ich die Wahl habe: Sicher lieber eine Zahnspange für meinen Sohn als neue Zähne für mich – weil er hat die Zukunft vor sich und ich lache halt zahnlos, ist ja auch wurscht.“

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Ahmed flüchtete von Aleppo nach Österreich

Der lange Weg von Aleppo nach Wien

Wie viele Menschen mit ihnen sind Ahmed und seine Familie aus Syrien geflogen. Vor zwei Jahren machte sich der 26-jährige auf den langen Weg aus Aleppo nach Europa: Zu Fuß marschiert er in die Türkei, nimmt dort einen Bus nach Izmir. Ein Schlepper arrangiert den Weg nach Griechenland und dann weiter in den Norden - vermeintlich nach Deutschland und weiter nach Schweden. „Ich habe mich in einem Lkw versteckt, zwei oder drei Tage später war ich in Österreich - am Anfang wusste ich gar nicht, wo ich war“, erzählt er im „Wien heute“-Interview.

Zunächst wohnt Ahmed in Oberösterreich, mithilfe eines pensionierten Polizisten - „ein echter österreichischer Held“, schmunzelt er in Anspielung auf dessen Nachnamen - findet er eine eigene Wohnung und kann seine Verlobte Sedra aus Syrien nachholen. Sechs Monate arbeitet Ahmed als Schülerlotse, so ganz wohl fühlt er sich in Oberösterreich allerdings nicht. „Ich habe meinen positiven Asylbescheid bekommen und bin nach Wien umgezogen - weil viele Freunde gesagt haben: Wien ist ganz anders. Und das kann ich nur bestätigen.“

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Zuhause auf 37 Quadratmetern

In den vergangenen zwei Jahren hat es einen starken Anstieg bei Asylberechtigten gegeben, die in Wien Mindestsicherung beziehen. Im Monatsdurchschnitt 2016 waren es 34.703 Menschen, 2017 bereits 41.731 Bezieher, eine Steigerung von mehr als 20 Prozent. Auch Ahmad und seine Familie beziehen Mindestsicherung - rund 1.500 Euro monatlich sind es, dazu kommt das Kindergeld für den elf Monate alten Sohn. Zu dritt wohnen sie in einer 37 Quadratmeter großen Wohnung in Simmering.

510 Euro Miete kostet die Wohnung monatlich, zu viel findet Ahmed. Eine Wahl hat er aber nicht: „Viele Österreicher haben uns noch nicht kennengelernt und sie vergeben ihre Wohnung nicht gerne an Menschen, die sie nicht kennen. Deshalb habe ich die Wohnung durch eine Firma gemietet.“ Zu oft hat er bei der Wohnungssuche die Frage nach seiner Herkunft gehört und irgendwann resigniert.

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Ahmed, Sedra und ihr Sohn wohnen auf 37 Quadratmetern

Mindestsicherung reicht „gerade so“

In Wien ist der Lebensstandard der Familie deutlich niedriger als in Aleppo - der 26-Jährige ist nicht wegen des Geldes, sondern vor den Bomben geflüchtet: „In Syrien bin ich mit 18 Jahren in meine eigene Wohnung gezogen, habe ein eigenes Auto gehabt und eigentlich alles gehabt. Manche Leute denken, dass wir wegen der Mindestsicherung nach Österreich gekommen sind, aber eigentlich habe gar nicht gewusst, dass es in Österreich Mindestsicherung gibt.“

Ein weiteres Missverständnis ärgert den gebürtigen Syrer: „Manche Leute glauben auch, dass wir die Mindestsicherung einfach so bekommen und behalten. Aber wir zahlen davon genauso Miete, Strom und Gas, Internet und Handys, Fahrkarten und die Haushaltsversicherung, Lebensmittel und Kindermilch und Windeln – alles was das Kind und wir brauchen, so wie alle anderen Österreicher auch“, betont er.

Die 1.500 Euro reichen gerade so, mit circa 1.300 Euro Fixkosten rechnet die Familie. Neues Kinderspielzeug gibt es daher nur selten, ein paar Mal im Monat kauft die Familie im Sozialmarkt ein - gerade wenn extra Anschaffungen wie eine Waschmaschine notwendig sind. „Ich kann nichts sparen, dabei bin ich ein sehr sparsamer Mensch. Ich habe BWL studiert und alle, die das studiert haben, sind sehr sparsam. Ich versuche immer ein bisschen Geld zu sparen, für den Fall, das etwas passiert“, schildert Ahmed.

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Der 26-Jährige will so schnell wie möglich wieder arbeiten

So schnell wie möglich in den Job

Deshalb will der 26-Jährige auch so schnell wie möglich wieder arbeiten: „Momentan bin ich um meine Zukunft besorgt: Ich habe in Syrien als Buchhalter gearbeitet und ich weiß, wenn man hier als Buchhalter arbeiten will, dann muss man die Sprache gut beherrschen. Deshalb versuche ich jetzt sehr, die Sprache zu beherrschen.“ Derzeit besucht Ahmed einen Sprachkurs, auch seine - inzwischen Ehefrau - Sedra nutzt die Initiative „Mama lernt Deutsch“. „Das AMS unterstützt uns sehr“, sagt Ahmed.

Am liebsten würde er nebenbei bereits Teilzeit arbeiten. Oder nur ein paar Stunden pro Monat - um die Mindestsicherung aufzubessern, das ist sein Wunsch an das österreichische System. „So könnte man die Leute auch ein bisschen motivieren, damit sie schneller wieder arbeiten“, meint er. Ihm selbst fehlt es wohl nicht an Motivation: „Ich will“, sagt Ahmed oft. Und zwar zurück in die Arbeit als Buchhalter und nebenbei weiter studieren: Der 26-Jährige hat sich bereits für ein Masterstudium an der Wirtschaftsuniversität beworben. Was er noch will: „mich integrieren“ und „Österreich auch etwas zurückgeben“.

Egal, was die Zukunft bringt, eines ist schon klar: „Meine Familie hat entschieden, wir leben hier in Wien und wir sterben auch in Wien, wir wollen nicht wieder umziehen“, sagt Ahmed.

Barbara Wakolbinger, wien.ORF.at

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