Wien bekommt neuen Knabenchor

Es gibt die Wiener Sängerknaben, den Mozart Knabenchor Wien - und ab Oktober auch die Wiener Karlsknaben. Der neue Chor soll vor allem in der Karlskirche zum Einsatz kommen - und allgemein für mehr Nachwuchssänger in Wien sorgen.

Für die Karlsknaben werden Talente ab neun Jahren und bis zum Stimmbruch gesucht. Sie sollen bereits Gesangs- und Chorerfahrung mitbringen, Noten lesen und im Idealfall auch ein Instrument spielen können.

Alternative zu Sängerknaben

Ob sie für den neuen Chor geeignet sind, entscheidet Alexander Jost. Der Dirigent wird nicht nur die neuen Karlsknaben musikalisch leiten, sondern arbeitet auch als Volksschulkapellmeister für die Wiener Sängerknaben. In Zeiten, wo Knabenchöre allesamt Nachwuchssorgen haben, sei das eine außergewöhnliche Doppelgleisigkeit, sagt der Musikpädagoge.

Sängerknaben im neuen Konzertsaal
APA/Lukas Beck
Die Sängerknaben in ihrem Konzertraum

„Wir haben viele Bedenken gehabt, in erster Linie wegen der Rekrutierung, dass wir uns nicht gegenseitig die Kinder wegnehmen. Aber wir haben das jetzt wirklich geschafft, dass das eine Win-Win-Situation für beide sein wird“, so Jost. Die Karlsknaben bieten für junge Sänger, die in kein Internat wollen, eine Alternative. Und bei den Sängerknaben gebe es ohnehin auch Talente, die lange Zeit eine hervorragende Ausbildung genießen, die Schule dann aber verlassen.

„Das sind speziell Kinder, wo die Eltern irgendwann meinen, dass es für die Familie besser wäre, wenn die Kinder nicht so lange auf Tournee fahren. Die kriegen gar keine Uniformen, werden keine Sängerknaben. Und es wäre schön, wenn sie dann bei den Karlsknaben einsteigen könnten“, so Jost. In der Oberstufe könnten sie dann außerdem wieder zu den Sängerknaben zurückkehren.

Nachfolger der „Singspatzen“

Die Karlskirche bzw. der Kreuzherrenorden hatte einst einen Knabenchor - die Singspatzen. Doch dieser löste sich in den 50er Jahren auf. Der Orden wollte laut Jost nun wieder kräftige Singstimmen für Messen haben. Zweimal pro Woche wird nun ab Oktober hinter der Karlskirche geprobt. Aufgeführt werden sollen vor allem „Werke alter Meister - von Mozart, Haydn, Schubert bis Bruckner. Aber auch Händel, Bach et cetera.“ Im ersten Jahr sind vor allem Messen geplant - nach einer Anlaufzeit auch Konzerte.

Knabenstimmen mit „besonderem Klang“

Eltern können ihre Söhne ab sofort anmelden. Die Teilnahme bei den Karlsknaben ist kostenlos. Geboten wird eine „musikalische Ausbildung in Theorie und Praxis“, wie auf einem Werbefolder zu lesen ist. Sängerinnen können sich hingegen nicht bewerben. „Mädchen singen genauso schön“, so Jost. Aber ein gemischter Chor sei „leider genau das, was bei vielen Veranstaltern nicht so gut ankommt“.

Innenansicht der Wiener Karlskirche
Getty Images/amoklv
Der neue Chor soll vor allem in der Karlskirche zum Einsatz kommen

Knabenstimmen dagegen seien etwas Besonderes - gerade vor der Pubertät. „Für Mädchen ist es nicht anspruchsvoll, hoch zu singen, weil das ihre natürliche Stimme ist. Aber bei Knaben kurz vorm Stimmbruch, wo das Stimmband besonders sensibel ist, entsteht ein besonderer Klang, ein sehr weicher Sopran“, so Jost.

Nachwuchssuche ist internationales Problem

Die Wiener Sängerknaben sind über den neuen Chor nicht unglücklich. „Wir finden es toll, dass ein neuer Knabenchor gegründet wird – und es ist schön, dass sich einer unserer Pädagogen um den Aufbau kümmert“, heißt es auf ORF-Anfrage.

Knabenchöre seien wichtig, denn Singen - vor allem im Chor - sei gut für Herz und Hirn, für die Konzentrationsfähigkeit und für die soziale Kompetenz. „In Kinderchören singen viele Mädchen, kaum Knaben – wenn also Buben singen sollen, brauchen wir Knabenchöre, je mehr, desto besser. Um Nachwuchs muss man sich aktiv bemühen, man muss Eltern und Kinder immer wieder darauf hinweisen, welche Rolle Singen in der Ausbildung und Bildung spielt – welches Potenzial das für ein Kind birgt, welche Chancen Singen öffnet.“

Die Nachwuchssuche ist laut den Wiener Sängerknaben übrigens durchaus ein internationales Problem. In diesem Sommer mussten in Österreich die Zwettler Sängerknaben aufhören, in den USA der American Boychoir.

Florian Kobler, wien.ORF.at

Links:

Werbung X