Österreichischer Buchpreis an Eva Menasse

Die in Berlin lebende österreichische Autorin Eva Menasse (47) erhält den Österreichischen Buchpreis. Sie wurde für ihren Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ausgezeichnet. Der Debütpreis ging an Nava Ebrahimi.

In „Tiere für Fortgeschrittene“ nähert sich Eva Menasse, die heuer bereits den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg entgegennehmen konnte, ausgehend von kuriosen Tiermeldungen menschlichen Verhaltensweisen an. Dabei entsteht ein schillerndes Panorama zwischen Alltäglichkeiten und Abgründen. Die Wiener Journalistin („profil“, „FAZ“ u. a.) debütierte 2005 mit dem Roman „Vienna“ als Schriftstellerin. Es folgten u. a. der Erzählband „Lässliche Todsünden“ (2009) und der Roman „Quasikristalle“ (2013).

Eva Menasse
APA/Herbert Pfarrhofer
Eva Menasse erhält den Österreichischen Buchpreis

Mit „Tiere für Fortgeschrittene“ werde ein Erzählband ausgezeichnet, „der auf pointierte und stilistisch ausgefeilte Weise zeigt, dass auch in der kleinen Form die großen zwischenmenschlichen und gesellschaftspolitischen Themen verhandelt werden können“, so die Begründung der Jury. Eva Menasse schaue „mit präzisem, zugleich empathischem und unsentimentalem Blick auf heutige Beziehungen und deren Abgründe“. Dabei verstehe sie es, „ihre Charaktere zu sezieren, ohne sie zu denunzieren“, und ziehe sich nie „auf einen moralisch überlegenen Standpunkt zurück, sondern sie entlässt ihre Figuren in eine offene Zukunft“, heißt es weiter.

Zunächst Journalistin, dann Autorin

Am 11. Mai 1970 geboren, studierte Eva Menasse Germanistik und Geschichte. Als Journalistin reüssierte sie rasch. Sie war Redakteurin der Nachrichtenmagazine „profil“ und „Format“ und wechselte in das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Für die „FAZ“ begleitete sie den Londoner Prozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving. Ihre diesbezügliche Reportagesammlung „Der Holocaust vor Gericht“ war 2000 ihre erste Buchveröffentlichung. 2003 übersiedelte sie nach Berlin, wo sie mit dem Schriftsteller Michael Kumpfmüller einen Sohn hat.

Ihr Debütroman „Vienna“ erschien 2005 im Kiepenheuer & Witsch Verlag mit einer Startauflage von erstaunlichen 50.000 Stück. Die Geschichte einer typischen Wiener Familie mit jüdischem und tschechischem Einschlag umfasste bekannte (ihr Vater war ein berühmter Fußballer, ihr Halbbruder ist der kürzlich mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Robert Menasse) und weniger bekannte, dafür umso skurrilere Figuren. „Ich habe versucht, meine Familie neu zu erfinden“ und „die Brüche des 20. Jahrhunderts“ sowie deren Einfluss auf das Leben ihrer Familie einzufangen, sagte die Autorin damals.

Eva Menasse
APA/Georg Hochmuth
2009 eröffnete Eva Menasse die Buch Wien

„Meine Heimat, mein Land, mein Verhängnis“

Schon mit ihrem Debüt erhielt sie den Corine-Buchpreis, war für den Leipziger Buchpreis nominiert und erlebte, was sie auch später immer wieder feststellen sollte: die Diskrepanz der Rezeption in ihrer Heimat und ihrer Wahlheimat. „Je länger ich weg bin, desto komischer kommt mir Österreich vor“, sagte sie schon damals. Auch 2009, als ihr Erzählband „Lässliche Todsünden“ erschien, beschäftigte sie sich als Eröffnungsrednerin der Buch Wien mit Österreich, „meiner Heimat, meinem Land, meinem Verhängnis“. In Deutschland schwanke sie zwischen Scham für ihr Land („oft genug“) und „Anfällen wilden Patriotismus“.

In dem Roman „Quasikristalle“ (2013) wagte sie - angeregt durch die Entdeckungen des Chemienobelpreisträgers Daniel Shechtman - ein literarisches Experiment: das Porträt einer Frau aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Das von Shechtman entdeckte Ordnungsprinzip habe sie „als passende Metapher für das Buch bestechend gefunden“, sagte die Doderer-Verehrerin im Interview mit der APA. „Ich glaube, dass es, weil wir eben als Menschen auch unberechenbar und unlogisch sind, in Biografien immer Dinge gibt, die eigentlich nicht hineinpassen.“

Zweimal Menasse auf der Shortlist

Die fünfköpfige Jury - bestehend aus der Buchhändlerin Petra Hartlieb, dem Germanisten Klaus Kastberger sowie den Journalisten Klaus Nüchtern, Kristina Pfoser und Wiebke Porombka - hatte insgesamt 141 belletristische, essayistische, lyrische und dramatische Werke gesichtet. Neben Eva Menasse waren ihr Halbbruder Robert Menasse („Die Hauptstadt“), Paulus Hochgatterer („Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“), Brigitta Falkner („Strategien der Wirtsfindung“) und Olga Flor („Klartraum“) auf der Shortlist.

Der Österreichische Buchpreis ist mit 20.000 Euro dotiert und wurde heuer zum zweiten Mal vergeben. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an Friederike Mayröcker - mehr dazu in Mayröcker erhielt Österreichischen Buchpreis.

Debütpreis an Nava Ebrahimi

Den mit 10.000 Euro dotierten Debütpreis konnte die 1978 in Teheran geborene und in Graz lebende Nava Ebrahimi, die Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln studierte, für ihr Romandebüt entgegennehmen. In „Sechzehn Wörter“ lässt sie ihre Hauptfigur Mona gemeinsam mit ihrer Mutter von Köln zur Beerdigung ihrer Großmutter in den Iran reisen. Die Reise wird zur Konfrontation mit vielen Fragen zu Identität und Herkunft.

Auf der Liste für den Debütpreis standen neben Ebrahimi auch Mascha Dabics „Reibungsverluste“ sowie Irene Diwiak mit „Liebwies“.

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