Belvedere: „Skandalöser Zustand“

Eine zwiespältige Bilanz hat das Leitungsduo des Belvedere über das Jahr 2017 gezogen. „Wir finden hier einen Zustand vor, der skandalös ist“, richtete Geschäftsführer Wolfgang Bergmann zahlreiche Vorwürfe an Ex-Chefin Agnes Husslein-Arco.

Das Leitungsduo aus dem wirtschaftlichen Geschäftsführer Bergmann und Generaldirektorin Stella Rollig schwankte bei seiner ersten Jahrespressekonferenz am Mittwoch zwischen großer Freude und großem Ärger. „Wir sind sehr froh und sehr stolz, weil das Jahr 2017 wieder als ein Rekordjahr in die Annalen eingehen wird“, so Rollig.

„Schweres Erbe“

Man habe in den vergangenen Monaten jedoch „laufend neue Mängel entdeckt“, sagte Rollig. Man habe von Husslein-Arco „ein schweres Erbe“ übernommen, meinte Bergmann. Die jüngste Entdeckung von Missständen betreffe die auf dem denkmalgeschützten Dachboden des Belvedere befindlichen Kälteanlagen. Die Anlagen entsprächen „in keiner Weise“ den Anforderungen eines Brandschutzes, was bereits seit 2013 bekannt gewesen sei. Man habe die betreffenden Anlagen nun sofort und kontrolliert heruntergefahren und behelfe sich seither provisorisch.

Stella Rollig und Wolfgang Bergmann Belvedere
APA/Herbert Neubauer
Rollig (l.) und Bergmann kritisierten ihre Vorgängerin scharf

Die in den vergangenen Tagen publik gewordenen Fälle von Regressforderungen an Husslein-Arco seien „eine Lächerlichkeit im Vergleich zu dem, was wir hier an fahrlässiger Führung eines Hauses vorgefunden haben. Mehr als uns lieb ist, sind wir damit zusätzlich zu unserem Tagesgeschäft beschäftigt“, konkretisierte Bergmann. So seien etwa Brandschutztüren ausgebaut worden, „weil man aus ästhetischen Gründen was anderes haben wollte“.

Husslein weist Verantwortung zurück

Husslein-Arco wies die Vorwürfe hinsichtlich einer fahrlässiger Vorgangsweise bei den Kälteanlagen im Oberen Belvedere am Mittwoch zurück. Gegenüber der APA betont die Ex-Museumschefin, „dass diese Agenden ganz klar in den Bereich des Gebäudemanagements fielen, das der kaufmännischen Leitung unterstellt war“. Sie habe sich stets voll und ganz auf die Kompetenz der kaufmännischen Leitung verlassen.

Agnes Husslein-Arco
APA/Herbert Neubauer
Husslein-Arco wehrte sich gegen die Vorwürfe

Belvedere fordert Regresszahlungen

Das Belvedere fordert derzeit Regresszahlungen von Husslein-Arco, etwa für ein Kunstwerk, das bezahlt, aber nicht geliefert wurde. Husslein-Arco wehrte sich und sprach von einer „infamen Anschuldigung“, sie habe den Kauf des Kunstwerks gar nicht mehr selbst getätigt - mehr dazu in Belvedere fordert Geld: Husslein wehrt sich.

Man versuche nun, im Klagsweg das Geld von der Künstlerin zurückzufordern, erst im Nichteinbringungsfall werde man sich an Husslein-Arco wenden, sagte Bergmann dazu am Mittwoch. Schlagend sei jedenfalls nicht, wann die Überweisung erfolgt sei (im Jänner, als Husslein-Arco nicht mehr verantwortlich war), sondern wann die Freigabe des Geldes erfolgt sei (im Dezember, als sie noch im Amt war). Eine Verantwortung des interimistischen Geschäftsführers Dieter Bogner sehen die aktuellen Geschäftsführer nicht.

Positive Bilanz für vergangenes Jahr

Die wirtschaftliche Bilanz des Museums ist dagegen äußerst positiv: 1,43 Millionen Besuche kann man 2017 voraussichtlich zählen (2016: 1,329 Mio.), die Ticketerlöse überstiegen Anfang Dezember erstmals die Zehn-Millionen-Euro-Grenze und werden zu Jahresende voraussichtlich über elf Millionen Euro betragen. Das kommende Ausstellungsjahr bringt insgesamt 17 Sonderausstellungen und läuft unter der Überschrift „Große Namen und unerwartete Perspektiven“. Gezeigt werden etwa Gustav Klimt, Egon Schiele, Günter Brus, Rachel Whiteread und Alexander Kluge.

Belvedere in Wien
ORF.at/Sonja Ryzienski
Für das vergangene Jahr zog die Leitung eine positive Bilanz

Ab März 2018 gibt es im Oberen Belvedere eine Neuaufstellung der Schausammlung. Die Neupräsentation umfasst den Zeitraum vom Mittelalter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die chronologische Gliederung wird von Themenräumen unterbrochen, in denen Fragestellungen zu Österreichs Geschichte, seiner Identität und seiner Kunst im Vordergrund stehen. Ergänzt wird die Sammlungspräsentation von halbjährlich wechselnden zeitgenössischen Positionen im barocken Carlone-Saal.

Eigene Ausstellung zur Ratspräsidentschaft

Im Unteren Belvedere startet man das Jahr mit Gustav Klimt. „Klimt ist nicht das Ende. Aufbruch in Mitteleuropa“ (ab 23. März) führt, ausgehend von Klimts Spätwerk, mit Werken von rund 80 Künstlern in die ehemaligen Kronländer und in die Zwischenkriegszeit. „Damit werden wir auch auf ein anderes wichtiges Jubiläum, nämlich 100 Jahre Republik, eingehen“, so Rollig. Unter dem Titel „Beyond Klimt“ wird die Schau anschließend zur EU-Ratspräsidentschaft Österreichs in Brüssel gezeigt. In Wien folgt ab 28. September die erste große Einzelpräsentation der bolivianisch-amerikanischen Künstlerin Donna Huanca in Österreich.

In der Orangerie stehen die Wiederentdeckung des Linzer Zeichners Klemens Brosch (ab 9. März) und „Wiener Blumenmalerei von Waldmüller bis Klimt“ (ab 22. Juni) auf dem Programm, ehe ab 19. Oktober anlässlich des 100. Todestags von Egon Schiele der Schiele-Bestand des Hauses gezeigt und u. a. mit der „Wally“ aus dem Leopold Museum ergänzt wird.

21er Haus
ORF.at/Roland Winkler
Das 21er Haus nähert sich dem Stammhaus mit neuem Namen an

Neuer Name für 21er Haus

Das 21er Haus heißt künftig „Belvedere 21“. „Viele wissen nicht, dass das 21er Haus und das Belvedere zusammengehören. Und zweifellos ist Belvedere die stärkere Marke“, erklärte die Generaldirektorin. Das Ausstellungsprogramm steht hier 2018 unter dem Motto „Spirit of ’68“, eines der großen Jubiläen des kommenden Jahres. Ausstellungen gelten hier Günter Brus („Die Unruhe nach dem Sturm“, ab 2. Februar), dem eine Geburtstagsschau zu seinem 80er ausgerichtet wird, der britischen Bildhauerin und Schöpferin des Holocaust-Mahnmals am Wiener Judenplatz, Rachel Whiteread (ab 7. März), der US-Künstlerin Polly Apfelbaum (ab 7. September) und der Gruppenschau „Der Wert der Freiheit“ (ab 14. September).

Ansonsten habe man „sehr viel intern gearbeitet und eine moderne Organisationsstruktur aufgesetzt, die wir hier nicht vorgefunden haben“, berichtete Rollig. Das Research Center wurde mit Christian Huemer neu besetzt, wissenschaftliche Konferenzen widmen sich u. a. dem „Kunstmuseum im digitalen Zeitalter“, bei den nicht mehr urheberrechtlich geschützten Bildwerken fahre man künftig eine „Open Content Policy“. Das neue Leitungsduo erwartet sich dadurch „eine viel stärkere internationale Sichtbarkeit der Werke“.

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