Die Sucht nach Vintage-Möbeln

Der anhaltende Vintage-Hype in Wien sorgt für immer mehr Auswahl: Sessel aus den 1960er Jahren werden restauriert und um Hunderte Euro verkauft. Ein Blick auf die Vintage-Szene zeigt auch, was Möbel mit Tattoos gemeinsam haben.

Die Sessel, die früher in der Wiener Stadthalle standen, gehören zu den „schönsten Sesseln der Welt“, sagten Alexander Bechstein und Peter Lindenberg von der Vintagerie in Mariahilf. 850 Euro kostet der Designklassiker vom österreichischen Architekten Roland Rainer. Früher kauften solche Möbelstücke vor allem „eiserne Individualisten“. Doch inzwischen soll der Vintage-Trend „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen sein. Möbel aus den 1930er bis 70er Jahren schmücken inzwischen zahlreiche Wohnungen, wie jene von Stammkundin Nina.

Sucht „wie Tätowieren“

„Das wird zur Sucht, und der Gedanke der Wiederverwertung ist super. Jedes Möbelstück ist ein Zeitzeuge, der von der Bildfläche verschwinden würde, wenn er weggeworfen würde.“ Sie richtet seit drei Jahren ihre Wohnung fast ausschließlich mit Möbel aus Vintage-Shops ein. Auch Vintagerie-Betreiber Bechstein hat die Erfahrung gemacht: „Ich denke, das ist wie Tätowieren - einmal angefangen, kann man nicht mehr damit aufhören.“

Mit dem Trend wächst die Auswahl

Aber „nur“ Vintage reiche heutzutage nicht mehr. Für den Vintage-Sammler und Innenarchitekten Christian Hantschel ist etwa die Geschichte hinter dem Möbelstück wichtig. „Vintage-Möbel machen das Zuhause gemütlicher. Jedes Stück mit Geschichte bringt mehr Stimmung in die eigenen vier Wände.“ Er lebt mit den Möbelstücken. „Das hat nichts mit dem aktuellen Trend zu tun, aber er trifft sich natürlich gut, weil es dadurch noch mehr Auswahl gibt.“

Mix aus Standard und Vintage

Reichlich Möbelstücke mit Geschichte hat auch das Spendenlager carla mittersteig im fünften Bezirk zu bieten. Mit dem Kauf dieser Möbel kann noch dazu eine gute Tat verbunden werden. Laut der Leiterin Elisabeth Mimra ist es ein Hype, einzelne Vintage-Stücke mit Standardmöbeln zu kombinieren.

Sie hat aktuell etwa einen weißen Schreibtisch anzubieten, der aus den 1960er Jahren aus einer Kinderarztpraxis stammt. „Der geradlinige Stil und seine Geschichte machen ihn richtig ‚vintage‘“, sagte Mimra. Zum Spendenlager kommen aber nicht nur Raritätensammler, sondern auch immer mehr junge Leute, die sich dafür interessieren.

Gebrauchsspuren machen es besonders

Mit einer über 100 Jahre alten Truhe bietet das Bananas in der Kettenbrückengasse seinen Kundinnen und Kunden ein spezielles Gustostückerl. Außerdem zählt der „Ohrenfauteuil“ aus den 1950er Jahren mit seiner geschwungenen Armlehnen zu einer Besonderheit. Ob die historischen Stücke restauriert werden oder ganz im Originalzustand verbleiben, entscheiden die Inhaber Ernst und Patricia Hahnbauer individuell. Denn bei manchen Möbelstücken sind es erst die Gebrauchsspuren, die sie zu etwas Besonderem machen.

Sarah Steiner, wien.orf.at

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