Schieles Leben in 140 Exponaten

Heuer jährt sich der Todestag des Künstlers Egon Schiele zum 100. Mal. Das Leopold Museum lädt aus diesem Grund zu einer umfassenden Jubiläumsschau. Gleichzeitig öffnet eine Gegenüberstellung unter dem Titel „Absturzträume“.

„Wir wollten nicht ein neues Thema hervorbringen, um das Werk Schieles zu erklären“, erläuterte Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums. Vielmehr sei man sich des Facettenreichtums in Schieles Schaffen bewusst, weshalb man sich für eine thematische Auseinandersetzung entschieden habe.

Eine Besonderheit, die alle drei Monate zu einem erneuten Besuch der Ausstellung einladen soll, ist der in diesem Intervall wechselnde Bestand der Zeichnungen und Aquarelle, da diese aus konservatorischen Gründen nicht bis zum Ende der Schau am 4. November in den Ausstellungsräumen verbleiben können. „Eigentlich entstehen dadurch gleich drei Ausstellungen“, zeigte sich Wipplinger sichtlich angetan.

Leopold: „Auf dem Schemel vor dem Bild“

Empfangen wird der Besucher in der großen Halle im ersten Untergeschoß von drei monumentalen Gemälden Schieles, denen viel Raum zum Atmen bleibt. Im Zentrum findet sich dabei Schieles „Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung)“ aus dem Jahr 1910, flankiert von den Großformaten „Entschwebung“ („Die Blinden“ II) von 1915 und dem 1912 entstandenen „Die Eremiten“, über dessen Lesart sich Sammler-Sohn und Kurator Diethard Leopold und Wipplinger scherzhaft öffentlich stritten.

Ausstellungshinweis:

„Egon Schiele. Die Jubiläumsschau“, Leopold Museum, bis 4.11., tgl. außer Di., 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Juni bis August täglich geöffnet, „Absturzträume. Schiele, Brus, Palme“, bis 11. Juni.

Leopold sieht in der zweiten dargestellten Person nicht wie in der Forschung angenommen Gustav Klimt, sondern eine zweite Version von Schiele selbst. Um diese Theorie zu untermauern, habe er sich an seine Kindheit zurück erinnert und sich mit einem kleinen Schemel vor das Gemälde gesetzt, um es aus anderer Perspektive neu zu betrachten, so Leopold.

Egon Schiele. Die Jubiläumsschau
APA/Herbert Neubauer
Egon Schiele. Die Jubiläumsschau

Besucher sollen in Ruhe betrachten

„Es geht weniger darum zu zeigen, was das Haus alles hat, sondern darum, dass die Besucher einen zeitlichen und seelischen Platz finden, sich alles in Ruhe anzuschauen“, erklärte Leopold. Die Exponate sind locker gehängt und stammen sowohl aus der Sammlung Leopold als auch aus der sogenannten „Sammlung II“, die sein Vater Rudolf Leopold nach der Übergabe an die Stiftung angelegt hat.

Ausstellungsansicht "Egon Schiele, 2018 © Leopold Museum, Wien/Foto: Lisa Rastl
© Leopold Museum, Wien/Foto: Lisa Rastl
Ausstellungsansicht "Egon Schiele, 2018

Durch die thematische Anordnung vom „Ich“ über „Mutter und Kind“, „Spiritualität“ und „Frauen“ bis hin zu „Landschaften“ und „Städtebildern“ habe sich auch eine gewisse Chronologie ergeben, die jedoch auch immer wieder durchbrochen werde.

„Die Freunde“ aus Privatsammlung in den USA

70 Gemälde und 70 Zeichnungen bzw. Aquarelle führen durch das kurze Leben Schieles, der am 31. Oktober 1918 im Alter von 28 Jahren starb. Neben den zahlreichen Selbstdarstellungen lernt man im Raum „Spiritualität“ auch den nachdenklichen, dem Okkulten zugewandten Schiele kennen, der sich nach seiner Haft im Jahr 1912 neue Fragen stellte. In dem Gemälde „Kardinal und Nonne“ („Liebkosung“) aus diesem Jahr will Diethard Leopold gar eine weibliche Selbstdarstellung des Künstlers erkennen.

Egon Schiele, Die Freunde (Tafelrunde), um 1918 © Privatsammlung, Courtesy Richard Nagy Ltd., London
Foto: Private Collection, Courtesy Richard Nagy Ltd., London
Egon Schiele, Die Freunde (Tafelrunde), um 1918 © Privatsammlung, Courtesy Richard Nagy Ltd., London/ Foto: Private Collection, Courtesy Richard Nagy Ltd., London

Gedicht im Landschaftsraum:

„Ich kehre ein in den rotschwarzen / Dom des dichten Tannenwaldes, / der ohne Lärmen lebt und / misch sich anschaut. / Die Augenstämmen die dicht / sich greifen und die sichtbare / nasse Luft ausatmen. - / Wie wohl! - Alles ist / lebend tot.“

Zu den Höhepunkten der Schau, die auch mit internationalen Leihgaben bestückt ist, zählt etwa das Gemälde „Die Freunde (Tafelrunde)“ aus einer Privatsammlung in Cincinnati, das man in einem Kabinett mit dem Plakat zur 49. Secessions-Ausstellung konfrontiert, das dasselbe Sujet zeigt - bloß der Sessel des kurz zuvor verstorbenen Gustav Klimt ist hier unbesetzt.

In unmittelbarer Nachbarschaft findet sich Porträt des Dr. Erwin von Graff aus der Neuen Galerie New York, das seit 1930 nicht mehr in Österreich war. Es zeigt jenen Arzt, der Schiele einst gestattete, Neugeborene und kleine Kinder zu malen. Abgerundet wird der Rundgang durch zahlreiche Fotos und Briefe in den minutiös gestalteten Schauräumen, die den Besuchern den Menschen Schiele näherbringen sollen.

Thomas Palme, LIEBE BESUCHER DES LEOPOLD MUSEUMS, 2017 © Courtesy Thomas Palme
© Courtesy Thomas Palme Foto: Hermann Seidl
Thomas Palme, LIEBE BESUCHER DES LEOPOLD MUSEUMS, 2017

Gegenüberstellung mit Brus und Palme

Einen Stock tiefer hat Kurator Roman Grabner die bis zum 11. Juni laufende Schau „Absturzträume“ geschaffen. Darin stellt er Schieles zeichnerisches Werk zwei Künstlern aus späteren Generationen gegenüber: Günter Brus und Thomas Palme. Grabner widmet jedem der Künstler eine eigene, dicht gehängte Wand, und stellt die Arbeiten unter den Gesichtspunkten „Existenz“, „Provokation“ und „Sexualität“ direkt gegenüber.

„Ich will zeigen, wie sich der Mythos fortgesetzt hat“, erläuterte er bei der Präsentation. Alle drei Künstler seien manische Zeichner (gewesen), haben sich mit Körpern, der Ambiguität der Geschlechter und zu ihrer jeweiligen Zeit vorherrschenden Vorstellungen von Moral und Sitte auseinandergesetzt. Also doch ein neuer Blickwinkel, der Schieles Werk in einen neuen Kontext setzt.

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