Kleine Kuriositäten im Wien Museum

Ob Tabakdose, Christbaumschmuck oder Glückwunschkarten: Kein Exponat darf größer, höher oder breiter sein als zehn Zentimeter. Das Wien Museum stellt mit „Unter 10. Wertvolles en miniature“ Praktisches, Kurioses und Seltenes unkonventionell aus.

„Wir wollten die Hierarchie von Ausstellungen kippen, die Rangordnung von Objekten durcheinanderbringen. Daraus wurde ein ironischer Kommentar auf die gängige Ausstellungspraxis“, sagte der Direktor des Wien Museums Wolfgang Kos gegenüber wien.ORF.at. „Die kleinen Objekte gehen in einer Ausstellung oft unter. Wir haben alle Objekte gleich behandelt und wollen die Aufmerksamkeit auf sie lenken“, so Kos.

Größe als Ausstellungskriterium

Keines der rund 350 Exponate in der Ausstellung „Unter 10. Wertvolles en miniature“ ist größer als zehn Zentimeter, egal ob in Breite, Höhe, Tiefe oder im Durchmesser. Bei den Abmessungen vertraute man auf das Wissen der Fachleute: „Wir sind nicht mit dem Lineal durch das Depot gegangen. Die Ausstellung war seit mehreren Jahren geplant, und die Kuratoren erinnerten sich einfach an bestimmte Objekte“, erzählte Kos.

Alle Kuratoren des Wien Museums beteiligten sich an der Auswahl der Exponate und förderten so unterschiedliche Dinge wie Glückwunschkarten, Miniaturporträts, Schnupftabakdosen, Fingerkalender, Fahrkarten oder Ballspenden zutage.

Reisenecessaire um 1865
Wien Museum
Ein achtteiliges Reisenecessaire aus dem Jahr 1865: Höhe sieben Zentimeter

Miniaturporträts aus der Biedermeierzeit

Es gibt viele Gründe, warum Dinge klein sind. In der Biedermeierzeit wollte man damit technisches und kunsthandwerkliches Können unter Beweis stellen. „Die Menschen dieser Zeit entwickelten einen wahnwitzigen Ehrgeiz, die kleinsten und virtuosesten Dinge zu verwirklichen. Es grenzt an Extremismus zur Verkleinerung“, so Kos. Für diese Fälle steht Besuchern am Eingang eine Lupe zur Verfügung, die sie mit in die Ausstellung nehmen können.

Ausstellungshinweis:

„Unter 10. Wertvolles en miniature“, Wien Museum, 31. Jänner bis 26. Mai, Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr, Eintritt 8 Euro

Bestes Beispiel dafür sind die Miniporträts des Wiener Miniaturenmalers Moritz Michael Daffinger (1790 bis 1849). Im Laufe seines Lebens fertigte er mehr als 1.000 Miniaturporträts an. Während des Wiener Kongresses porträtierte er viele der anwesenden Persönlichkeiten. Kaiserhaus, Adel aber auch das Bürgertum besaßen Werke von ihm. Daffingers eigenes Porträt zierte später den 20-Schilling-Schein.

Eine Sensation sind auch die kaum bekannten kleinen Entwürfe Egon Schieles für eine Wanddekoration, die den Künstler als ornamentalen Designer ausweisen. „Er wollte die Wände seines Ateliers in diesem Muster bemalen, schaffte es aber nicht mehr vor seinem Tod“, erzählte Kos.

Schnupftabakdose mit Ansicht von Wien, 1800
Wien Museum
Schnupftabakdose mit Ansicht von Wien aus dem Jahr 1800

Praktische Kleinigkeiten für Mann und Frau

Abgesehen von der Lust an der Virtuosität gibt es auch ganz praktische Gründe, warum Dinge klein sind. Das gilt für Babysachen ebenso wie für Reiseutensilien, die uns soziale Rollenbilder vermitteln: Herren hatten unterwegs eher Feinmechanisches (wie Zigarrenspitzenabzwicker) griffbereit, Damen pflichtgemäß Dinge für die Schönheitspflege (wie Rougedöschen).

Design und Funktion waren ausschlaggebend, doch das Nützliche wurde oft maskiert mit Verzierungen, denn gerade persönliche Kleinigkeiten dienten dem Ausdruck von Prestige und Individualität. „Mitunter sind die kleinen Objekte viel interessanter, weil sie mehr über eine Alltagssituation aussagen. Eine Eintrittskarte verrät oft mehr als ein Plakat“, so Peter Stuiber vom Wien Museum.

Sargsplitter und halber „Wiener Pfennig“

Auch Merkwürdigkeiten und Skurriles wurden aus dem Depot geholt. Zum Beispiel „Reliquien“ von Komponisten oder Musikern, die im 19. Jahrhundert als Erinnerungsstücke gesammelt wurden: drei Zähne von Hugo Wolf, Splitter des Sarges von Ludwig van Beethoven und Knöchelchen von der Leiche Franz Schuberts. „Man wollte die Unsterblichkeit der Persönlichkeiten über den Tod hinaus verlängern“, erklärte Kos.

Zappler (Miniatur-Standuhr), um 1830
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Knapp drei Zentimeter großer Zappler (Miniaturstanduhr), um 1830

Manche Teilsammlungen des Museums sind geradezu prädestiniert, um Wertvolles en miniature beizusteuern. Aus dem Bereich der Münzen ist ein halber „Wiener Pfennig“ („Hälbling“) aus dem 13. Jahrhundert mit einem abgebildeten Einhorn ebenso zu sehen wie eine 100-Kronen-Münze von 1924, die damals inflationsbedingt kleinste Münzeinheit. „Wir haben von jeder Währung die kleinste Einheit ausgewählt und zeigen damit die komplette Chronologie des Geldwesens in Wien“, begründete Kos die Auswahl.

Archäologische Schätze und politische Flugzettel

Aus den archäologischen Sammlungen stammen Schätze wie ein Armreif aus der Bronzezeit, kunstvolle Fibeln von Römern und Langobarden sowie Tierplastiken, die als Kultgegenstände oder Spielzeug verwendet wurden.

Geradezu überlebensnotwendig wurde das kleine Format bei politischen Flugzetteln in Zeiten der Illegalität, etwa bei den „Streuzetteln“, mit denen die Sozialdemokraten während der Zeit der Dollfuß- und Schuschnigg-Regierungen zu Mai-Spaziergängen (anstelle der verbotenen Mai-Aufmärsche) aufriefen.

Christbaumschmuck in Form einer Litfaßsäule, um 1910
Wien Museum
Christbaumschmuck in Form einer Litfaßsäule, um 1910

Katalog auch im Miniformat

Neben 5.000 Jahre alten Tierfiguren und Regenhaubenbehältern aus den 1960er Jahren sind auch zeitgenössische Arbeiten im Kleinformat vertreten. Unter der Prämisse, dass keines der Werke größer als zehn Zentimeter ist, haben unter anderem Künstler wie Oswald Oberhuber, Ingeborg Strobl oder Heimo Zobernig Arbeiten beigesteuert. „Ich habe Künstler ausgewählt, die auch mit anderen Arbeiten in der Sammlung des Museums vertreten sind“, so Kos.

Selbst der Katalog zur Ausstellung erscheint im Miniformat zehn mal 13,5 Zentimeter: „Alle gezeigten Objekte sind in Originalgröße im Katalog abgebildet, was sonst in Katalogen nur selten möglich ist“, so Stuiber.

Michael Ortner, wien.ORF.at

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