„Alte Niederländer“ in der Albertina

Meisterwerke der niederländischen Zeichenkunst holt die Albertina zur 100. Ausstellung aus dem Depot: „Bosch Bruegel Rubens Rembrandt“ beleuchtet die Kunst im Kontext der Nord-Süd-Spaltung der Niederlande im 17. Jahrhundert.

Die „Qual der Wahl“ hatte Kurator Christof Metzger von der Grafischen Sammlung der Albertina, die Auswahl für die Jubiläumsausstellung „Bosch Bruegel Rubens Rembrandt“ zu treffen. Aus den rund 50.000 Zeichnungen der Grafischen Sammlung wählte er rund 170 Arbeiten aus. „Man muss auf vieles verzichten, Mut zur Lücke haben“, sagte Metzger gegenüber wien.ORF.at.

Die Grafische Sammlung der Albertina, die auf den Gründer Herzog Albert von Sachsen Teschen (1738 - 1822) zurückgeht, zählt zu den weltweit bedeutendsten ihrer Art. „Er hat damals schon im großen Stil gesammelt und auf einen Schlag 1.000 Zeichnungen erworben“, so Metzger.

Baumreiche Landschaft mit Lanzenträger und bellendem Hund, um 1603 von Jacob de Gheyn II.
Albertina Wien
„Baumreiche Landschaft mit Lanzenträger und bellendem Hund“ von De Gheyn II.

Drei Jahrhunderte niederländische Zeichenkunst

Als Statthalter der Niederlande in Brüssel lag Albert von Sachsen Teschen die dortige Kunst besonders am Herzen. Alle in der Jubiläumsschau gezeigten Arbeiten wurden von ihm persönlich erworben. Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel der Ältere, Peter Paul Rubens und Rembrandt gaben der Ausstellung ihren Titel und belegen eindrucksvoll, welche Vielfalt und Qualität die Niederlande hervorbrachten: „Wir haben die vier bekanntesten Namen gewählt, und sie spiegeln die zeitliche Bandbreite von etwa 300 Jahren sehr gut“, so Metzger.

Spaltung der Niederlande wirkt sich auf Kunst aus

Eng mit der Entwicklung der niederländischen Kunst verknüpft ist die Geschichte der Niederlande vom 15. bis zum 17. Jahrhundert - daher ist die Ausstellung auch chronologisch gegliedert.

Im Zuge der Reformation spalteten sich die Niederlande in den protestantischen, bürgerlichen Norden und den katholisch-aristokratischen Süden. Im achtzigjährigen Krieg von 1568 bis 1648 entstand so im Norden die „Republik der sieben Vereinigten Niederlande“, der Süden blieb als „Vereinigte Provinzen“ im Einflussbereich der Habsburger.

Rubens wird zu Europas gefragtestem Maler

Im aristokratisch gelenkten Süden eröffnete sich mit der Bildkultur der Gegenreformation ein neues Betätigungsfeld, vor allem im Bereich großformatiger Altarbilder: „Ob bayrischer Herzog, englischer oder spanischer König, ganz Europa ließ bei Rubens Altarbilder anfertigen“, so Metzger.

In Rubens fand die flämische Kunst des Barock ihren vollkommensten Ausdruck. Sein Porträt seines Sohnes Nikolaus mit Korallenschnur gilt zweifellos als eines der berühmtesten Kinderbildnisse aller Zeiten. Es spiegelt die tiefe Zuneigung des Vaters für seine Kinder - Rubens porträtierte ebenso den zweiten, älteren Sohn Albert und seine Tochter Clara Serena - wider.

Peter Paul Rubens
Nikolaus Rubens mit Korallenschnur, um 1619
Albertina Wien
Peter Paul Rubens: „Nikolaus Rubens mit Korallenschnur“ (um 1619)

Landschaften, Stillleben und Seestücke im Norden

Im protestantischen, bürgerlichen Norden erlebte hingegen die Profankunst ihre Blüte. Die Bildwelt, die sich dort entwickelte, war ganz unspektakulär, und die meisten ihrer Themen galten bis dahin als „bildunwürdig“. Liest man Inventare aus der Zeit Rembrandts, trifft man auf Sujets wie „een boerekermis“ (Bauernkirmes), „een blompotje“ (kleine Blumenvase) oder „een kind in de kackstoel“ (ein Kind im „Kack“-Stuhl).

Der Norden war aufgrund wirtschaftlich bedeutender Hafenstädte - erst Gent und Brügge, später Amsterdam - sehr reich. Das schlägt sich auch in der Auswahl der Motive nieder: Genrebilder, Seestücke, Landschaften, Stillleben, Interieurs und Porträts geben Einblicke in das tägliche Leben des Bürgertums.

Joachim Antonisz. Wtewael
Die Dame Belgica wird hofiert (aus der Belgica-Folge), 1612
Albertina Wien
Joachim Anthonisz Wtewael: „Die Dame Belgica wird hofiert“ (1612)

Bürgertum begann, in Kunst zu investieren

Aufgrund einer starken Verstädterung lebten im nördlichen Teil im 17. Jahrhundert nur noch rund zehn Prozent der Menschen am Land. Viele Menschen waren in Handwerk und Handel tätig und begannen, in Kunst zu investieren: „Der nördliche Teil hatte einen unglaublichen Ausstoß an Kunstwerken“, erklärte Metzger, „so hatte man sogar bei einem Bäcker zwischen 70 und 100 Gemälde im Nachlass gezählt.“ Auch die Landbevölkerung war urbanisiert: „Es war ganz normal, dass bei einem Bauern auch Kunst in der Stube hängte“, so Metzger.

Als Gegenpol zu Rubens im Süden galt Rembrandt. Er zeichnete Szenen aus der Bibel und der Mythologie, Bildnisse, Figurenstudien, Landschaften, Genreszenen oder Tiere, wie etwa einen Elefanten, der im 17. Jahrhundert in Europa als einmalige Sensation galt und dem Rembrandt 1637 mehrere Studien widmete.

Ausstellungshinweis:

„Bosch Bruegel Rubens Rembrandt. Meisterwerke der Albertina“, 14. März bis 30. Juni, täglich 10.00 bis 18.00, Mittwoch bis 21.00 Uhr.

Sendungshinweis

„Wien heute“, 13. März 2013

Zeichnung als eigene Disziplin

Die Zeichnung spielte neben der Malerei eine zunehmend autonome Rolle. Der schnelle und unkomplizierte Griff zu Papier und Feder oder Stift erlaubte dem Künstler das flüchtige Festhalten augenblicklicher Eingebungen, die Bearbeitung von Details bis zum perfekten Resultat oder das Entwerfen von minutiös ausgearbeiteten Vorlagen. Aufgrund der Vielzahl an Techniken, Funktionen und Anwendungsbereichen vermitteln die auf Papier ausgeführten Arbeiten ein weitaus differenzierteres Bild als die Malerei.

Besonders stolz ist der Kurator auch auf die drei in der Ausstellung präsentierten Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter das skurrile Fabelwesen „Der Baummensch“ (um 1500): „Zeichnungen von Bosch sind sehr selten, es sind nur gut zwei Dutzend Blätter bekannt“, so Metzger.

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