„Alle Meschugge“ im Jüdischen Museum

Kostüme von Georg Kreisler, historische Fotos oder Filme von im KZ aufgeführten Kabaretts rücken derzeit in der Ausstellung „Alle Meschugge. Jüdischer Witz und Humor“ im Jüdischen Museum Wien den jüdischen Humor in den Mittelpunkt.

Humor ist ein wesentlicher Bestandteil des jüdischen Lebens: „Gott lacht mit seinen Geschöpfen, nicht über seine Geschöpfe“, heißt es bereits im Talmud. Seine Wurzeln hat der jüdische Humor in den Schtetln, den kleinen Dörfern Osteuropas. Er entstand durch mündlich überlieferte Witze, Anekdoten und komische Geschichten.

Stalzer: „Mit Humor ging es natürlich leichter“

„Die Juden waren immer einer feindlichen Umgebung ausgesetzt, mit der sie umgehen mussten“, so Alfred Stalzer, einer der beiden Kuratoren des Jüdischen Museums Wien, gegenüber wien.ORF.at. „Mit Humor ging es natürlich leichter. Auch die strengen Vorschriften des Judentums wurden mit Humor beantwortet“, so Stalzer.

Jüdisches Kabarett der Zwischenkriegszeit: Ein Saxophonspieler und ein Trommler
Jüdisches Museum Wien
„Meschugge ist Trumpf“: Jüdisches Kabarett der Zwischenkriegszeit in Wien

Der jüdische Witz: Warmherzig und menschlich

In sieben Themenbereichen zeigt die Ausstellung „Alle Meschugge? Jüdischer Witz und Humor“ die unterschiedlichsten Facetten des jüdischen Humors - vor allem historisch und geographisch - auf. Doch was zeichnet den jüdischen Humor eigentlich aus? „Jüdischer Humor ist warmherzig, menschlich und menschenfreundlich. Er macht sich über alltägliche Dinge lustig, aber nicht auf Kosten anderer Mitmenschen“, so der Kurator.

Angesichts der jüdischen Geschichte, die von Elend, Verfolgung und Flucht geprägt ist, erscheint dies im ersten Moment nicht nachvollziehbar. Doch der jüdische Humor hilft beim Überleben, ist identitätsstiftend und selbstironisch zugleich. Jüdische Witze haben Gott, seine Gesetze, aber auch die täglichen Probleme der Menschen zum Inhalt.

Blüte der Unterhaltungskultur zwischen den Kriegen

In den 1920er-Jahren galten Wien und Berlin als die beiden europäischen Metropolen des jüdischen Humors, der in Kabaretts, Revuen, Operetten, Filme, Literatur und Satire seinen Ausdruck fand. Das „Bierkabarett Simplicissimus“ und das bis heute existierende „Simpl“ waren Hochburgen der Lachkultur in Wien.

Viele der Stars wie Adolf Glinger, Fritz Grünbaum, Sigi Hofer oder Hermann Leopoldi waren jüdischer Herkunft und brachten den jüdischen Witz mit seiner Fähigkeit zur Selbstironie als Grundlage in ihre Sketches, Conferencen und Programme ein. Sie prägten das unverwechselbare Profil des Wiener Kabaretts.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi- Deutschland war es vorbei mit der Vielfalt der Wiener Kleinkunstszene: Wer nicht wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt wurde, sah sich oft wegen seiner politischen Orientierung Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt.

Karl Farkas und Fritz Grünbaum in „Die gestohlene Revue“, 1935
Thomas Sessler Verlag
Karl Farkas und Fritz Grünbaum in „Die gestohlene Revue“, 1935

Makabre Überlebenshilfe: Kabarett im KZ

„Wartesaal des Todes“ nannte man das KZ Theresienstadt. Dort wie auch in Dachau und Westerbork führten die jüdischen Häftlinge - so makaber es klingen mag - Kabaretts auf. In Westerbork wurde Kabarett sogar vom Lagerkommandanten angeordnet, „es sollte die Juden ruhig halten“, so Stalzer.

„Humor und Melodie“, „Bravo! Da capo!“ oder „Total verrückt“ nannten sich die Revuen, die die beiden deutschen Kabarettisten Willy Rosen und Max Ehrlich auf der Kabarettbühne in Westerbork aufführten - in der ersten Reihe saß stets Lagerkommandant Albert Gemmeker, die SS filmte mit.

Historische Fotografie: Martin Roman und die "Ghetto Swingers", KZ Theresienstadt, 1944
Sammlung Volker Kühn
Martin Roman und die „Ghetto Swingers“ im KZ Theresienstadt (Foto von 1944)

Ablenkung vom Grauen des Lager-Alltags

„Das Kabarett hat sie zumindest ein bis zwei Stunden vom grauenvollen Alltag im Lager abgelenkt“, so Stalzer. Wer auf der Bühne stand, rechnete sich Chancen fürs Überleben aus. Beklemmendes Detail: Gespielt wurde immer, wenn die Transporte in die Vernichtungslager abgingen.

Willy Rosen und Max Ehrlich haben es nicht überlebt, beide wurden in Ausschwitz ermordet. „Man hat uns nach Ausschwitz gelächelt.“, sagte ein Zeitzeuge über das KZ-Kabarett. Zusammen mit Kurator Marcus Patka hat Stalzer zahlreiche Zeitzeugeninterviews, alte Fotografien und auch Filmmaterial in der Ausstellung zusammengetragen.

Jüdischen Humor nach Krieg weitergeführt

Anders als in Berlin kann das Wien der Nachkriegszeit an die jüdische Tradition des Humors anknüpfen: Vor allem Gerhard Bronner, Carl Merz, Karl Farkas, Hermann Leopoldi und Georg Kreisler - von dem Bühnenkostüme ausgestellt werden - stehen für jüdischen Nachkriegshumor. Kreisler gilt darüber hinaus als einer der bissigsten Vertreter jüdischen Humors, wie seine „Nichtarische Arien“ beweisen. „Je weiter die NS-Zeit zurückliegt, desto schwärzer wird der Humor“, stellte Stalzer fest.

Karl Farkas und Ernst Waldbrunn in ihrer 100. Doppelconference im ORF
ORF
Karl Farkas und Ernst Waldbrunn in ihrer 100. Doppelconference im ORF

Zynischer, Tabu brechender Humor

Für einen neuen jüdischen Humor und einen unverkrampften Zugang zur jüdischen Geschichte stehen etwa der deutsche Stand-up Comedian Oliver Polak, der in seinen Programmen mit vielen Tabus bricht. Exemplarisch dafür steht sein Papp-Schäferhund mit SS-Mütze und Kette mit Davidstern, der in der Ausstellung zu sehen sein wird. Aber auch der britische Comedian und Schauspieler Sascha Baron Cohen („Borat“) repräsentiert eine neue Art des jüdischen Humors: „Er konfrontiert die Menschen mit ihren eigenen Vorurteilen und Stereotypen“, so Stalzer.

Ausstellungshinweis

„Alle meschugge? Jüdischer Witz und Humor“, Jüdisches Museum Wien, 20. März bis 8. September 2013, Sonntag bis Freitag, 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag geschlossen, Eintritt 10 Euro (gilt auch für Museum Judenplatz)

Sendungshinweis

„Wien heute“, 18. März 2013

Auch der Schweizer Regisseur Dani Levy, der am Mittwoch die Ausstellung eröffnen wird, besticht mit seiner Hitler-Persiflage „Mein Führer“ mit Helge Schneider in der Hauptrolle durch bissigen, zynischen und subversiven Witz.

„Als ‚erste deutsche Komödie über die Nazis‘ erhielt der Film seinen Nimbus als Tabubrecher und Aufarbeitungsrammbock“, so Levy im zur Ausstellung erscheinenden Begleitbuch.

Helge Schneider als Adolf Hitler in der Badewanne im Dany Levy-Film „Der Fuehrer“
Ecki Friz
Helge Schneider als Diktator Hitler in Dani Levys Film „Mein Führer“

Podiumsgespräch und jüdische Musik

Neben der Ausstellung veranstaltet das Jüdische Museum ein vielfältiges Rahmenprogramm. Unter anderem findet am 25. April ein Podiumsgespräch zum Thema „Lachen im Angesicht des Todes - Kabarett im KZ und im Exil“ mit Volker Kühn und Konstantin Kaiser statt.

Am 6. Juni heißt es „Jiddischer Humor“, bei dem das Ensemble Scholem Alejchem einen musikalischen Abend gestaltet. An beiden Abenden ist der Eintritt frei, Beginn ist jeweils um 18.30 Uhr. Das vollständige Programm gibt es auf der Website des Jüdischen Museums.

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