Energie aus der Ruhe tanken

Warum sind unsere Energietanks heutzutage schnell einmal leer, warum ist es so schwierig, den Aufmerksamkeitsfallen zu entkommen und wie kann uns das „Abschalten“ mehr Energie bringen- Tipps hat Kommunikationsexpertin Nana Walzer

Viele Menschen leiden heute nicht nur unter kurzfristiger Kraftlosigkeit, etwa am Ende eines anstrengenden Arbeitstages, sondern sogar unter andauernder Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten oder Motivationslosigkeit. Wir scheinen in einer Zeit zu leben, die so schnell und anspruchsvoll ist, dass Energie eigentlich die Währung ist, um die es geht, wenn es gilt, erfolgreich oder auch erfüllend zu leben. Das war früher anders.

Lange Zeit ging es um materiellen Wohlstand, um Geld und Karriere. Als die Menschen sich dabei oft und lange selbst vergessen haben und auch keine Zeit mehr für die schönen Dinge im Leben oder auch nur die eigenen Kinder gefunden haben, hat sich das Blatt gewendet. Danach wurde Zeit das kostbarste Gut. Jede Generation hat so etwas andere Prioritäten (daher gibt es auch so viele Konflikte zwischen den Generationen, wenn es um die Lebensplanung der eigenen Kinder geht, die einfach andere Ziele haben als die Elterngeneration).

In den letzten Jahren wurde Aufmerksamkeit zum wichtigsten Gut: Wohin sie gelenkt wird, da kann kommuniziert, überzeugt, gestaltet werden. Und es zerren heutzutage unendlich viele Kanäle an unserer Aufmerksamkeit. Das laugt uns ständig aus.

Frau liegt entspannt im Gras
Colourbox.de

Informationsflut stresst

Die ständige Informationsflut, die Unsicherheit, wohin sich unsere Welt entwickelt und das Fehlen von allgemein akzeptierten, langfristig handelnden und vor allem vertrauenswürdigen Persönlichkeiten, die sicheren Schrittes vorangehen in eine positiv anmutende Zukunft – all das gemeinsam sorgt für einen Rahmen, in dem Menschen sich selbst und andere zunehmend als nervös erleben.

Stress und Verunsicherung sind für unseren Körper und Geist nicht als Dauerzustände gedacht. Jeder Erregungswelle sollte eigentlich eine Phase der Beruhigung folgen. Doch, wenn es still wird, werden viele von uns erst recht nervös. Dann lenken wir uns ab, anstatt uns mit den in ihnen liegenden offenen Lebensfragen zu beschäftigen. Wir essen und trinken zu viel und das Falsche (zu viel Zucker, fett und Kohlehydrate), wir kaufen ein, was sie nicht brauchen und bleiben zu lange wach, ohne diese Zeit für echte Regeneration zu nutzen.

Andererseits ist das ständige in-Bewegung-Sein heute auch angesagt, es ist Teil unserer Konsumkultur, wir sind es schlichtweg gewohnt. Wer im Gegensatz dazu die Ruhe weg hat, wirkt wie ein Fossil und wird oft als weltfremd angesehen, als ignorant oder stur.

Aus der Ruhe Energie schöpfen

Ruhe, Leere und Stille sind nicht dasselbe. Die Ruhe betrifft den Körper, die Leere den Geist und die Stille die Sinne. Alle drei gemeinsam beeinflussen unseren Gefühlshaushalt. Um in den wunderbaren Zustand der Fülle, der Kraft und der positiven Gefühle zu kommen, müssen wir uns zunächst aber mit den Torwächtern vor dem Paradies auseinandersetzen. Wir sind es nämlich nicht mehr gewohnt, uns keinen Reizen auszusetzen. Fallen diese weg, dann überfallen uns alle möglichen Sorgen und Bedenken, unangenehmen Gefühle wie Langeweile bis hin zu Panik, körperlich nehmen wir unsere Überlastung wahr, wir werden vielleicht krank oder empfinden Schmerzen, die der Stress abgedämpft hat, die wir verdrängt haben.

Hier führt nur ein Weg hindurch: Wahrnehmen und Annehmen, dahinter schauen und einfühlen. Was stimmt in meinem Leben nicht? Wo und wie lebe ich an meinen Bedürfnissen vorbei? Wo bin ich mit mir un-stimmig und wo ist die Welt, sind die anderen mit mir nicht im Einklang. Das kann uns frustriert, traurig oder wütend machen. Da müssen wir durch. Und zu uns stehen, bei uns bleiben. Es geht nicht ums dagegen Ankämpfen, sondern uns sehen und sein lassen.

Liegen wir ruhig und entspannt, atmen wir langsam und sanft etwa 4 Sekunden ein und aus, lassen wir die Gedanken vorbeiziehen ohne sie festzuhalten. Keine Geräusche, kein Handy, keine Gespräche: werden wir körperlich ruhig, geistig immer leerer, gönnen wir den Sinnen eine Pause. Tun wir dies regelmäßig (und am Anfang werden wir nach wenigen Minuten vielleicht gleich einschlafen), dann erholen wir uns langsam aber nachhaltig. Wir werden langsamer, aber effizienter. Ruhiger, aber widerstandskräftiger. Und wir können uns leichter von Energieräubern, seien es Menschen, Aufgaben oder ungesunde Ablenkungen abgrenzen. Kraft, Freude, Spontaneität und Kreativität entspringen dann als ganz natürliche Folgen aus dem neu entstandenen Raum.

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Nana Walzer
Nana Walzer: „Die Kunst der Begegnung“

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