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DO | 02.09 | 17:10
"Sinnvoll tätig sein" (Bild: Werner Titelbach)
"Sinnvoll tätig sein"
Erfülltes Arbeiten trotz Arbeitslosigkeit
Es gibt zu wenige Arbeitsplätze für alle: Isolation und mangelnde Anerkennung sind nur zwei Folgen für knapp 300.000 arbeitslose Österreicher. In dem Verein "Sinnvoll tätig sein" schaffen sie sich eigene Betätigungsfelder.
Teamsitzung des Vereins "Sinnvoll tätig sein" (Bild: ORF/Migsch)
Teamsitzung bei "Sinnvoll tätig sein".
"Raum für Ideen"
"Wir verstehen 'Sinnvoll tätig sein' als einen Raum, Ideen zu entwickeln und mit anderen auf Projektbasis daran zu arbeiten", so Georg Brandenburg, Geschäftsführer des 2008 gegründeten Vereins mit Sitz in Meidling im Interview mit wien.ORF.at.

Seit 1. Mai läuft ein siebenmonatiges Pilotprojekt mit dem AMS. Zwölf Arbeitsuchende nehmen am ersten Durchlauf des unkonventionellen Programms teil, bei dem vor allem Eigeninitiative gefragt ist.
Flipchart (Bild ORF/Migsch)
Größter Unterschied zu anderen AMS-Kursen: "Wurden gefragt, was wir uns wünschen." Arbeitslosenzeitung in Planung
Einer der Teilnehmer ist Stefan Brandl. Zusammen mit fünf weiteren Teilnehmern gründete er eine Mediengruppe. Ziel ist es, eine Arbeitslosenzeitung auf den Markt bringen. Die Idee dazu trägt Brandl schon länger mit sich herum, ohne den Verein wäre es seiner Ansicht nach aber "nicht viel mehr als eine Idee geblieben".

Als größten Unterschied zu anderen AMS-Kursen sieht er die Tatsache, "dass wir gefragt wurden, was wir uns wünschen oder ausarbeiten wollen". In der Zeit der Arbeitslosigkeit habe sich Brandl "wie eine Leiche auf Urlaub" gefühlt. Durch das Zeitungsprojekt sei für ihn "eine neue Hoffnung aufgetaucht".
Stefan Brandl bei Recherchearbeiten (Bild: ORF/Migsch)
Stundenplan bei "Sinnvoll tätig sein" (Bild: Claudia Hannemann)
Engagement "außerhalb der Kurszeiten"
Wie alle Teilnehmer von "Sinnvoll tätig sein" kann sich Brandl die Zeit zwischen 9.00 und 15.30 Uhr weitgehend selbst einteilen. Da die Motivation so groß sei, arbeite seine Gruppe sogar oft "außerhalb der eigentlichen Kurszeiten".

Ein fixer Programmpunkt für alle ist das tägliche Morgenplenum. Die restlichen Stunden müssen die Teilnehmer aber nicht im Verein "versitzen": Gerade bei der Umsetzung einer Geschäftsidee seien oft auch Außentermine notwendig, so Brandenburg.
Plenum bei "Sinnvoll tätig sein" (Bild: Claudia Hannemann)
"Was gehört zu einem guten Leben?"
Mit der Frage "Was gehört zu einem guten Leben?" beschäftigt sich eine zweite Projektgruppe. Ins Visier genommen werde dabei auch der Arbeitsplatz, so Claudia Hannemann, eine von vier Trainerinnen und Trainern bei "Sinnvoll tätig sein".

Jetzt überlegt die Gruppe, eine Dienstleistung auf diesem Gebiet anzubieten. Zur Debatte stehen die Beratung von Firmen und ein Kursangebot. Das Ziel von "Sinnvoll tätig sein" sei aber nicht, jeden Teilnehmer in die Selbstständigkeit zu schicken, wie es beim Unternehmensgründungsprogramm des AMS der Fall sei, betonte Brandenburg.
Ziel ist es nicht, "nach wenigen Monaten ein marktfähiges Projekt zu haben". "Wollen nicht in die Selbstständigkeit treiben"
Viele wollen sich gar nicht selbstständig machen, so der Geschäftsführer. So habe sich etwa auch die Gruppe "Anders Job suchen" formiert, in der überlegt wird, wie man sich individueller bewerben und gezielt nach Nischen suchen kann.

Ziel von "Sinnvoll tätig sein" sei es nicht, "nach wenigen Monaten ein marktfähiges Projekt zu haben", so Brandenburg. Allein die Tatsache, sich nach langer Zeit der Arbeitslosigkeit wieder für etwas zu engagieren, führe bei vielen zu einer Änderung der inneren Haltung. Diese wirke sich auch bei Bewerbungsgesprächen aus.
Ideenwerkstatt bei "Sinnvoll tätig sein" (Bild: Claudia Hannemann)
Bei "Sinnvoll tätig sein" ist Platz für Ideen aller Art.
Idee während Studie über Arbeitsloseninitiativen. Arbeitslos sein bedeutet "Anti-Identität"
Wie wichtig ein Arbeitsplatz für die Psyche des Menschen ist, betonte auch Werner Titelbach, Sozialwissenschaftler und Gründer von "Sinnvoll tätig sein". Die Idee zu dem Verein kam ihm während seiner Arbeit an einer Studie über Arbeitsloseninitiativen für die Arbeiterkammer.

Dabei sei ihm aufgefallen, dass Arbeitslose vor allem mit Isolation, negativen Vorurteilen und fehlender Anerkennung zu kämpfen hätten. Arbeitslos zu sein bedeute "eine wirkliche Anti-Identität", so Titelbach gegenüber wien.ORF.at.
Werner Titelbach (Bild: ORF/Migsch)
Werner Titelbach will mit seinem Projekt neue Perspektiven eröffnen.
2007 Siegerprojekt bei "Ideen gegen Armut"
Da die offenen Stellen trotz Zusatzausbildungen nicht mehr würden, sei die Motivation bei Teilnehmern von AMS-Kursen oft sehr gering, so Titelbach. Im Gegensatz dazu wollte er einen Rahmen schaffen, in dem Menschen "an einem konkreten Projekt" arbeiten, "das sich in relativ kurzer Zeit auch realisieren lässt".

Als er 2007 den Preis "Ideen gegen Armut gewann", war die Finanzierung des Vereins für eineinhalb Jahre gesichert. Über 1.000 Personen nahmen die Plattform seither in Anspruch, einige von ihnen haben mittlerweile wieder einen Job, so Titelbach. Unabhängig von der Erwerbsarbeit habe aber jeder Mensch das Potenzial, sinnvoll tätig zu sein und so etwas zur Gesellschaft beizutragen.

Clara Migsch, wien.ORF.at