Deutschklassen: Minister hält an Plänen fest

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will sich trotz der Boykottdrohungen von Lehrern und Bedenken der Gewerkschaft nicht von seinen Plänen zur Einführung von Deutschklassen abbringen lassen.

Mit der Pflichtschullehrergewerkschaft sei man in einem guten Kontakt, so der Bildungsminister. Die angedrohten Protestmaßnahmen der „Plattform zur schulautonomen Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen“ nimmt Faßmann gelassen. „Wir haben einen offiziellen Konsultationsmechanismus ganz im österreichischen sozialpartnerschaftlichen Sinne begonnen. Ich würde jetzt nicht Öl ins Feuer gießen. Wir sind auf einem guten Weg. Für gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen sehe ich derzeit eigentlich keine Legitimation und Notwendigkeit“, sagte der Minister.

Faßmann versteht Aufregung nicht

„Das Ankündigen von gewerkschaftlichen Maßnahmen gehört zur ‚Façon de parler‘ (etwa: Art zu reden, Anm.) der Gewerkschaften, aber wir werden einen guten Austausch pflegen.“ Auch an der geplanten Größe der Deutschklassen werde sich nichts ändern. „25 ist die Höchstzahl, wir rechnen aber mit deutlich geringeren Werten. Da verstehe ich auch nicht ganz die Aufregung, die herrscht“, meinte Faßmann.

Für Direktoren von Wiener Schulen ist die ab Herbst vorgesehene Einführung von Deutschförderklassen keine Lösung des Problems. Sie befürchten vielmehr zusätzliche Probleme. „Es mag Schulstandorte geben, an denen Deutschklassen Sinn machen - an meinem sicher nicht“, betonte der Direktor der Volksschule Bernhardtstalgasse in Favoriten, Horst Pintarich.

Fünf Räume für fünf neue Klassen

Abgesehen davon, dass das Modell etwa in Berlin nicht funktioniert habe, stehe er bei sich vor unlösbaren organisatorischen Herausforderungen. Er eröffne im Herbst fünf erste Klassen, für die es genau fünf Räume gebe. Aufgrund der zu erwartenden Zahl an außerordentlichen Schüler müsse er aus fünf durchmischten Klassen drei Sprachförderklassen einrichten.

Vorgaben ändern

Pintarich will keinen Boykott, hofft aber darauf, dass die Vorgaben geändert werden.

Die verbleibenden ordentlichen Schüler aus den fünf bestehen bleibenden Klassen - in diese müssen die außerordentlichen Schüler nach Erlangung der nötigen Sprachkompetenz ja wieder zurückkehren - wiederum müssten dann wieder neu zusammengemischt werden. Pintarich befürchtet, dass sich deutschsprachige Eltern dem nicht aussetzen wollen, sich eine neue Schule suchen und seine Schule zur Ghettoschule wird.

Pädagogische Vorbilder kommen abhanden

Die Vorgaben für Deutschförderklassen sind auch für die Volksschullehrerin Susanne Panholzer-Hehenberger „pädagogisch mehr als fahrlässig“, wie sie im ORF-Radio sagte. Wenn man Kinder, die ein Sprachdefizit haben, in eine Gruppe zusammensteckt, dann fehle ihnen die wichtigste pädagogische Kategorie, nämdlich das pädagogische Vorbild: „Sechsjährige lernen ja nicht eine Sprache, indem sie in einer Klasse Vokabel lernen.“

Susanne Panholzer-Hehenberger im Ö1-Morgenjournal

An Panholzers Standort würden voraussichtlich rund 20 von 70 Erstklasslern außerordentliche Schüler sein und in eine Deutschklasse kommen. Diese Kinder würden ausgeschlossen vom Rechnen und vom Sachunterricht, so Panholzer. Meist handle es sich dabei nicht um Flüchtlingskinder, sondern um solche aus bildungsfernen Schichten. Diese bräuchten nicht zuletzt fixe soziale Gruppen: „Wenn man diese Kinder von den anderen trennt, nimmt man ihnen das pädagogische Vorbild, das Sprachvorbild und auch das Vorbild an Lernkultur“, so Panholzer.

„Den Kindern gerecht werden“ als Ziel

Die Leiterin der Volksschule Vereinsgasse, Gabriele Lener, hofft darauf, „dass unsere gewerkschaftliche Vertretung uns unterstützt, wenn wir Dinge tun müssen, die das Gesetz vielleicht nicht so vorsieht“. „Wir werden versuchen, Möglichkeiten zu finden, die den Kindern gerecht werden“, so Lener. Die Direktorin der AHS Rahlgasse, Ilse Rollett, schloss Deutschklassen an ihrer Schule kategorisch aus. Die nötige Zahl außerordentlicher Schüler, für die diese Klassen gedacht sind, werde aber an AHS ohnehin meist nicht erreicht.

NMS Schopenhauerstraße:

„Kinder aus Deutschförderklassen können heute schlechter Deutsch als jene Kinder, die in Regelklassen waren.“

Von ihren Erfahrungen mit reinen Flüchtlingsklassen berichtete die Direktorin der NMS Schopenhauerstraße in Währing, Erika Tiefenbacher: „Diese Kinder können heute schlechter Deutsch als jene Kinder, die in der Regelklasse waren.“ Ein weiteres Problem für Tiefenbacher ist, dass aufgrund der gesetzlichen Vorgaben die Kinder in NMS-Deutschklassen zwei Drittel des Unterrichts in der Deutschförderung verbringen. Damit würden sie aber aufgrund des fehlenden Fachunterrichts automatisch das Jahr verlieren. In vielen Fällen führe das dazu, dass sie keinen Hauptschulabschluss schaffen könnten.

Czernohorsky und Himmer fordern klare Vorgaben

„Großes Verständnis“ für die Standpunkte der Wiener Schulleiter äußerten Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) und Bildungsdirektor Heinrich Himmer: "Der Bund muss den Aufschrei der Direktoren und Direktorinnen ernst nehmen, weil er klar aufzeigt, dass die Schulen bei der Einführung der Deutschförderklassen bislang im Regen stehen gelassen worden sind.“

Es sei nicht verwunderlich, dass die Verunsicherung in Schulen, bei Eltern und Kindern groß sei, wenn ein Gesetz „überfallsartig“ beschlossen werde. Czernohorsky und Himmer betonten, "dass unsere Schulen bestehende Gesetze einhalten müssen – das gilt auch für das Gesetz über die Deutschförderklassen. Gleichzeitig ist der Bund dringend aufgefordert, schnell klare Planungsvorgaben zu geben und den Schulen eine flexible standortspezifische Umsetzung zu ermöglichen.“

Grüne, Neos und Liste Pilz gegen Regierung

Auch Grüne, Liste Pilz und Neos stellen sich auf die Seite der Schulen. Für den Klubobmann der Wiener Grünen, David Ellensohn, ist gerade im Bildungsbereich der Protest von Direktoren und Lehrern nachvollziehbar, wenn entgegen besseren Wissens Dinge durchgedrückt würden. Stephanie Cox, Bildungssprecherin der Liste Pilz, äußerte sich ähnlich: Die Regierung bekomme nun „die Rechnung für ihr beratungsresistentes Handeln präsentiert“. Sie unterstütze daher die von den Pädagogen gegründete „Plattform zur schulautonomen Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen“.

Unterstützung für die Lehrer kommt von den NEOS: „Das sind genau die Initiativen, die wir brauchen und die ich mir für unser System wünsche“, so Klubobmann Matthias Strolz in einer Aussendung. „Nachdem die Regierung einfach drübergefahren ist, gehen jetzt die Betroffenen gemeinsam in die Verantwortung.“

Boykott für FPÖ „völlig inakzeptabel“

Anderer Ansicht sind klarerweise die Regierungsparteien ÖVP und FPÖ. Gerade in Wien gebe es unzählige Schulklassen, in denen eine Mehrzahl der Kinder gar nicht oder nur ungenügend Deutsch könne, sagte FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus. Dadurch würden die österreichischen Kinder in ihrem Lernfortkommen behindert. Es sei gerade in Wien enorm wichtig, „dass die Kinder mit Deutschdefiziten in eigenen Klassen unterrichtet werden, bevor sie in den Regelunterricht integriert werden.“

ÖVP gegen ideologisch motivierte Kritik

Der Bildungssprecher der ÖVP, Rudolf Taschner, bleibt aber dennoch dabei. Deutschförderklassen würden ab Herbst 2018 sicherstellen, dass Kinder nach einem halben Jahr ausreichend Deutsch sprechen und damit dem Regelunterricht folgen könnten. Es gebe so viele Kinder, die die Schule verlassen und nicht Deutsch können. Es müsse schnell gehandelt werden, sagte Taschner, der sich dagegen aussprach, dem Projekt ideologisch motivierte Steine in den Weg zu legen.

ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer betonte, es könne nicht sein, dass sich Lehrer gegen eine gesetzliche Regelung sträuben. Er sieht Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) in der Pflicht. Die Bundesregierung habe mit den Deutschklassen eine wichtige Maßnahme zur Integration geschaffen. Diese sei umzusetzen.

Plattform für Entscheidung bei Schulen

Die Gesetzesnovelle zu den Deutschförderklassen war im Mai im Nationalrat und in der vergangenen Woche auch im Bundesrat mit den Stimmen der Regierungsparteien beschlossen worden - mehr dazu in Deutschklassen: Weiter Kritik von Opposition und Experten (news.ORF.at; 8.5.2018). Der Widerstand in Wien war von Anfang an groß - mehr dazu in Kritik an geplanten Deutschförderklassen und in Wien sagt Nein zu Deutschklassen.

Aber Direktoren, Lehrer, Sprachwissenschafter und Eltern schlossen sich zur „Plattform zur schulautonomen Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen“ zusammen. Sie hofft, die Pläne noch durchkreuzen zu können. Ihr Ziel ist es, die Entscheidung über die Ausgestaltung von Sprachfördermaßnahmen in die Autonomie der Schule zu verlagern - also etwa ob oder in welchem Ausmaß Kinder mit Sprachproblemen aus ihren Stammklassen zur Sprachförderung herausgenommen werden.

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