Unsere Zeit: relativ und paradox

Die messbare Zeit unterscheidet sich stark von der subjektiv empfundenen Zeit. „Radio Wien“-Psychologin Karin Busch-Frankl beschäftigt sich in ihrer „Radio Wien“-Rubrik mit den Wurzeln und dem merkwürdigen Wesen unseres Zeitempfindens.

Uhren und Kalender

Fotolia/Les Cunliffe

Alles ist relativ. Auch die Zeit. Dass eine Stunde im Lokal mit Freunden Bier trinken anders lang empfunden wird, als die gleiche Zeitspanne zuhause auf den Biertrinker zu warten, wusste bereits Kabarettist Gunkl zu berichten. Ein Beispiel von zeitloser Schönheit. Einerseits ist es also unsere Stimmungslage, die sich auf unser unmittelbares Zeitempfinden auswirkt.

Doch unser Zeitempfinden unterliegt auch anderen Faktoren als den Rahmenbedingungen: Zeitliche Empfindungen sind sehr individuell und altersabhängig. Die „innere“ Uhr ist primär geprägt von der Abfolge von „äußeren“ Ereignissen und im Alter scheint die „innere“ Uhr langsamer zu gehen. Daher entsteht das Empfinden, alles würde schneller gehen.

Unsere innere Uhr tickt nicht ganz richtig

Ein Kind empfindet die Dauer eines Schuljahrs als unendlich lang. Mit zunehmendem Alter aber entsteht bei vielen das Gefühl, die Zeit verginge immer schneller. Das liegt daran, dass Kinder ständig von neuen Eindrücken und Erfahrungen umgeben sind. Ihr Gehirn ist mit der Verarbeitung und Speicherung beschäftigt. Im Alter ist die Anzahl an neuen Erfahrungen geringer. Wie Menschen die Zeit empfinden, hängt also auch sehr von individueller Aktivität und Passivität ab.

Mann mit Wecker statt Kopf

Fotolia/chones

Sendungshinweis:

Radio Wien Magazin, 6. Mai 2013

Der innere Takt des Menschen ist nämlich sehr von äußeren Ereignissen geprägt. Je mehr Erlebnisse er zu verarbeiten hat und je ereignisreicher sein Leben verläuft, umso länger empfindet er im Rückblick die Zeit. Im Gehirn werden die Ereignisse auf einem „Zeitstrahl“ gespeichert. Wurden viele Erinnerungen und Eindrücke gespeichert, haben wir rückblickend die Empfindung, dass die Zeitspanne lange gedauert hat. In der konkreten Situation haben wir allerdings das Gefühl, die Zeit laufe uns davon. Die Wissenschaft spricht hier vom sogenannten Zeitparadoxon.

Das Zeitparadoxon kehrt die Empfindung um

Dazu gab es einen Versuch, der dieses Phänomen eindrucksvoll beschreibt. Psychologen haben zwei Gruppen von Menschen untersucht. Die eine Gruppe bekam einen Film anzusehen, die andere Gruppe musste in dieser Zeit warten, hatte also nichts zu tun. Erwartungsgemäß ergab eine anschließende Befragung, dass die Versuchspersonen, die sich den Film angesehen hatten, meinten, die Zeit sei schnell vergangen. Der Gruppe der zu untätigem Warten Verurteilten kam sie indes unendlich lang vor. So weit, so wenig überraschend.

Nach ein paar Tagen wurden aber beide Gruppen wieder befragt. Das Ergebnis war nun paradox: die Personen, die den Film gesehen hatten, kam die Zeitspanne nun rückblickend deutlich länger vor als der wartenden Gruppe. Die Forscher erklären das damit, dass die wartende Gruppe in Ermangelung irgendwelcher bedeutsamen Erinnerungen weniger Eindrücke abgespeichert hatte. Dadurch hatte sich ihr Zeitempfinden verkürzt. Bei jenen Versuchspersonen, die den Film gesehen hatten, war das Gegenteil passiert.

Carpe diem: Die Zeit mit Freude füllen

Um auf das oben erwähnte Beispiel von Gunkl zurückzukommen: Ob die Stunde nun rückblickend der daheim Wartenden oder dem im Lokal Trinkenden als länger in Erinnerung bleibt, hängt also davon ab, wer im Verlauf dieser Stunde mehr emotional nachdrückliche Empfindungen durchlebt und abgespeichert hat. Ohne genaue Kenntnis der Situation lässt sich das in diesem konkreten Fall nicht sagen. Hat sie inzwischen die gemeinsame Wohnung zerlegt, hat sie wahrscheinlich mehr Unvergessliches erlebt, als der Freund im Lokal.

Älteres Ehepaar am Strand

Fotolia/detailblick

Fest steht: Je mehr man zu tun hat, umso länger empfindet man rückblickend die Zeit. Im Moment des Tuns aber scheint sie schneller zu vergehen. Eine Erkenntnis, die wir uns zunutze machen können. Auch im Alter sollte das Gehirn mit neuen Aufgaben herausgefordert werden. Je mehr Eindrücke und Erfahrungen es zu verarbeiten gibt, umso intensiver wird das Lebensgefühl. Eine Urlaubswoche an einen fremden Ort erscheint uns rückblickend immer länger als eine Arbeitswoche.

Tipps:

  • Geistig fit bleiben, lebenslang lernen.
  • Der Zeit mehr Inhalt und Leben geben.
  • Zu mehr innerer Ruhe kommen. Wer aufgeregt und nervös ist, hat das Empfinden, die Zeit vergeht sehr schnell.
  • Für positive Gefühle sorgen. Sind viele Emotionen bei der Abspeicherung beteiligt, werden diese Erlebnisse genau und detailreich abgespeichert. Nicht nur deshalb sollte man dafür sorgen, vorrangig Dinge zu machen, die einem Freude bereiten.

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