Der Fluch des Perfektionismus

In ihrer Ratgeber-Rubrik beschäftigt sich „Radio Wien“-Psychologin Karin Busch-Frankl mit den Schattenseiten des Strebens nach Vollkommenheit: „Ausgeprägte Perfektionisten leiden nämlich oft unter Selbstwertproblemen.“

Die Wurzeln des Perfektionismus liegen fast immer in der Kindheit und seine Ursachen im Elternhaus. Eltern, die ihren Kindern vorrangig für Erfolge und erbrachte Leistungen Wertschätzung entgegenbringen, bringen damit die Saat für übersteigerten Perfektionismus aus. „Das Kind setzt sich selbst unter großen Druck“, erklärt Busch-Frankl, „da es ja die Zuwendung und Aufmerksamkeit seiner Eltern möchte. Dadurch entsteht ein dysfunktionales Denken: Diese Kinder wachsen mit der Überzeugung auf, nur bei guter Leistung liebenswert zu sein.“

Zollstock mit Aufschrift "Perfekt"

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Entweder perfekt oder völlig wertlos

Ist diese Überzeugung erst einmal verankert, hält sie sich vehement bis ins Erwachsenenalter und führt zu einer Art Schwarz-Weiß-Denken: „Es können keine Grautöne gesehen werden“, erläutert die „Radio Wien“-Psychologin, „entweder man hat eine Aufgabe perfekt gemeistert oder sie ist unvollkommen und daher völlig wertlos.“ Diese Einstellung berge auch die Gefahr einer Generalisierung, warnt Busch-Frankl: „Wenn ich einen Fehler mache, dann mache ich zwangsläufig überall Fehler und kann gar nichts gut und richtig machen“.

Ein gewisses Maß an Perfektionismus ist ja grundsätzlich alles andere als zu verurteilen. Menschen, die darum bemüht sind, ihre Aufgaben und Vorhaben möglichst gut zu erledigen, sind zumeist zwangsläufig erfolgreicher als solche, die sich von vorne herein mit Kompromissbereitschaft oder Gleichgültigkeit an die Arbeit machen.

Ermattet und gestresst wirkender Mann

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Mit Perfektion ins Burn-Out

Krankhaft wird Perfektionismus dann, wenn die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl einzig und allein vom Erfolg abhängig gemacht werden. „Auch wer aus Angst vor Misserfolgen Aufgaben meidet“, führt Busch-Frankl aus, „weil er der Überzeugung ist, sie nicht gut genug meistern zu können, hat die gesunde Grenze bereits überschritten.“

Tastatur - Taste "Perfektion"

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Sendungshinweis:

Radio Wien Magazin, 3. Juni 2013

Perfektionisten haben oft auch das Problem, dass sie Aufgaben nur sehr schwer abschließen können. „Aus Angst vor Fehlern kontrollieren krankhafte Perfektionisten die Ergebnisse ihrer Arbeit immer und immer wieder“, beschreibt Busch-Frankl ein typisches Symptom, „dadurch entsteht ein enormer Druck, der seinerseits Stress auslöst.“

Menschen mit Perfektionismus sind daher oft sehr unentspannt, schlafen schlecht, sind depressiv oder haben Kopfschmerzen. „Sie haben ständig das Gefühl, nicht gut genug zu sein“, so Busch-Frankl. Eine typische langfristige Folge von krankhaftem Perfektionismus sei daher das Burn-out-Syndrom.

Tipps

  • Die Einsicht erreichen, dass es eine generelle Perfektion nicht gibt! Es ist immer eine Interpretationssache was wir als perfekt bezeichnen. Unser Denken bestimmt unsere Gefühle! Alte Grundsätze aus der Kindheit sollten daher hinterfragt werden. Oft bedarf es eines Umdenkprozesses, um die Ansprüche an sich selbst neu zu bewerten.
  • Sich seine Energien gut einteilen! Dazu sollte man sich die Frage stellen, in welchem Bereich man wirklich 100% geben muss und zur Bewältigung welcher Aufgaben eventuell auch weniger ausreicht. Dabei kann eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung helfen: „Was habe ich für einen Nutzen davon, wenn ich den Anspruch des Perfektionismus aufrecht erhalte?“
  • Sich selbst so annehmen wie man ist! Mehr noch: Sich sogar selbst öfter mal explizit loben.
  • Sein Selbstwertgefühl stärken! Das lässt sich erreichen, indem man sich auf die Erfolge konzentriert und nicht ständig auf die Fehler.
  • Fehler als etwas Positive sehen! Denn aus Fehlern kann man lernen. Es gilt, Schwächen zu akzeptieren und als Teil des Menschseins zu verstehen.
  • Take it easy! Auch wenn es nicht immer leicht fällt. Das Leben kann nur gewinnen, wenn man es mit einer gewissen Leichtigkeit genießt und man sich selbst gelegentlich etwas weniger wichtig nimmt.

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