Wenn sich die Balken biegen

Menschen lügen. Und das rund 200 Mal am Tag. Vorausgesetzt, die Wissenschaft belügt uns nicht. In ihrer wöchentlichen Sendung beschäftigt sich „Radio Wien“-Psychologin Karin Busch-Frankl mit der Lüge und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Lügen haben kurze Beine ? Schön wär‘s. „Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen“, erkannte schon Mark Twain, „bevor sich die Wahrheit noch die Schuhe angezogen hat.“ Kein Wunder also, dass der Mensch bisweilen lügt. Angeblich sogar 200 Mal am Tag. Wobei man sich bei dieser Zahl nicht allzu sicher sein sollte. Auch in wissenschaftlichen Studien soll ja gelegentlich gelogen werden.

Gerade Statistiken eilt die üble Nachrede voraus, nichts weiter als in Zahlen und Balkendiagramme gegossene Lügen zu sein. Sie funktionieren aber prächtig, denn die Menschheit will ja belogen werden. Alfred Polgar: „Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist."

Immerhin muss man die Tatsachen kennen, um sie überzeugend und gezielt zu einer Lüge verdrehen zu können. Diese besondere Fähigkeit beherrscht nicht nur der Mensch. Bei Languren-Affen wurde beobachtet, dass sie ihre Artgenossen von einer Futterquelle ablenken, indem sie Warnrufe ausstoßen. Sie täuschen also eine Gefahr vor, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Auch Krähen greifen zu dieser Strategie.

Lügner haben lange Nasen

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Je früher ein Kind lügt, umso intelligenter ist es

Das bewusste Lügen ist bei Kindern ab dem vierten Lebensjahr zu beobachten. Also ab einem Alter, in dem das Kind lernt, zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden. „Für eine bewusste Lüge ist nämlich ein gewisses kognitives Niveau notwendig“, erklärt „Radio Wien“-Psychologin Karin Busch-Frankl, „und die Fähigkeit, sich in andere Menschen hinzuversetzten.“

Je intelligenter Kinder sind, umso früher entdecken sie die Lüge. „Sollten Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr noch immer ausschließlich bei der Wahrheit bleiben“, warnt Busch-Frankl, „ist das entwicklungspsychologisch sogar negativ zu sehen.“ Kleine Schwindeleien von Kindern bis etwa zu ihrem sechsten Lebensjahr, braucht Eltern daher überhaupt keine Sorgen zu bereiten.

Ab dem schulpflichtigen Alter sollten Kindern aber bei Bedarf die möglichen Folgen von Lügen klar gemacht werden. Kindern, denen die ersten Kilometer des Lebenswegs ohnedies möglichst lückenlos mit humanistischen Werten gepflastert wurden, können Moralpredigten aber auch erspart bleiben. Denn sie wissen eh ganz genau, was sie tun. Und warum sie gegebenenfalls lügen.

Schwur mit gekreuzten Fingern

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Flunkern und Schwindeln, Lug und Betrug

Per se ist eine Lüge noch nichts Schlechtes. Eine Gesellschaft ohne Lüge würde nicht funktionieren. „Wenn alle Menschen immer die Wahrheit sagten“, warnte Jean Gabin einst, „wäre das die Hölle auf Erden.“ Bereits ein Lachen in einer unangenehmen Situation kann als Vortäuschung falscher Tatsachen kategorisiert werden. Aber ist der Versuch, von der Wahrheit abzulenken, bereits eine Lüge? Wie scherzte Mark Twain so schön: „Ein Dutzend verlogener Komplimente ist leichter zu ertragen als ein einziger aufrichtiger Tadel.“

Die Neigung zum Lügen ist auch sehr von der persönlichen Situation und den Rahmenbedingungen abhängig. Wer sich in besonders gutem Licht präsentieren möchte, muss zumeist zwangsläufig etwas öfter flunkern. Die Absicht und Motivation dahinter ist entscheidend, ob die Unwahrheit nun als Schwindelei und als schwerwiegende Lüge zu kategorisieren ist.

Soziale Kompetenz zeigt sich mitunter an der Fähigkeit, im passenden Moment gut flunkern zu können, ohne dabei Jemandem zu schaden oder weh zu tun. Menschen, die an Autismus oder anderen Störungen zwischenmenschlicher Kompetenzen leiden, können oft nicht lügen.

Wahrheit verbirgt sich hinter Lügen

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Sendungshinweis:

Radio Wien Magazin, 10. Juni 2013

Gelogen wird aus guten Gründen

„Es wird niemals so viel gelogen, wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“, meinte einst Otto von Bismarck. Aktuellen Untersuchungen zufolge lügen erfolgreiche Menschen laut Statistik häufiger. Hier gilt es noch zu erforschen, ob und in welchem ursächlichen Zusammenhang Lüge und Erfolg zueinander stehen. Zwischen Männern und Frauen gibt es indes keinen markanten Unterschied: Beide Geschlechter lügen gleichermaßen.

„Das Finanzamt hat mehr Männer zu Lügnern gemacht als die Ehe“, meinte Robert Lembke. Gründe zum Lügen gibt es jedenfalls genug:

  • Um einen Menschen nicht zu verletzten, versucht man höflichkeitshalber zu beschönigen.
  • Um negative Konsequenzen zu vermeiden, verheimlicht man gewisse Geschehnisse. Angst und Selbstschutz können gewichtige Motivatoren sein, Dinge anders zu erzählen.
  • Um sich längerfristige Vorteile zu verschaffen, geht manch einer das Risiko einer bewussten Lüge ein.
  • Um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, ist die Lüge ein beliebtes Mittel.
  • Schließlich greifen Menschen auch aus Scham und Verzweiflung zur Lüge.
Münchhausen

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Das „Münchhausen-Syndrom“ und der Lügendetektor

Krankhaft wird es, wenn Menschen notorisch zu lügen beginnen. Dieses zwanghafte Lügen wird auch als das „Münchhausen-Syndrom“ bezeichnet. Die an dieser Erkrankung leidenden Menschen haben meist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Durch das Erfinden von Wunschwelten haben sie das Gefühl großartig zu sein. Mit einer phantasierten Biographie versuchen sie sich erhöhte soziale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Hier dienen Lügen als notwendige Kompensation für ein zu geringes Selbstwertgefühl.

Wer lügt, muss sich sehr viel merken. Daher berichten Menschen, die bewusst lügen, in ihren Erzählungen kaum über Details. Nur selten werden sie einen Dialog anführen oder über Gerüche und Empfindungen in der Situation berichten, die sie sich gerade zusammenreimen. Üblicherweise werden sie sich sehr kurz halten. Um sich als möglichst integer und zuverlässig zu präsentieren, werden Lügner auch nur sehr selten Erinnerungsfehler eingestehen.

Wie soll man mit Lügnern umgehen ?

Höflichkeitslügen, kleine Flunkereien sollte man gelassen nehmen. Wer lügt, hat die Wahrheit ja bekanntlich immerhin gedacht. Sobald man sich aber über eine aufgedeckte Lüge ärgert, sollte man aktiv werden und diese ansprechen. Niemand wird gerne belogen, denn es handelt sich dabei ja immer auch um eine Kränkung. Daher ist ein aufklärendes Gespräch ganz wichtig, um zu verstehen, warum man belogen wurde.

Die fünf häufigsten Lügen in zwischenmenschlichen Beziehungen sind laut Statistik übrigens:

  • „Ich ruf dich morgen an“
  • „Ich liebe dich“
  • „Nein, ich bin nicht verheiratet“
  • „Keiner versteht mich so wie du“
  • „Nein, ich habe niemanden kennen gelernt“

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