Rund mit sich selbst sein

Warum sind wir manchmal „uneins mit uns selbst“, nicht in unserer Mitte- wie fühlen wir uns wieder „rund“ und was genau ist „das Selbst“? Kommunikationsexpertin Nana Walzer hat Tipps.

Der Begriff wird in den Wissenschaften, also der Psychologie, Philosophie und Pädagogik und sogar in ihren jeweiligen Fachbereichen unterschiedlich verwendet. Eine mögliche Beschreibung lautet: Das Selbst ist das Zentrum der Persönlichkeit. Es kann zum Beispiel verstanden werden als der unbewusste Urgrund, von dem sich das bewusste Ich abgrenzt.

Sendungshinweis:

„Radio Wien am Nachmittag“, 6.6.2018

Das Ich bestimmt die eigene Identität, also die Ichvorstellung, indem etwa mit Hilfe der Stimme in unserem Kopf das von uns Erlebte interpretiert und zu uns in Bezug gesetzt wird. Das Ergebnis ist eine Selbstdefinition. Wobei das „Selbst“ in diesem Begriff irreführend ist: Das Selbst selbst ist nämlich nicht reflexions- und kritikfähig. Es ist das Ich, das wahrnimmt, denkt und ein Gedächtnis hat: Erkennen, unterscheiden und bewerten sind so betrachtet Funktionen des Ich.

Frau macht Selfie

Colourbox.de

Ein Beispiel, sagen wir Hans, beschreibt sich selbst vielleicht so: Ich bin Hans, 35 Jahre alt, arbeite als Bauingenieur, habe eine Freundin und liebe Fußball. Und alles, was Hans erlebt setzt er in Bezug zu seinen Erfahrungen, Wertvorstellungen, Lebenswelt und Vorlieben. Auf seinen entsprechenden bedeutsamen Schlussfolgerungen basiert seine Ichvorstellung. „Wer ich bin“ ist so verstanden dann eine Beschreibung dessen, wer wir auf Basis der entsprechenden Aktivitäten des Ich glauben zu sein.

Das Selbst hingegen ist etwas anderes, der Begriff bezeichnet unseren Wesenskern, der unabhängig von wechselnden Bewusstseinsinhalten existiert. Es ist weder das normative Regelwerk der Gesellschaft (das sog. „Über-Ich“), noch das triebhafte Geschehen des Unbewussten (das sog. „Es“), und auch nicht das denkende „Ich“.

Das Selbst umfasst die Person als Ganze, mit all ihren wesensbezogenen Möglichkeiten, ohne sich auf die Einschränkungen durch Ich, Über-Ich und Es zu beschränken.

Warum fühlen wir uns unrund?

Wann fallen wir aus unserer Mitte, wann verlieren den Kontakt zu uns selbst? Ganz einfach: Wenn wir uns selbst nicht wiedererkennen und wenn wir uns nicht wohlfühlen. Also wenn wir uns schwierig verhalten, außerordentlich starke negative Gefühle uns beherrschen, wenn wir uns schlecht fühlen oder krank werden. Daran können wir erkennen, dass wir nicht eins mit uns selbst sind.

Aber warum verlassen wir überhaupt das Einssein mit uns selbst, wenn uns das ganz augenscheinlich und deutlich spürbar nicht guttut?

Wie kommt es zur Selbstentfremdung? Wir verlassen uns, wenn wir uns von unserem Wesen entfremden. Oft geschieht dies, wenn unsere Umwelt oder unsere verinnerlichten Ideale etwas anderes wollen, als wir selbst. Wenn wir Ansichten und Verhaltensweisen übernehmen (sollen), die unserem Selbst, unserem Wesen, nicht entsprechen.

Das Ich hat aber immer die Wahl, sich dem Selbst anzunähern oder sich vom Wesenskern seiner Persönlichkeit zu entfernen. Das gute oder eben schlechte Verhältnis von Ich und Selbst drückt sich in psychischer Gesundheit und in körperlichem Wohlbefinden aus. Andauernde innere Konflikte und gesundheitsschädigende falsche Lebensweisen sind Anzeichen für ein Ungleichgewicht von Ich und Selbst, dafür, dass der Kontakt verloren gegangen ist. Befinden wir in einer Krise, so ist es Zeit, eine Entscheidung zu treffen – und zwar, die Entscheidung, zurück zu uns selbst zu finden.

Wie wird man nun rund mit sich selbst

Schließen Sie die Augen, atmen Sie tief aus, lassen Sie die Gedanken wie Wolken am Himmel vorbeiziehen. Machen Sie alle 50 bis 90 Minuten eine solche Pause für 5-10 Minuten lang. Wenn dies nicht geht, versuchen Sie einfach jede Stunde 10 oder 20 Sekunden lang die Augen zu schließen und stellen Sie sich die schönste Landschaft vor. Atmen Sie alles aus, was in Ihren Lungen ist und lassen Sie die Luft danach von ganz alleine in Sie und durch Sie strömen. Beim Kontakt zu unserem Selbst gibt es weniger etwas zu tun, als vielmehr etwas NICHT zu tun, nämlich uns nicht mehr von uns selbst abzulenken.

Sind wir eins mit uns selbst, so kostet uns das aber nicht nur keine Zeit, sondern wir sparen wir dabei auch eine Menge Kraft.

Wir haben dann all die Energie zur Verfügung, die wir sonst mit Vergleichen, Bewerten, Interpretieren, mit Festhalten, Wegschieben und Ignorieren verschwenden. Wir werden ruhiger, entspannter und handeln „selbst“verantwortlicher, achten mehr darauf, was uns selbst guttut. Nicht aus einem Egoismus des wollenden, fordernden Ich heraus, sondern aus den Notwendigkeiten des seienden Selbst heraus. Auch das Verhältnis zur Umwelt ändert sich daraufhin wesentlich. Wir nehmen die Welt nicht mehr durch die Filter unserer Ichvorstellungen wahr, sondern so wie sie ist. Einfach da seiend. Nicht als mühevoll verpflichtenden Handlungsauftrag, sondern als wunder-vollen, offenen Möglichkeitsraum.

Link:

Nana Walzer
Nana Walzer: „Die Kunst der Begegnung“