Donaukanal: Leben am Wasser

Im Mittelalter war der heutige Donaukanal noch ein wichtiger Arm der Donau, mit vielen Schiffen. Heute ist mehr am Rand los als im Wasser. Die abwechslungsreichen Uferzonen des Donaukanals bieten viele Hingucker.

„Wien liegt am Donaukanal und nicht an der Donau“, stellte der Schriftsteller Friedrich Torberg klar, Anfang der 1980er Jahre. Und er ist mit seiner Meinung nicht allein. Links und rechts des Donaukanals beeindrucken imposante Gebäude, wie der 60 Meter hohe Ringturm, der 75 Meter hohe Uniqa Tower, die Raiffeisenzentrale oder die Ruprechtskirche – die älteste in ihrer Grundsubstanz noch bestehende Kirche Wiens.

17,3 Kilometer „Wiener Wasser“

Der Donaukanal wurde einst auch „Wiener Wasser“ oder „Wiener Arm“ genannt. Der Kanal ist der südlichste ursprüngliche Donauarm, der mit der Donauregulierung in den 1870er Jahren auf einer Gesamtlänge von 17,3 Kilometern entstand. Er zweigt bei Nußdorf an der Grenze des 19. zum 20. Bezirk vom Hauptstrom ab und mündet nahe dem Alberner Hafen beim so genannten Praterspitz an der Grenze des 2. zum 11. Bezirk wieder in ihn. Zu entdecken gibt es Vieles, vor allem im befestigten Bereich zwischen Franzensbrücke und Rossauer Lände – gehend, laufend, radfahrend oder mit Inline-Skates, direkt am Wasser.

An der Einmündung des Wienflusses, gleich neben der Wiener Urania mit der ältesten und zugleich modernste Volkssternwarte am Dach, lockt seit 2005 die „Strandbar Herrmann“ mit einem aufgeschütteten Sandstrand direkt am Fluss und bietet Urlaubsflair mitten in der Stadt. Etwas weiter flussaufwärts wurde ein Jahr später das „Badeschiff“ mit Schwimmbecken und Café-Restaurant in Betrieb genommen. Das Schiff besteht aus zwei umgebauten Frachtkähnen – in einem befindet sich das 189 Quadratmeter große Schwimmbecken, im anderen das Restaurant.

Der Donaukanal im „Wien heute“-Porträt

„Wien liegt am Donaukanal und nicht an der Donau“, stellte der Schriftsteller Friedrich Torberg klar.

Wichtiger Transportweg seit der Antike

Wegen seiner Stadtnähe besaß der Donaukanal schon zur Zeit der Römer, vor allem aber im Mittelalter als Wasser-Transportweg Bedeutung. Die Donau führte häufig Hochwasser. Der Hauptstrom verlagerte sich immer wieder. In den 1830er Jahren wurde das Bett des Donaukanals in den heutigen geraden Verlauf zwischen Gaswerk und Freudenau verlegt. Im Zuge der Donauregulierung von 1868 bis 1875 wurde der Donaukanal nochmals ausgebaut. Der Kanal war Jahrhunderte lang für die Personen- und die Frachtschifffahrt wichtig.

Der Donaukanal ist erreichbar via U1-Station Schwedenplatz, U4-Stationen Schwedenplatz, Schottenring, Rossauer Lände, Friedensbrücke sowie die Straßenbahnlinien 1, 2, 5, 31, 33.

Pläne, den Kanal auch nach der 1875 abgeschlossenen Donauregulierung für die Frachtschifffahrt zu nutzen, erwiesen sich bald als obsolet. Auch die Personenschifffahrt fand zu einem großen Teil am Hauptstrom statt, ein Teil nutzte aber weiter den Donaukanal. 2010 wurde beim Schwedenplatz die neue Schiffstation Wien City eröffnet, von der aus der Twin City Liner nach Bratislava und Rundfahrtenschiffe verkehren. Der Twin City Liner braucht nach Bratislava rund 75 Minuten. Die Schiffstation bietet auch ein Kaffeehaus und Restaurant mit Essen am und Blick aufs Wasser.

Making-of am Donaukanal

Szenelokale und Graffiti

Etwas weiter flussaufwärts wird es direkt am Kanal gegenüber dem Szenelokal „Flex“ wieder sandig: Am „Tel Aviv Beach“, der in enger Kooperation der Botschaft des Staates Israel mit der Stadt Wien entstand. Ein Hingucker ist auch das Schützenhaus. Otto Wagner gestaltete es Anfang des 20. Jahrhunderts. Schütz heißt die bewegliche Metallplatte eines Wehrs. Im dem Haus sollten die Schütze aufbewahrt werden, wenn das Wehr außer Betrieb war. Heute ist im Schützenhaus ein Restaurant untergebracht.

Gegenüber wird es bunt, auf der größten Graffiti-Zone Wiens, auf den Donaukanal-Mauern beim Schottenring. Unzählige Sprayer bemalen und übermalen die etwa 120 Meter lange Mauer-Fläche, in diesem Bereich übrigens völlig legal. Im Rahmen des Projektes Wienerwand bietet die Stadt Wien jungen KünstlerInnen aus der Graffitiszene legale Flächen an. Bunt wird es auch etwas weiter flussaufwärts, auf der „Summer Stage“ bei der Rossauer Lände, mit Ausstellungen direkt am Wasser unter Pappeln und Weiden.

Heimat für zahlreiche Fischarten

Der Donaukanal ist auch ein Rückzugsgebiet für viele Fische. Ungefähr 30 Fischarten, die teilweise in der Donau selbst gefährdet sind, leben hier. Karpfen, Hecht, Wels, Zander und Regenbogenforelle fühlen sich offenbar genauso wohl wie Barsch und Barbe. Deshalb sieht man hier auch immer wieder Fischer. Fischen im Donaukanal ist erlaubt. Schauen, entdecken, genießen, direkt am Wasser, mitten in der Stadt – der Donaukanal in Wien ist es wert, entdeckt zu werden.

Elisabeth Vogel, „Wien heute“

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