„Die letzten Zeugen“ im Burgtheater

„Was geschah, vergessen zu machen, heißt, sie ein weiteres Mal auslöschen zu wollen.“ 75 Jahre nach der Reichskristallnacht holt das Burgtheater für die Aufführung „Die letzten Zeugen“ Überlebende der Novemberpogrome 1938 auf die Bühne.

Mehrere Tage lang bestimmen im Jahr 1938 Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung in Wien das Straßenbild: SA-Männer, HJ-Angehörige und Mitläufer des NS-Regimes schlagen, verhaften und demütigen jüdische Männer, Frauen, manchmal sogar auch Kinder. Jüdische Geschäfte und Wohnungen werden geplündert, die Synagogen Wiens in Brand gesteckt oder gesprengt.

In der „Reichskristallnacht“ in Wien wurden 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. Insgesamt 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp 4.000 davon in das Konzentrationslager Dachau.

Die scheinbar spontanen Gewaltakte in den Straßen waren aber nur eine Seite des antijüdischen Terrors, die Separierung und Diffamierung der österreichischen Juden durch die nationalsozialistischen Gesetze die andere. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 vernichtete das nationalsozialistische Regime in Österreich und Deutschland durch Gesetze und Verordnungen die wirtschaftliche Existenz der Juden.

Rudolf Gelbard
Moritz Grewenig

„Sie haben noch viel zu erzählen“

75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938 kommen sieben Zeitzeugen mit ihren Texten im Burgtheater zu Wort: Marko Feingold, Rudolf Gelbard, Susanne-Lucienne Rabinovici, Ari Rath, Vilma Neuwirth, Veija Stoika und Lucia Heilman bringen ihre Erinnerungen auf die Bühne, bezeugen, wie Unzählige getötet wurden und bekunden, was ihnen widerfuhr. Für sie ist die offene Wunde immer noch nicht verheilt.

In Anwesenheit der Zeitzeugen und unter ihrer Mitwirkung tragen Schauspielerinnen und Schauspieler deren Berichte vor. Was sie niedergeschrieben haben, greifen Jüngere auf und eignen sich die Sätze an. Nicht gegen Vergangenes wenden sich die Zeitzeugen, sondern gegen das Fortwirken dessen, was einst nach Auschwitz führte: „Es ist ein einmaliges Erlebnis, diese Leute auf der Bühne zu sehen“, so Konstanze Schäfer vom Burgtheater. Es sind „die letzten Überlebenden, die aber noch viel zu erzählen haben“.

Susanne-Lucienne Rabinovici
Moritz Grewenig
Zeitzeugin Susanne-Lucienne Rabinovici auf der Bühne des Burgtheaters

Mit der Zahnbürste Bürgersteig geputzt

Das Jahr 1938 steht für eine neue Dimension der Gewalt gegen Juden in Deutschland und in Österreich, für den Übergang von der Diskriminierung und Entrechtung zur systematischen Verfolgung, Beraubung und Vertreibung. Massiv waren die öffentlichen Gewaltexzesse in Wien schon anlässlich des sogenannten Anschlusses am 12. März 1938. Den Einmarsch deutscher Soldaten, Polizisten und SS-Männer begleiteten heftige antisemitische Ausschreitungen.

Weltbekannt wurden auch die Bilder von Jüdinnen und Juden, die in aller Öffentlichkeit dazu gezwungen wurden, mit Zahnbürsten Parolen von den Wiener Bürgersteigen zu entfernen. Das Attentat eines jungen polnischen Juden auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath am 7. November in Paris gab schließlich den Vorwand für die sich im ganzen Deutschen Reich anschließenden heftigen Pogrome.

Juden, die im März 1938 in der Hagenmüllergasse gezwungen wurden, die Straße von politischen Parolen zu säubern.
DÖW
Wien, 1938: Juden werden gezwungen, Parolen von der Straße zu waschen

Kampf gegen das Totschweigen

Burgtheater Direktor Matthias Hartmann und der Schriftsteller Doron Rabinovici bitten jetzt, 75 Jahre später, sieben Zeugen und Betroffene auf die Burgtheater-Bühne, die diese Ereignisse zum großen Teil in Wien, einige an anderen Orten, miterlebten. Sie er- und sie überlebten Deportation, KZ, Verlust ihrer Familien, Leben im Versteckten, Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat.

Jetzt erzählen sie ihre Geschichten, denn außer dem Erlebten ist ihnen noch etwas gemeinsam: Ihr Leben war und ist geprägt vom Kampf gegen das Totschweigen und das Vergessen. Premiere ist am 20. Oktober.

Gedenken 75 Jahre Novemberpogrom

In Wien setzt sich eine Reihe von Veranstaltungen mit den Pogromen auseinander. Mit Ausstellungen wie „Zerstörte Kultur“, Exkursionen zu zerstörten Synagogen oder Lesungen aus Akten des Volksgerichtshofes erinnern bis zum 4. Dezember zahlreiche Veranstaltungen an die Opfer. Einen Überblick über die Veranstaltungen in ganz Österreich gibt es auf der Homepage des Parlaments.

Ari Rath ist einer der Zeitzeugen, die im Burgtheater zu Wort kommen. Bis zum 11. März 1938 war Wien für ihn Heimat. Seine Erlebnisse bei der Flucht und bei der Rückkehr nach dem Krieg schilderte er in der „Radio Wien“-Reihe „Menschen im Gespräch“ - mehr dazu in Ari Rath: sein Wien, sein Israel, sein Traum.

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