Psychiatrisches Angebot bleibt Sorgenkind

Die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung in Wien hat sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert. Sie ist aber weiter auf niedrigem Niveau. Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit warnt vor den Folgen.

Das derzeitige Niveau der Versorgung in Wien „hätte vor zehn, 20 Jahren noch Genüge getan, aber mittlerweile hat sich die Gesellschaft massiv geändert“, sagte Christian Kienbacher, ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie SOS-Kinderdorf Wien. Der größere soziale Stress, die sozialen Medien, mehr armutsgefährdete Familien, all dies habe einen entsprechenden Niederschlag auf die psychische Gesundheit. „Gewalt und Mobbing nehmen zu, nicht nur in der Frequenz, sondern auch in der Ausformung“, sagte Kienbacher.

Kinderpsychiatrie Einrichtungen
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Viel mehr Kinder und Jugendliche bräuchten Betreuung.

Jugendliche aus jedem Jahrgang „gehen verloren“

Wenn nicht rechtzeitig geholfen wird, wird es teuer. Laut einem Rechnungshofbericht kostet ein 15-Jähriger, der frustriert die Schule schmeißt und sich auch nicht in die Arbeitswelt integriert, dem Staat im Laufe seines Lebens zwei Millionen Euro. Würde man hingegen für jeden der 10.000 Psychotherapeuten fünf Stunden pro Woche je 60 Euro finanzieren, könnte man vieles auffangen, hieß es bei der Präsentation des neunten Berichts der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen hätten keinen Bildungsabschluss.

Ein Mädchen, das sich selbst verletzt, viel Zeit im Internet verbringt und das aus dem Gymnasium zu fliegen droht: Ein für heute typischer Fall. „Wir können es uns absolut nicht leisten, diese Probleme in der Kinder- und der Jugendlichenpsychiatrie nicht ernst zu nehmen“, sagte Kienbacher. Wir verlieren in jedem Jahrgang Menschen, die keinen Abschluss haben, die am ersten Arbeitstag schon in der Arbeitslosigkeit verschwinden, die in Suchterkrankungen flüchten.

Neue und höhere Ansprüche an Kinder

Früher hätten Kinder mehr unstrukturierte Zeit zur Verfügung gehabt, die sie etwa zur Unterhaltung mit Gleichaltrigen genützt haben. Heute haben Kinder und Jugendliche durchgetaktete Tage, es fehlt oft die Zeit fürs Durchatmen und frei Spielen. Aber etwa auch weit verbeitete Arbeitslosigkeit trage dazu bei, dass der Druck auf Kinder ständig wächst.

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Neue Krankheitsformen treffen auf alte Strukturen

Das habe bereits zu neuen Krankheitsbildern geführt. Früher gab es etwa die klassische Angsterkrankung, jetzt wirklich massive Störungen des Sozialverhaltens, Interaktionssstörungen und Beziehungsstörungen. Laut Kienbacher haben sich nicht nur Erkrankungsbilder geändert, sondern auch der Schweregrad. Das macht wesentlich mehr, tiefer greifende und länger dauernde Behandlungen nötig. Doch die heutige Versorgungslage in der psychiatrischen und psychologischen Betreuung hinkt dem tatsächlichen Bedarf hinterher.

Nur knapp ein Fünftel in Behandlung

In Österreich leben laut Angaben der Liga ca 1,7 Millionen Menschen mit einem Alter unter 20 Jahren. 170.000 davon sind deutlich psychisch erkrankt. Davon sind 36.000 in Behandlungen. Kienbacher betont, dass sich die Versorgung zwar laufend verbessere, aber immer noch nicht ausreichend ist. So sei bei den niedergelassenen Ärzten mit Kassenverträgen nur etwa ein Viertel des Bedarfs gedeckt. An stationären Behandlungsplätzen würden in Wien 180 benötigt, derzeit seien es insgesamt aber nur rund 60:

Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, AKH Wien:
- Bezirke 1-9, 16-18, 21 und 22
- 24 Stunden Akut-Ambulanz
- 2 Stationen mit 28 vollstationären Betten
- 8 tagesklinische Plätze

Kinder- und Jugendpsychiatrie Rosenhügel
- Bezirke 10-15, 19, 20 und 23
- 24 Stunden Akut-Ambulanz
- 2 Stationen mit 28 vollstationären Betten

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Zahl stationärer Betten soll bis 2030 auf 160 steigen.

Ausbaupläne des KAV

Seit Juli sind auf einer der beiden Abteilungen für Erwachsene 15 Betten für Kinder und Jugenliche umgewidmet. Dabei handelt es sich um eine vorgezogene Maßnahme, denn die 15 Betten sind Teil des Ausbauprogramms am Rosenhügel, wohin sie in den nächsten Jahren übersiedeln werden.

Psychiatrisches Angebot bleibt Sorgenkind

Die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung in Wien hat sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert, ist aber weiter auf niedrigem Niveau.

Darüber hinaus sollen im AKH noch vier stationäre und acht tagesklinische Betten dazu kommen, im KH Nord 24 stationäre und sechs tagesklinische. Mit dem Jahr 2020 sollen in Wien dann insgesamt 113 Betten für die psychiatrische Betreuung von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen. Bis zum Jahr 2030 soll das Angebot dann auf insgesamt 160 Betten ausgebaut sein.

Grafik Ausbaupläne KAV Jugendpsychiatrie
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In zwei Ausbaustufen sollen bis 2030 insgesamt 160 Betten vorhanden sein.

Langes Zuwarten birgt Risiken

Lange Wartezeiten, zu wenige Therapieplätze, Familien, die sich Therapien nicht leisten können: Die Liste der Probleme bei der psychiatrischen Versorgung ist lang. Kienbacher warnt davor, an der falschen Stelle zu sparen: „Wir brauchen oft in der Kinder- und Jugendmedizin nicht so lange Interventionen wie im Erwachsenenalter. Schnelle Diagnostik, schneller Therapievorschlag und schnelle Realisierung wären wichtig. Wartet man länger, dann entsteht ein wirkliches Problem.“ Es müssten daher nicht nur Gesundheits-Einrichtungen ausgebaut, sondern etwa auch in der Schule mehr auf spezielle Bedürfnisse von Kindern eingegangen werden

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