Donnerstagsdemo
Jakob Alexander
Jakob Alexander
Chronik

Donnerstagsdemo: Lifestyle und Prävention

Die Donnerstagsdemos sind aus der Sommerpause zurück. Zu Rap, Wolfgang Ambros und Techno demonstrieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegen eine Regierung, die es so noch gar nicht gibt.

Es gibt Dosenbier, dazu lauten Rap. Er handelt von diskriminierten Minderheiten und Frauen. Es ist Donnerstag, wieder einmal Donnerstag, und in den frühen Abendstunden sammeln sich hier am Keplerplatz die Menschen. Keine Massen, aber immerhin einige Hundert.

Nach zehn Wochen Sommerpause marschieren an diesem Abend wieder Regierungsgegnerinnen und -gegner durch die Straßen. Eigentlich wie immer – mit dem einen Unterschied, dass es diese Regierung eigentlich gar nicht mehr gibt. Diese Regierung, ÖVP und FPÖ, die der ursprüngliche Auslöser für die wöchentlichen Proteste war. Und die es Woche für Woche schaffte, mehrere Tausend Demonstrantinnen und Demonstranten auf die Straße zu bringen.

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Ballhausplatz, Donnerstagsdemo, Favoriten, Keplerplatz, Favoriten Straße
Johannes Greß
Demonstriert wird gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung, die es nicht mehr gibt
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Johannes Greß
Neben ÖVP und FPÖ wurden am Donnerstag auch die NEOS kritisiert
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Johannes Greß
Bis zur Nationalratswahl am 29. September ist vorerst keine weitere Demonstration geplant
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Johannes Greß
Laut Polizei waren 350 Demonstranten dabei, laut Organisatoren rund 2.500
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Johannes Greß
Die Kundgebung endet auf der Ringstraße

Drei Demos und eine laue Sommernacht

„A Mensch mecht i bleibn, mein Lebn mecht i lebn“ – die Hip-Hop-Chöre am Keplerplatz sind mittlerweile verstummt, abgelöst von Wolfgang Ambros. Die Atmosphäre erinnert eher an einen lockeren Spaziergang in einer lauen Sommernacht, mit ein paar Dutzend Polizisten zum Geleit. Man quatscht, tratscht, plaudert. Unterbrochen von Sprechchören, die die Demonstrantinnen und Demonstranten regelmäßig an etablierte Feindbilder richten. Gegen Rassismus und Ausgrenzung, hohe Mieten und korrupte Politiker. Für mehr Klimaschutz.

Neben dem Demonstrationszug in Favoriten gibt es an diesem Abend noch zwei Weitere. Eine Demo startet vom Yppenplatz in Ottakring und eine Gruppe Radfahrerinnen und Radfahrer vom Praterstern in der Leopoldstadt. Am Ballhausplatz wollen sie zusammenkommen – an jenem Ort, an denen so viele von ihnen feierten und tanzten, als im Mai die Regierung in Folge des Ibiza-Videos in die Brüche ging.

Demonstriert wird heute trotzdem, präventiv. Einer von ihnen ist Levin Wotke. Der 28-Jährige will nicht ausschließen, dass nach den Wahlen Ende September wieder eine schwarz-blaue Koalition zu Stande kommt, Alles wieder von vorne losgeht. Deshalb will er an diesem Abend „ein Zeichen setzen“. Auch vor dem Sommer war er schon regelmäßig an den Demos beteiligt, findet aber auch, dass die Donnerstagsdemonstrationen „nicht zu einem Selbstzweck verkommen“ sollten: „Die Leute sollen nicht jeden Donnerstag hier herkommen, dann denken, sie haben ihre politische Arbeit erledigt – und dann gehen sie wieder heim“.

Lifestyle, Protest und Prävention

Die Grenze zwischen Selbstzweck und Protest ist an diesem Abend oftmals fließend. Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Favoritenstraße hinunterschlendern, werden vom Demowagen aus Sprechchöre und Wechselgesänge initiiert, die manchmal mehr, manchmal weniger laut erwidert werden. Dazwischen singt Falco: „Ganz Wien“. Irgendwo zwischen Lifestyle, Protest und Prävention.

Neu an der heutigen Demo ist: Neben den beiden Erzfeinden ÖVP und FPÖ will man offenbar auch die NEOS keinesfalls in der Regierung sehen. Zu Strache und Kurz wurde jetzt auch Beate Meinl-Reisinger gesellt. Die NEOS würden nur „freundlich, pink und liberal lächeln“ und am Ende für Kurz und seine ÖVP „die Rolle als Steigbügelhalter“ einnehmen, heißt es bereits in der Ankündigung zur Demo.

Auch wenn die NEOS in gesellschaftspolitischen Fragen durchaus liberal auftreten, drohe eine „Umverteilung von unten nach oben“, warnt einer der Veranstalter, Can Gülcü. Was der NEOS-Spitzenkandidatin an diesem Abend definitiv in die Karten spielt: Der Name Meinl-Reisinger ist zu lang und unmelodisch, um ihn in Wechsel- oder Schmähgesänge zu verpacken. Nach einigen Versuchen kehrt man zu Altbewährtem zurück: „Basti – raus! Strache – raus!“

Auch mal die Verwandten am Land anrufen

Damit geht auch Friederike Hubatschick d’accord. Für die 67-Jährige war vor allem das letzte TV-Duell der Grund, warum sie heute hier ist. „Wenn ich schon wieder sehe, dass Kurz mit Hofer liebäugelt, finde ich, es ist ganz wichtig, wieder auf die Straße zu gehen“. Nach Meinung der Pensionistin betreibt Kurz keine konservative, sondern eine rechte, vor allem unsoziale Politik. Von Hofer ganz zu schweigen. Auch sie befürchtet, dass nach den Wahlen im September wieder Schwarz-Blau regiert. Sollte das tatsächlich der Fall sein, wird sie donnerstags weiterhin hier mitmarschieren.

In Stein gemeißelt sei das noch lange nicht, findet Organisator Gülcü. An einen alles überragenden „Kurz-Sieg“, wie in viele herbeiprophezeien würden, will er nicht glauben. Bis zu den Wahlen am 29. September werde es voraussichtlich bei dieser einen Demo bleiben. Man behalte sich jedoch vor, sich „anderweitig in den Wahlkampf einzubringen“. Das könne in Form von Spontandemos geschehen oder indem man „Verwandte am Land anruft“ und mit ihnen über Politik spricht.

Erstmals stattgefunden hatten die Donnerstagsdemos in den frühen 2000er Jahren. Auch damals marschierten wöchentlich jeden Donnerstag einige Tausend Demonstrantinnen und Demonstranten durch Wien, um gegen die ÖVP-FPÖ-Koalition zu protestieren. Bereits damals dabei war auch Rhonda d’Vine. Und hat in bester Erinnerung, was damals auf Schwarz-Blau I folgte: Schwarz-Blau II. „Die gleiche Gefahr besteht heute auch“, warnt die 46-jährige Informatikerin. Als d’Vine mit ihrem Klapprad am Ballhausplatz ankommt, ist dort bereits Party. Aus den Lautsprechern erinnern die Vengaboys mit ihrem totgeglaubten und wiederbelebten Hit „Ibiza“ an die Sause vom Mai.

Die Feier von damals

Von rund 2.500 Demonstrantinnen und Demonstranten waren die Organisatorinnen und Organisatoren im Vorfeld ausgegangen. Laut Polizei sind es zur Abschlusskundgebung etwa 350, laut Veranstalter mehrere Tausend.

Mittlerweile sind alle drei Demozüge am Ballhausplatz angekommen. Der Techno dröhnt. Partystimmung. Man feiert die Feier von damals und sich selbst. Protest und Empörung wird, wenn dann, im Privatem ausgetauscht.