Wertheim Wappen Schwarzenbergplatz
Michael Göbl
Michael Göbl
Wissenschaft

Wappen als Logos für die Ewigkeit

Die Pandemie hat viele zu Spaziergängen motiviert und damit auch den Blick auf die Häuserfassaden der Stadt geschärft. Viele Gebäude haben Wappen angebracht, die meist unbekannte Geschichten erzählen – heute würde man wahrscheinlich von Logos sprechen.

Dass Wappen Vorläufer von Logos seien, lässt der Heraldiker Michael Göbl allerdings nur bedingt gelten: „Mit dem Logo habe ich so mein Problem, weil die Logos sich gerne verändern, aber ein Wappen mit dem Schild ist eine schon seit 800 Jahren immer gleich bleibende Erscheinung.“ Wappen als Logos für die Ewigkeit sozusagen.

Über tausend Wappen in der Innenstadt

Und sie prangen von zahlreichen Häuserfassaden in der Innenstadt. Gezählt hat sie der Wappenexperte und ehemalige Archivar des Österreichischen Staatsarchivs nicht. Es sind zu viele. Göbl schätzt sie auf an die tausend oder mehr alleine in der Innenstadt – nicht nur auf den Palais, Verwaltungsgebäuden und Prunkbauten, sondern auch auf normalen Gründerzeithäusern.

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Wappen Meinl-Haus
Michael Göbl
Auf dem Meinl-Haus auf dem Fleischmarkt sind die Wappen von Hamburg, Triest und London zu sehen
Kronländerwappen auf Akademischem Gymnasium
Michael Göbl
Kronländerwappen auf Akademischem Gymnasium
Prinz Eugen Tor zum Belvedere
Michael Göbl
Prinz-Eugen-Tor zum Belvedere
Wertheim Wappen Schwarzenbergplatz
Michael Göbl
Wertheim-Wappen mit Freiherrnkrone auf dem Palais, Schwarzenbergplatz 17
Rotschild-Wappen
Michael Göbl
Wappen der Familie Rotschild
Baumeisterwappen
Michael Göbl
Wappen der Innung der Baumeister, Wolfengasse 4
 Gutenberg-Denkmal Druckerwappen
Michael Göbl
Druckerwappen auf dem Gutenberg-Denkmal, Fleischmarkt 1 – 3
k.u.k. Konsularakademie, heute US-Botschaft letztes Österr-Ung.Wappen
U.S.Embassy/A.Slabihoud
K. u. k. Konsularakademie, heute US-Botschaft, österreich-ungarisches Wappen
Wiener Rappen an Altem Rathaus
Michael Göbl
Goldener Adler mit Wiener Wappen, Altes Rathaus, Wipplingerstraße
Wiener Wappen
Michael Göbl
Doppeladler mit nur einem Kopf im Innenhof des Altes Rathauses

In Göbls Buch „Wappenreiches Wien. Ein heraldisches Handbuch der inneren Stadt“ erfährt man viel über die Symbolik der Wiener Wappen und ihre Bedeutungen. Hinter den für Laien meist rätselhaften Wappenzeichen an den Fassaden verbergen sich kaum bekannte Geschichten.

Buchhinweis

Michael Göbl: Wappenreiches Wien. Ein heraldisches Handbuch der inneren Stadt. Edition Winkler-Hermaden, 220 Seiten, 28,90 Euro.

Erkennungszeichen für kämpfende Ritter

„Wenn sie zum Beispiel auf das Gebäude, wo die prächtigsten Wappen sind, die Böhmisch-Österreichische Hofkanzlei in der Jordangasse, blicken, da sehen Sie in Großformaten und in Gold ausgeführt an die 50 Wappen“, so Göbl im „Wien heute“-Interview, und er erklärt, was Wappen im Grunde sind: „Erkennungszeichen“.

Die Ursprünge des Wappens liegen im 12. Jahrhundert, als kämpfende Ritter ein solches Erkennungszeichen an ihren Schilden gebrauchten, damit andere auch sehen konnten, wer in der Rüstung steckt. Sie gestalteten ihre Schilde nach bestimmten Regeln, damit sie auf weite Entfernung identifiziert werden konnten.

Zur Orientierung in der Stadt

Bald darauf übernahmen dann nicht nur der Adel, sondern auch Geistliche, Städte, Handwerker, Bürgersfamilien, Handelsfirmen und Körperschaften dieses Wappenschild. Auf knappstem Raum sollte die persönliche Identität einprägsam und markant veranschaulicht werden, so Göbl. „Im Mittelalter gab es keine Straßennamen, man hatte Zeichen, später Wappen. Ein Wappen ist eine Orientierung in der Stadt, und die meisten Wappen deuten auf den Eigentümer hin.“

Wappen Bärringer Hof
Michael Göbl
Wappen auf dem Bärringer Hof am Salzgries 11–13

Ein Beispiel eines großflächigen Firmenwappens aus der Neuzeit findet man am Salzgries im ehemaligen Textilviertel: das Bärringerwappen am gleichbenannten Bärringer Hof. Eigentlich handelt es sich um ein Gemeindewappen der Stadt Bärringen im böhmischen Erzgebirge, heute im Westen eine Stadt namens Perrink in der tschechischen Republik. Errichtet wurde das Haus von der Familie Meinl, „nicht zu verwechseln mit der Kaffeerösterei, sondern das war eine Firma in der Gemeinde Bärringen, die Textilhandel betrieben hat“, so Göbl.

Verborgene Botschaften

Zur Erweiterung ihres Firmenstandortes habe die Familie im Textilviertel einen – „heute würde man sagen – Flagshipstore errichtet“. Weil die Meinls auch mehrere Bürgermeister in der Gemeinde Bärringen stellten, wollten sie ihre Herkunft mit dem Gemeindewappen auf ihrem Warenhaus dokumentieren, erzählt Göbl, der zu seiner Leidenschaft in seinem Beruf als Verwaltungsarchivar der Stadt gefunden hat.

Göbl war zuständig für den Bestand „Adelsarchiv“, wo alle Wappenverleihungen der deutschen und österreichischen Kaiser verwahrt werden. Besonders interessieren den Heraldiker die Wappensymbolik und die Frage, wer warum welches Symbol gewählt hat.

„Wer keinen Adler oder Löwen hat, hat kein Wappen“

Sehr häufig sind Adler und Löwen auf den Wiener Wappen zu sehen. „Es gibt den Spruch: Wer keinen Adler oder Löwen hat, der hat kein Wappen.“ Das Wissen über diese Tiere sei im Mittelalter vor allem aus einem Tierkundebuch, dem „Physiologus“ bezogen worden, so Göbl. „Dieses Buch beschrieb die vermeintlichen Eigenschaften der Tiere, vor allem des Löwen. Der Löwe vereinte in seinen Eigenschaften die Ideale des höfischen Rittertums, und er war ein königliches Tier, so wie er schon im alten Ägypten, Griechenland und Rom verehrt wurde.“

Was die Wappen bedeuten

Die Pandemie hat viele zu Spaziergängen motiviert und damit auch den Blick auf die Häuserfassaden der Stadt geschärft. Viele Gebäude haben Wappen angebracht, die meist unbekannte Geschichten erzählen.

Handwerker und ihre Zeichen

Wappen wurden auch gerne von Institutionen übernommen wie Städtegemeinschaften und auch von Handwerkern, dem Handel und der Landwirtschaft. Man habe sich zu Zünften, Innungen und Genossenschaften zusammengeschlossen und sich Siegel zugelegt, in die man dann das Wappen hineingesetzt habe, um damit Rechnungen und Korrespondenzen beglaubigen zu können, erklärt Göbl.

Schneiderwappen
Michael Göbl
Ausnahmsweise unschwer zu erkennen: Wappen des Schneiderhandwerks auf dem Haus der Schneider, Judenplatz 10

„Handwerkswappen zeigen meistens typische Werkzeuge: zum Beispiel die Schneider Zwirn, Nadel Schere und Fingerhut, oder wenn wir bei den Baumeistern sind, da sieht man den Arm mit einem Hammer.“ Zu sehen ist das Wappen des Schneiderhandwerks auf dem Judenplatz 10, das Wappen der Baumeister in der Wolfengasse 4. Ein weiteres Handwerkswappen – das der Buchdrucker – befindet sich auf dem Fleischmarkt 1 – 3.

Ältestes Wiener Wappen im öffentlichen Raum

Handwerkswappen kann auch ein Laie, eine Laiin relativ leicht entziffern. Und auch ein weiteres Wappen dürfte in Wien Erkennungswert haben: das Wiener Wappen. Es stammt ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert. Das älteste Wiener Wappen im öffentlichen Raum ist außen am Alten Rathaus in der Wipplinger Straße zu sehen: „den Kreuzschild, und daneben steht der rot-weiß-rote Bindenschild. Gehalten wird das Ganze von einem Engel, um dem Ganzen einen repräsentativeren Anstrich zu geben“, erklärt Göbl.

Altes Rathaus Wappenengel
Michael Göbl
Das älteste Wiener Wappen im öffentlichen Raum stammt aus dem 15. Jahrhundert

Die Skulptur stammt aus dem 15. Jahrhundert und war ursprünglich auf dem Haus eines Taschenmachers, das im 19. Jahrhundert abgerissen wurde, angebracht. „Die Skulptur hat man gerettet und treffend hier auf dem Alten Rathaus angebracht.“ Engel sind seit dem Spätmittelalter als Wappenträger im Einsatz. In Wien sieht man noch mehrere Darstellungen des Wiener Wappens mit dem Engel – etwa an der Feuerwehrzentrale Am Hof und in der Himmelpfortgasse.

Eine Erfolgsgeschichte – mit Fehlern

Für den Experten ist das Wiener Wappen eine Erfolgsgeschichte: „Wenn man etwa die Gemeinde Wien hernimmt, ist sie doch wieder nach Jahren des Experimentierens mit diversen Logos zu ihrem ursprünglichen traditionellen Kreuzschild zurückgekehrt.“ Teilweise prangt das Wiener Wappen auf einem Doppeladler wie über dem Haupteingang am Alten Rathaus. „Man sieht hier den Doppeladler, den Friedrich der Dritte 1461 der Stadt Wien als Besserung ihres Wappens verliehen hat.“

Wiener Wappen
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Bei einer Restaurierung dürfte ein Kopf des Doppeladlers vergessen worden sein

1464 ist erstmals der Kreuzschild auf der Adlerbrust zu sehen. Jahrhundertelang führte die Stadt dann beide Schilde – Kreuzwappen und Doppeladler – neben- und miteinander. Bei einer weiteren Variante des Wiener Wappens – dieses Mal im Innenhof des Alten Rathauses angebracht – ist aber etwas schiefgegangen: „Hier hat der Doppeladler durch eine unsachgemäße Restaurierung nur noch einen Kopf, aber man sieht doch, dass auf der anderen Seite etwas fehlt.“ Man lernt: Nicht alles, was in Stein gemeißelt ist, hat auch immer seine Richtigkeit.