CHRONIK

Prozess nach Messerstich: Kein Urteil

Ein Prozess nach einem Messerstich in einer Bäckerei ist ohne Urteil zu Ende gegangen. Die Geschworenen haben die Anklage wegen versuchten Mordes verworfen. Die Berufsrichter sahen einen Irrtum der Geschworenen, es gibt eine neue Verhandlung.

Mit 6:2 Stimmen haben die Geschworenen am Mittwoch am Wiener Landesgericht die Anklage gegen einen 63-Jährigen wegen versuchten Mordes verworfen und auf fahrlässige Körperverletzung entschieden. Weil die Berufsrichter darauf den Wahrspruch der Geschworenen wegen Irrtums der Geschworenen aussetzten wird es nach einer Prüfung durch den Obersten Gerichtshof eine Verhandlung vor einem neuen Geschworenensenat geben. Damit dürfte in zweiten Halbjahr 2024 zu rechnen sein. Der Angeklagte bliebt vorerst in U-Haft.

Angeklagter sieht Notwehr

Der Mann hatte am 15. Dezember 2023 in der Backstube seinem 25 Jahre alten Ex-Kollegen ein Klappmesser in die Brust gestoßen. „Er war mit seiner Arbeitsweise nicht zufrieden. Er hat sich entschlossen, ihn zu töten“, sagte die Staatsanwältin zu Beginn der Verhandlung.

Der Angeklagte hatte in der Beschuldigteneinvernahme Notwehr geltend gemacht. „Ich arbeite seit meinem zwölften Lebensjahr als Bäcker“, sagte der aus der Türkei stammende Mann, der seit 20 Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt. Er sei „ein guter Bäckermeister“, während es sich bei seinem jüngeren Kollegen um „keinen wirklich guten Bäcker“ handle.

Trotzdem habe ihn der Betrieb, in dem er im September 2023 zu arbeiten begonnen hatte, nur geringfügig angestellt, obwohl er für seine nahenden Ruhestand eine Vollbeschäftigung mit den entsprechenden Versicherungszeiten benötigt hätte. Daher habe er mit 7. Dezember zu arbeiten aufgehört und sich in der Woche darauf mit dem Chef noch ein Mal aussprechen wollen, behauptete der bisher Unbescholtene.

Angriff mit Klappmesser und Hackbeil

Weshalb er zu fast noch nachtschlafender Zeit um 5.30 Uhr an das Außenfenster der Bäckerei klopfte und vom späteren Opfer eingelassen wurde – der Mann glaubte, der 63-Jährige habe sein Beschäftigungsverhältnis wieder aufgenommen – konnte der Angeklagte ebenso wenig schlüssig erklären wie den Umstand, dass er ein Klappmesser mit einer Klingenlänge von 15 Zentimetern und ein Hackbeil eingesteckt hatte.

Während der 25-Jährige auf sein Handy schaute, habe der Angeklagte in der Backstube plötzlich zugestochen, schilderte die Staatsanwältin: „Das Opfer hatte unglaubliches Glück.“ Die Klinge habe die Brusthöhle nicht eröffnet, sondern sei in Weichteile im Rippenzwischenraum gegangen: „Herz und Lunge wurden nicht verletzt.“ Der 25-Jährige habe einen weiteren Stich verhindern können, indem er dem 63-Jährigen das Messer entwand. Er konnte ihm auch das Hackbeil abnehmen, ehe er blutend auf die Straße lief und von einem Passanten wahrgenommen wurde, der Polizei und Rettung verständigte.

Angeklagter hatte „Angst um mein Leben“

Der 63-Jährige, der am Tatort seine Brille verloren hatte, wurde wenig später in seiner Wohnung festgenommen. „Ich bin unschuldig. Er hat mich angegriffen“, behauptete er nun in seiner Verhandlung. Der 25-Jährige verstehe „sein Handwerk nicht“. Trotzdem habe dieser ihn beim Chef „verpetzt“, indem er Fotos von misslungener Ware anfertigte und behauptete, diese habe er, der Angeklagte, fabriziert. Deswegen hab er ihn zur Rede stellen wollen.

Der 25-Jährige sei zunächst mit einem Faustschlag und dann mit dem Messer auf ihn losgegangen. Im Zuge einer Rangelei und des Versuchs sich zu wehren sei es zum Stich in die fremde Brust gekommen, schilderte der Angeklagte. Auf die Frage, weshalb er davongelaufen sei und sich daheim ins Bett gelegt hätte, ohne sich um den Verletzten zu kümmern, erwiderte der Angeklagte: „Ich hatte Panik. Angst um mein Leben.“