Alex, Olive und Peter im Bademantel
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Corona-WG: Tagebuch aus der Sperrzone

Die Studiobereiche von Radio Wien und „Wien heute“ im Funkhaus sind zum Isolationsbereich umgebaut worden. Nur 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen und arbeiten für die nächsten Wochen hier. Hier berichten sie über ihre Erfahrungen.

Tag 13: Olivia Peter, Moderatorin

Liebes Tagebuch!

Letzter Tag in der Corona-WG. Ich habe leider nicht viel Zeit zu schreiben. Der Bus wartet schon draußen. Ich muss los.

Es war eine einzigartige Erfahrung. Ich habe viele neue Freunde gefunden. Ich bin sicher, wir halten Brieffreundschaft.
Nur 2 (in Worten: 2) Dinge, werde ich nicht vermissen: Kollege Jokel. Und das Kalbsbutterschnitzel.

Bis…achso…nein
Nicht bis morgen. Bis in 2 Wochen.

Deine Olivia

Olivia Peter und Leila Mahdavian
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Olivia Peter und Leila Mahdavian, die zum Team 2 gehört, das ab sofort übernimmt

Tag 14: Alex Jokel, Moderator

Auszug aus dem Paradies

Beobachte gestern Abend den verzweifelten Versuch von Frau Landesdirektorin, die an mich verlorene Autorität zurückzugewinnen. Auf der Aschenbahn des Sportplatzes des Theresianums, den wir nützen dürfen, stellt sie mir im Vorbeilaufen die Frage: „Sport und Spiel ist wie Musik und ….???… einsilbig?“ Ich antworte knapp : „wer lässt fragen?“ und laufe weiter, denn auch ich weiß, wer fragt, der führt. Dank meines schwarzen Gürtels in NLP bin ich vor solchen Spielchen gefeit.

Der letzte Abend in der Isolation bricht an. Zum Abschluss wird ein bunter Abend ausgerufen. Die Wien Heute Redaktion hat den Clubtanz einstudiert, („Jambo, Jambo“) die orientalische Version mit Bauchtanz. Dazu wird CousCous mit Huhn gereicht (ohne Besteck) und selbstgebastelte Schutzmasken zum Verkauf angeboten. Ich nütze die Gelegenheit, um mit meinem Zweitjob als Messe-Verkäufer von Gemüsehobeln, mein Produkt unter die feministische Runde zu bringen. „Meine Damen, stellen Sie sich vor, es ist 18 Uhr, der Mann kommt gleich nach Hause, Es ist nix gekocht und Sie haben grad mal paar Paradeiser und Gurken im Kühlschrank! Dann muss es schnell gehen!…“ Ein Sturm der Entrüstung bricht über mich herein. Man schickt mich auf mein Zimmer. Ich komme dem dringenden Wunsch der aufgebrachten Menge nach. War ohnehin müde.

Alex Jokel und Olivia Peter
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Alex Jokel und Olivia Peter

Die letzte Nacht im Büro der Programmchefin bricht an. Ich nutze die Gelegenheit, die noch nicht von mir untersuchten Laden und Regale in Augenschein zu nehmen und stoße auf meine Personalakte. Ich bescheinige mir überaus hohe soziale Fähigkeiten mit dem Hinweis: „Potentieller Anwärter für das Amt des Generaldirektors. Bitte umgehend auf Verwendungsgruppe 18 anheben!“

Am nächsten Morgen Auszug aus dem Paradies. Davor werden noch die Fieberprotokolle ausgewertet. Ich klemme den Pokal für den höchsten Temperatur-Durchschnitt der vergangenen beiden Wochen unter meinen Arm.
Danach Wiedereintritt in die Erdathmosphäre, die Treppen des Funkhauses hinab auf die Argentinierstraße.
Um es mit Professor Roland Girtler zu halten in seinen „Streifzügen durchs Land“ in der „Kronen Zeitung“: „Ich winke zum Abschied und ziehe weiter zu meinem nächsten Abenteuer“ …und ahne, dass nichts mehr so sein wird wie vorher.

Mission completed, Over and out!

Tag 13: Alex Jokel, Moderator

Der richtige Zeitpunkt scheint gekommen. Dem Tüchtigen schlägt die Stunde. Mein Plan, die Rangordnung anzuführen geht auf, nicht zuletzt durch meine maliziöse Strategie.
Die abendlichen Wuzelpartien dienten mir dazu, die motorisch schwachen KollegInnen zu enttarnen.
Auch der gestrige Abend mit meinem fulminanten Sieg beim MauMau und dem anschließenden Handgemenge war hilfreich. Um meine Entschlossenheit und Brutalität zu demonstrieren, schlug ich mit dem Kopf gegen die Wand.

Heute wartet Kollege Peter P. weinerlich im Großraumbüro auf die Lieferung seiner einzigen U-Hose, die er am Dienstag für Anstaltswäscherei in einen Stoffsack zur Abholung gelegt hat.

Kein Wunder, dass ICH jetzt hier der Chef bin!

Auch Frau Landesdirektorin hat sich unterworfen. Ich schließe das aus ihrem Satz: „Alex, es tut mir im Herzen weh und macht mich traurig, wenn ich sehe, wie unaufgeräumt Dein Zimmer aussieht, es würde mich sehr glücklich machen, könntest Du hier vor dem morgigen Auszug ein bisschen Ordnung reinbringen!“. Ich erinnere mich an das Buch, das auf ihrem Schreibtisch lag mit dem Titel „Gewaltfreie Kommunikation“.
Mein Fangzahn juckt!

Als äußeres Zeichen meiner nun uneingeschränkten Macht toupiere ich mein Haar.

Alex Jokel hat sein Haar toupiert
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Alex Jokel versucht die Leere der Isolation mit Haarstyling zu bekämpfen

Tag 13: Olivia Peter, Moderatorin

Liebes Tagebuch!

Noch 1x schlafen, dann ist es geschafft. 14 Tage Isolation beendet. Ich bin noch nicht bereit zu gehen. Ich habe noch 12 frische Unterhosen! Von den 5 Büchern in meinem Koffer, habe ich nur eines gelesen. Das jedoch sehr intensiv. „Soft Cake Orange“ von Clever. Abends habe ich mich damit oft und gern ins Bett verkrümelt. Die süßesten Stunden des Tages. Netflix? Ist nicht leer geschaut. Nicht einmal eine einzige Serie habe ich begonnen. In 14 Tagen nicht ferngeschaut. Oder heißt es gefernschaut? Wie auch immer. In die Ferne habe ich viel geschaut. In blühende Bäume. Den eisblauen Himmel. Ich habe Vögel beobachtet und Schmetterlingen beim Flattern zugesehen. Prickelnde Sonnenstrahlen auf der Haut. Frühling in der Nase. In unserem kleinen Garten vorm Funkhaus. Ich habe mit KollegInnen gelacht, deren Namen ich zuvor nicht einmal kannte. Habe Bereiche im Funkhaus gesehen, die ich vermutlich nie wieder betreten werde. Zumindest nicht im Bademantel. Ich gehe mit der Erkenntnis, dass man für 14 Tage genau 3 Kleidungsstücke braucht: Leggins. Shirt. Kapuzenpulli. Ungeschminkt. Mit Naturlocken. Alles ist gut.
Ja, ich habe in Plastikfolie eingeschweißtes Essen verdrückt und mich in einer nach Autowerkstatt stinkenden Duschkabine gewaschen. Ich habe beim Corona-Test ein gefühlt 17 Meter langes Wattestäbchen in mein Nasenloch geschoben bekommen und glaube trotzdem, dass seither nicht meine gesamte Hirnflüssigkeit ausgeronnen ist. Ich führe jetzt eine intime Beziehung mit meiner Fieberkurve und frage 3x täglich nach ihrem werten Befinden bzw. der werten Temperatur. Die Frage: „Wie viel Grad hat’s denn?“, kann man nicht nur im Urlaub stellen. Ich führe noch immer keine intime Beziehung mit dem Udo-Jürgens-Gedächtnisbademantel von Kollegen Polevkovits, dem Haarföhn von Kollegen Jokel, dem biologisch abbaubarem Geschirrspülmittel von Frau Direktorin oder den Prosecco-Flaschen von Kollegin Weissenböck. Auch wenn sich manch einer manches davon wünscht. Grins. Ich würde jederzeit wieder Chlormedizin schlucken, wenn mir Kollegin Kratzer welche offeriert. Mich cosy fühlen, wenn ich in der 3lagigen Bettwäsche von Kollegin Huemer liege. Kollegin Vogel beim Texten schlechter Reime zuhören oder sie beim Wuzeln vernichten.

Denn eine Erkenntnis nehme ich mit: Dass ich an genau dem Ort bin, an dem ich gerne sein möchte. In einem ziemlich genialen Team. Mit ziemlich genialen Menschen.

Und bevor es jetzt zu kitschig wird, noch eine zweite Erkenntnis: Stelle niemals Kalbsbutterschnitzel auf dein Fensterbrett! Einer von euch wird das nicht überleben –
Und wenn Frau Direktorin in der Nähe ist: Beide nicht!

Bis morgen
Deine Olivia

Tag 12: Alex Jokel, Moderator

Nachdem in der mittlerweile 12 Tage andauernden Isolation sämtliche Hierarchien zerbrochen sind, (Frau Landesdirektorin widmet sich der meditativen Bodenpflege, Peter Polevkovits sammelt mit Begeisterung Altpapier, Olivia Peter wischt die Schreibtische feucht ab) wittere ich meine Chance und hänge die „Please make up my room“ – Karte an meine Zimmertüre. Leider geht mein subtiler Plan nicht auf. Ich schließe aus der allgemeinen Empörung, dass wohl noch ein bisschen Würde vorhanden zu sein scheint. Ich kann warten!

Erstaunliches wird übrigens aus dem Kühlschrank im Großraumbüro zutage gefördert. Neben versteinerter Sojamilch auch weitere Lebensmittel von historischer Bedeutung. Wir wurden durch seltsame Geräusche darauf aufmerksam. Für die Redaktion von „Universum“ ein absoluter Glücksfall! Die Drehs im Kühlschrank sind für 3 Tage anberaumt. Außerdem muss die Stadtarchäologie hinzugezogen werden. Der Verkauf des Funkhauses ist somit gestoppt!
Es erklingt „von guten Mächten wunderbar geborgen“ (Gotteslob 430)

Tag 12: Olivia Peter, Moderatorin

Liebes Tagebuch!

Ich glaube, ich muss sterben. Bin mit schwerem Kopf erwacht. Unschlüssig, ob es an der Vernichtung von Kollegin Weissenböcks Prosecco-Vorrat liegt oder an der blonden Lockenpracht. Denn, um das post scriptum ihres in mein Tagebuch geschmierten Gekritzels zu beantworten: Ja, die Frau mit den Locken bin ich. Kollege Jokel hat ja einstens geschrieben, dass sich die Fassade im Gegensatz zur Fadesse nicht lange aufrechterhalten lässt. Also habe ich dem Appell von Rousseau Folge geleistet: Retournons à la nature! Oder anders gesagt: Habe bisher immer Kollege Jokels Föhn entwendet, um meine Naturlocken zu bändigen. Aber mittlerweile bläst ihm in der Corona-WG ein eisiger Wind entgegen – da kann ich ihm unmöglich das einzig laue Lüftchen nehmen. Er ist selbst Schuld. Was zieht er auch KollegInnen in seinem Tagebuch durch den Kakao? Wobei – die sind doch dann anschließend mit Schokolade überzogen, oder? Wie ein Schokoosterhase. Dann fände ich sie endlich zum Anbeißen. Die Kollegen. Und die, die man nicht mag, könnte man einfach verstecken. Und dann sagen, man hat sie leider nicht gefunden. Aber ich schweife ab.

Seitdem ich Locken trage, nennen mich hier alle „blonder Engel“. Blauer Engel wäre nach dem gestrigen Weissenböckschen-Prosecco-Konsum passender. Aber ja. Speaking of Kollegin Weissenböck: Die Frage des Klopapier-Rollen-Wechsel habe ich cc an Frau Direktorin weitergeleitet. Denn: A Klopapier-Rollen-Wechsel per day, keeps the Putz-Wut-Fieber away!

Bis morgen
Deine Olivia

Tag 11: Olivia Peter, Moderatorin

Liebes Tagebuch!

Was für ein Tag! Zwischen Tränen. Und Tüll. Ach so nein, das mit dem Tüll war das andere. Diese schreckliche Fernsehsendung. Die ich nie schauen würde. Zumindest nicht offiziell. Jedenfalls habe ich dich gesucht. Überall habe ich dich gesucht. Unterm Bett. In der Kantine. Im Studio. Im Hof zum Fenster. Vielleicht hattest du ja Heißhunger auf Kalbsbutterschnitzel. Aber du warst nicht auffindbar. Verschwunden. Entwendet. Du schienst mir für immer verloren. Selten habe ich mich leerer gefühlt.

Hatte natürlich sofort Kollege Jokel im Verdacht. Aber er war in derart intensivem oder auch intimem Austausch mit seinem Haarföhn. Ich hätte es nicht fertig gebracht, bei diesem Gespräch den Stecker zu ziehen. Kollege Polevkovits? Seit Drosselung seiner Duschfrequenz können wir einander ja nicht mehr so gut riechen. Aber auch hier war ich auf der falschen (Geruchs)fährte. Kollegin Vogel? War ausgeflogen. Also auch nicht tatverdächtig. Sollte etwa Frau Direktorin in ihrer Putz-Wut? Nein. Doch. Oh. Ihr Handy hat sie entlastet. Ja, ich habe es kurz entwendet. Ich gestehe. Was hätte ich tun sollen in meiner Not?! Die Fotos auf der Speicherkarte. Verstörend. Bananenschalen im Altpapier. Plastikflaschen im Biomüll. Und zu meinem Entsetzen: Fotos vom Kalbsbutterschnitzel im Hof. Sie hat ihre Augen überall. Ich muss sie unauffällig entsorgen. Also, die Fotos. Nicht die Frau Direktor.

Die Schuldige? Kollegin Weissenböck! Sie hat dich mit ihrer krakeligen Kindergartenschrift verunstaltet und diesen Beitrag hinterlassen.

Liebes Tagebuch,
ich weiß, du bist Olivias Tagebuch (meines hätte niemals einen rosa Plüscheinband), trotzdem kritzel ich jetzt bei dir rein, du liegst ja immer offen herum. Mir geistert seit Tagen eine Frage im Kopf herum: warum muss immer ICH die Klopapierrollen wechseln? Das ist ja wie zuhause!
Vielleicht kannst du dieses Geheimnis für mich lüften.
Vielen Dank,
deine Judith.
PS: und wer ist die junge Frau mit den blonden Locken, die heute plötzlich aufgetaucht ist? Die ist definitiv nicht mit dem Rest der Truppe eingezogen…

So, das Wichtigste zuerst: Ich habe aus Rache alle Prosecco-Flaschen ausgetrunken, die sie unter ihrem Bett gelagert hat… und hicks…deMD …REST…hicks, hicks, hiscköäA;;ÖÄs…hicks…dann moorgen…

Deine Olivia

Tag 11: Alex Jokel, Moderator

Gleich nach dem täglichen Hofgang (1 h) erhalte ich eine E- Mail von Peter Tichatschek. Er erkundigt sich nach unserem Befinden. Nehme an, er wurde gefragt, ob er mit dem nächsten Team ebenfalls in die Isolationszone einziehen würde und versucht uns auszuhorchen. Ich schwärme in höchsten Tönen von den Annehmlichkeiten, Zimmerservice, dem Essen, der Harmonie und der historischen Verantwortung. Nicht unerwähnt lasse ich natürlich die geplante Heiligsprechung durch Betriebsrat und Direktion. Ich glaube, er hat angebissen!

Allerdings sieht die Wahrheit doch etwas anders aus. Das Belastungssyndrom fordert Opfer:
Daniel Amerhauser läuft im Gang, Mantras murmelnd, auf und ab. Um sein Handgelenk ein Stoffsäckchen unbekannten Inhalts .Wahrscheinlich Reliquien. Es wird gemunkelt, Daumengelenk und Adamsapfel des Schutzpatrons der NachrichtensprecherInnen. Olivia Peter kopiert ihr Gesicht im Großraumbüro gemäß der EU-Reisepass-Richtlinien (neutraler Gesichtsausdruck bei geschlossenem Mund). Peter Polevkovits versucht seit einer gefühlten halben Stunde eine Fliege mit dem Mund zu fangen. Ich glaube, wir verlieren ihn!

Aber auch ich spüre eine Veränderung durch die Isolation und versuche mich spirituell aufzuladen, was durch das Fernsehprogramm in der Karwoche erleichtert wird. Dompfarrer Toni Faber spricht in ORF 2 über das nahende Osterfest. Warum klingt Dompfarrer eigentlich wie Dampfgarer? Next Stop Hell, Herr Jokel!

Fotostrecke mit 10 Bildern

Bett in einem Büro
ORF/Catrin Huemer
Menschen beim Frühstück
ORF/Catrin Huemer
Im Sitzungszimmer befindet sich jetzt ein Schlafzimmer
ORF/Doris Bachler
Ein Bett in einem Radio Wien-Aufnahmestudio
ORF/Doris Bachler
Bett in einem Büro
ORF/Catrin Huemer
Bett in einem Büro
ORF/Catrin Huemer
Bett in einem Büro
ORF/Catrin Huemer
Ein Bett steht in einem Studio
ORF/Catrin Huemer
Zugangstür zu Radio Wien mit dem Warnhinweis „Sperrzone Kein Zutritt!“
ORF/Doris Bachler
Wand mit Fotos und Motivationssprüchen von ORF Wien-MitarbeiterInnen für Ihre KollegInnen in Isolation
ORF/Doris Bachler

Tag 10: Olivia Peter, Moderatorin

Liebes Tagebuch!

Die Frischluftkur hat mich geheilt. Ich fühle mich besser. Auch leichter. Vielleicht hat das mit dem Zurechtzimmern meines Hammerzehs durch Kollege Jokel zu tun. Oder anders gesagt: Man muss nicht immer auf großem Fuß leben. Das hat mich die Isolation gelehrt.
Im Lager macht sich Abschiedsstimmung breit. Man bereitet sich wieder auf das Leben draußen vor. Kollege Polevkovits drosselt seine Duschkultur. Sein neues Credo: A Tropfen a day keeps the Schmutz auch away. Kollegin Vogel schreibt sentimentale Abschiedslieder (und reimt dabei Strophen wie „Zu Ostern färben wir die Ostereier blau“ auf „ und sagen der Isolation bald Ciao“). Man wird etwas seltsam in der Isolation. Frau Direktorin filmt fleißig mit ihrem Handy. Nicht mehr unsere Müllvergehen, sondern ihr Team. Beim Wuzeln. Beim Singen. Beim Arbeiten. Beim Essen. Ich hoffe, nicht unter der Dusche. Vielleicht weiß Kollege Polevkovits da was?! Das würde die Drosselung seiner Duschfrequenz erklären.
Gestern habe ich Frau Direktorin sogar dabei ertappt, wie sie einen Joghurtbecher in der Biotonne erspäht hat. Ein kurzes Zucken. Ein kurzes Aufflackern des kürzlich überstandenen Putz-Fiebers. Dann ein Lächeln. Ein Schulterzucken. Ein Weitergehen. Na gut, sie ist zurückgekehrt und hat den Becher in die richtige Tonne geworfen. Aber die Geschichte war so viel schöner. Und nein, ich weiß nicht, welche die richtige Tonne für den Joghurtbecher ist. Sonst hätte ich ihn ja nicht in die falsche geworfen.

Und Kollege Jokel. Ja, Kollege Jokel habe ich seit Stunden nicht gesehen. Angeblich arbeitet er an einem größeren Projekt. Einem das mit „Liebes“ anfängt und mit „Brief“ endet. Auf dem Briefumschlag steht laut KollegInnen schon der Adressat: Für mein geliebtes Kalbsbutterschnitzel.

Bis morgen
Deine Olivia

Tag 10: Daniel Amerhauser, Nachrichtenredaktion

Endlich sind wir „zweistellig“, so der Tenor heute Morgen. Mein einziger Kommentar dazu lautet, ich hoffe nicht, dass wir „dreistellig“ werden. Aber bei allen Mühen hier gleich im Studio auch zu wohnen ist das im Vergleich zu dem, was andere leisten ein Klacks und der Weg ins Nachrichtenstudio war noch nie so kurz und wird hoffentlich auch nie wieder so kurz sein müssen. Wir halten durch, bis zum Ende der Woche, auch wenn ich heute schon mit der Ausrede, dass ich daheim die Milch am Herd vergessen habe, versucht habe, raus zu kommen. Es ist mir nicht gelungen.

Daniel Amerhauser im Nachrichtenstudio
ORF
Daniel Amerhauser im Nachrichtenstudio

Tag 9: Olivia Peter, Moderatorin

Liebes Tagebuch!

Ich kann das Lager nicht mehr verlassen. Unmöglich. Selten habe ich so viel Liebe erfahren. Seit ich stark wie eine Löwin vor mich hinkränkel – und coronam publico einknicke wie das Gnu, das von der Löwin gerissen wird, kümmert sich die Truppe rührend um mich. Das Motto: Wer krank ist, braucht viel frische Luft! Deshalb hat mir die Kollegenschaft ein kleines, feines Häuschen im Freibereich der Funkhaus-Sperrzone eingerichtet. Ursprünglich war es eine Hundehütte, aber wir haben es verwandelt in ein Domizil für Leute, die vor die Hunde gehen.
Ich finde es gemütlich. Mein Körper hat darin fast zur Gänze Platz. Nur der linke Hammerzeh ragt ein wenig in die Freiluft. Aber der passionierte Handwerker Jokel hat versprochen, meinen Zeh zurechtzuzimmern. Kollegin Huemer hat mir sogar etwas zum Zudecken reingelegt. Rosa Herzchen auf weißem Untergrund. 3lagig. Samtweich. Steht drauf. Ich meine – ich weiß, wie schwer das in Zeiten des Mangels zu bekommen ist. Bin völlig von der Rolle. Kollegin Kratzer – wie passend von Kollegin Kratzer versorgt zu werden, wenn man Halskratzen hat – bringt mir in der Früh immer Medizin zum Gurgeln. Auf der Packung steht irgendwas mit Chlor… Ich schwöre, nach Einnahme waren die Schmerzen wie weggebrannt! Ein anderer Kollege hatte die Idee, die Bazillen einfach rauszuschwitzen. Dafür gibt es angeblich eine neu erprobte Methode namens Sprot, Spirt, Sporte oder so. Nie gehört. Nie gemacht. Auch nicht in der Zeit davor. Habe sicherheitshalber gleich den Namen des Kollegen vergessen. Der will mir nichts Gutes! Da muss ich aufpassen!

Und Kollege Jokel fragt mich alle 5 (in Worten: 5) Sekunden, ob ich schon Fiebermessen war. Nur weil seine Flamme der Leidenschaft hell und feurig für mich lodert, heißt das nicht, dass sich meine Temperaturkurve nach oben bewegt. Vielleicht ist es auch Eifersucht! Weil ich jetzt ein ganzes Haus bewohne, während er sich mit seinen schmerzenden Bandscheiben weiterhin das Einzelbett teilt. Es scheint, als würden bei ihm nicht nur Bandscheiben-, sondern auch Rückgratprobleme vorherrschen!

Bis morgen
Deine Olivia

Bett in einem Büro
ORF/Catrin Huemer