Liebevoller Rückblick auf Qualtinger

Am 29. September jährt sich der Todestag von Helmut Qualtinger zum 25. Mal. Andre Heller hat ein Filmporträt der besonderen Art geschaffen. Es ist nur eine von vielen Würdigungen, die an den „genialen Menschen“ erinnern.

„In Wien muasst erst sterben, damit se di hochleben lassen. Oba dann lebst lang.“ Mit diesem Satz beendet Helmut Qualtinger selbst die Dokumentation „Qualtinger“, die sein künstlerischer Ziehsohn Andre Heller gestaltet hat. Dieser spricht vom „Versuch eines Films über Helmut Qualtinger, einen hochbegabten, manchmal sogar genialen Menschen, den ich sehr mochte“. Er schulde ihm Dank „für die Ermutigung, die er mir, als ich jung war, geschenkt hat. Er war viele Jahre mein verlässlicher Freund, aber, wie ich glaube, allzu selten sein eigener“, so Heller.

TV-Hinweis

ORF 2 hat die Dokumentation am Sonntag ausgestrahlt. Zu sehen ist sie aber noch on Demand - mehr dazu in tvthek.ORF.at.

Bei der Präsentation im Wiener Stadtkino am Freitag sagte Heller, „die aktuelle mediale Beschäftigung mit dem großen, einzigartigen Helmut Qualtinger freut mich sehr.“ Der Film sei einer für die Lebenden. Manche würden Erinnerungen aufsteigen spüren. Der Film sei aber auch für die Generation, die nicht mehr weiß, welche wunderbaren Nuancen Helmut Qualtinger hatte. Heller: „Die Intention war, ein möglichst genaues Bild zu zeichnen, möglichst ohne Wiener Häme.“

Helmut Qualtinger und Andre Heller

ORF/DOR Film/Gabriela Brandenstein

Nicht bloß ein Kabarettist

Entstanden ist ein Film, der nicht unbedingt viel Neues über den außergewöhnlichen Menschen und genialen Schauspieler verrät. Aber er erinnert auf persönliche und liebevolle Weise an einen Menschen, der wahrscheinlich auf dem Gebiet der Kunst mehr für die Psychohygiene der Zweiten Republik im 20. Jahrhundert getan hat als jeder andere. Qualtinger als ein bibliophiler Mensch, präzise, melancholisch, alkoholisch, unberechenbar: „Die verrückten Geschichten über ihn stimmen meistens“, sagte Heller einmal.

Was mit Mayonnaise-Salat mit Bier und dem Kabarett „Brettl vorm Kopf“ begann, führte über den „Herrn Karl“ unweigerlich zur Leberzirrhose. „Aus und erledigt“ sind die ersten Worte Qualtingers in der Dokumentation. Heller versammelte darin viel, auch privates Archiv-Material, sprach mit Familienangehörigen wie Qualtingers Sohn Christian und seiner zweiten Lebensgefährtin Vera Borek, lud Franz Schuh und Josef Hader zu Analysen ein.

Vor allem aber kommt Qualtinger selbst zu Wort. Originaldokumente zeigen ihn als Kabarettisten, als Rezitator, als Film- und Theaterschauspieler, als Autor und Komödianten, als Vater und Ehemann, als Beobachter und Versteller. In der Mitte des Films erzählt Heller die Geschichte, als er viele Wochen lang im Krankenhaus liegen musste und Qualtinger ihn fast jeden Tag besuchen kam. Lange las er ihm aus Büchern vor, begeisterte ihn aber auch als Menschenimitator. Der junge Heller durfte sich die Besucher an seinem Krankenbett aussuchen: Paula Wessely, Winston Churchill, Charlie Chaplin - Qualtinger spielte sie alle.

Premiere im Wiener Stadtkino

„Qualtinger“ wurde am Freitag präsentiert. Michael Haneke, Wolfgang Murnberger, Michael Kreihsl, Gerd Bacher, Paul Lendvai, Peter Huemer, Gundula Rapsch, Julia Cencig, Vera Borek-Qualtinger, Christian Qualtinger und Erika Pluhar waren zur Premiere gekommen. ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz begrüßte die Gäste zu einem „merkwürdigen Abend, an dem man nicht weiß, ob man wehmütig oder erfreut sein soll.“

Österreichs „grantige Instanz“

Grantler, Wütender, Genussmensch: Helmut Qualtinger könnte als Paradeösterreicher durchgehen. Nach seinem Tod am 29. September 1986 verschmolz die Erinnerung an den Schauspieler mit der Figur des „Herrn Karl“, als der er auch am Broadway aufgetreten ist. Der Sturm der Entrüstung und die Ablehnung schlugen bald um. 1966, fünf Jahre nachdem der Herr Karl erstmals seine Ansichten äußerte, war die Platte bereits ein Verkaufshit. Peter Turrini sprach von einer „österreichischen Liebe“, die „Zuwendung vorgibt und Erstickung will“: Die ganze Nation habe Qualtinger „ungefragt die kumpelhafte Bezeichnung ‚Quasi‘ verliehen, weil sie nicht hören wollte, was er sagte, sondern nur, wie er es sagte“.

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Geboren wurde Qualtinger am 8. Oktober 1928 in Wien als Sohn eines Gymnasialprofessors. Nach der Matura begann er ein Medizinstudium, das er bald wieder abbrach. Er zog als Journalist und Lektor durch Europa, arbeitete als Lokalreporter und Filmkritiker, begann Theaterstücke und Kabaretttexte zu schreiben. 1946 gründete er eine Studentenbühne, die er praktisch solo betrieb. Anfang der 1950er Jahre schloss er sich der Gruppe Bronner, Merz und Kehlmann an. Zusammen mit Carl Merz verfasste er über 100 Kabarettnummern. „Brettl vor dem Kopf“ hieß eines der erfolgreichsten Programme der Anfangszeits.

TV-Meilensteine wie die „Geschichten aus dem Wienerwald“ (1961), Hits wie der „g’schupfte Ferdl“ oder der „Wilde mit seiner Maschin“ folgten. An der Seite von Sean Connery spielte Qualtinger 1986 im Blockbuster „Der Name der Rose“. Erfolgreich war er auch in „Die letzten Tage der Menschheit“, in Nestroys „Talisman“ oder in der Dürrenmatt-Bearbeitung von Shakespeares „König Johann“. Zur künstlerischen Heimat wurde ihm das Schauspielhaus in der Porzellangasse. Aber eigentlich war seine Bühne ganz Wien - nicht nur, als er Kulturjournalisten zum Westbahnhof lockte, um dort den „Eskimodichter und Nobelpreisträger Nobuk“ zu interviewen. Doch der einzige, den sie dort vorfanden, war Qualtinger selbst.

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