„Liebes-Psycho-Roman“ angekündigt

Auch wenn jetzt alte dag-Kolumnen neu aufgelegt werden, ein Comeback als Kolumnenschreiber schließt Daniel Glattauer im Interview mit wien.ORF.at aus. Aufhorchen lässt er mit der Ankündigung für sein neues Buch. Es wird ein „Liebes-Psycho-Roman“.

wien.ORF.at: 2001 erschien mit „Die Ameisenzählung“ der erste gesammelte Kolumenband. Zehn Jahre später hat sich einiges getan. Vom hauptberuflichen Gerichtsreporter und Kolumnenschreiber zum hauptberuflichen Autor. Wie blicken Sie auf diese zehn Jahre zurück?

Daniel Glattauer: In diesen zehn Jahren hat sich meine persönliche Lieblings-Erfolgskurve – nämlich schön langsam, flach und unspektakulär bergauf – plötzlich zwischendurch in einen Steilkurs verwandelt.

Veranstaltungshinweis

Daniel Glattauer liest am 30. September im Porgy und Bess um 19.00 Uhr aus „Mama, jetzt nicht! Kolumnen aus dem Alltag“. Der Eintritt ist frei, es gibt Platzkarten.

Buchhinweis

Daniel Glattauer: Mama, jetzt nicht! Kolumnen aus dem Alltag, Deuticke, 18,40 Euro

Ich muss zugeben, dass ich nicht schwindelfrei bin, und deshalb hat mir der Erfolg meiner E-Mail-Romane „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ neben viel Freude, Dankbarkeit und Euphorie auch jede Menge mulmiger Gefühle beschert. Ich musste und muss mein „Berufsleben“ neu definieren, und mir meine Ziele neu stecken. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Es ist schon ein großer Unterschied, in einer Zeitungsredaktion oder selbständig zu arbeiten. Ich fühle mich nun auf völlig andere Weise gefordert.

Daniel Glattauer

www.corn.at / Deuticke.

Daniel Glattauer wurde 1960 in Wien geboren. Er arbeitete zuerst als Autor und Journalist bei der Tageszeitung „Der Standard“. Mit seinen beiden E-Mail-Romanen schrieb er zwei Bestseller, die auf der ganzen Welt gelesen werden.

wien.ORF.at: Ihr Verlag spricht bei Ihren Kolumnen von messerscharfer Beobachtungsgabe und feiner Ironie. Dennoch müssen Ihre Fans seit Jahren auf aktuelle Beiträge verzichten. Schon einmal daran gedacht, wieder einmal die eine oder andere Kolumne zu publizieren oder anders gefragt: Bei welchem Angebot würden Sie nicht nein sagen?

Glattauer: Für mich sind meine alten dag-Kolumnen zum Glück zeitlos. Jetzt, wo gerade wieder welche in Buchform erscheinen, kann ich mich daran so erfreuen, als hätte ich sie eben erst geschrieben. (Natürlich nur an den gelungenen!) Komisch, aber es reizt mich momentan überhaupt nicht, neue Mini-Texte über den Alltags-Irrwitz zu verfassen. 17 Jahre „dag“ im Standard waren vermutlich erschöpfend. Vielleicht kommt irgendwann einmal ein neuer Schwung. Hoffentlich überschätze ich dann meine Fähigkeiten nicht, zeitgemäß humorvoll zu sein.

wien.ORF.at: Welches Thema gab es in den vergangenen Jahren, bei dem Sie dachten, darüber würde ich jetzt wirklich gerne schreiben? Und sind es eher die großen Ereignisse wie die Finanzkrise oder Korruptionsskandale, die sie zur Rückkehr als Kolumnist bewegen könnten oder die „Kleineren“ wie etwa der Ambros-Fendrich-Streit?

Glattauer: Es waren bei mir nie die großen Themen und Ereignisse, die mich gefordert und besonders gereizt haben. Die haben sich eigentlich wie von selbst abgehandelt und geschrieben. Am liebsten erinnere ich mich an die vielen kleinen skurrilen Strafprozesse im Wiener Landesgericht, die unauffälligen Geschichten von Nebenan, über die ich jahrelang berichtet hatte. „Ambros-Fendrich“ ist mir da aus heutiger Sicht schon viel zu prominent, medial künstlich aufgebauscht und ausgelutscht für unsere unterhaltungsbedürftige Schadenfroh-Gesellschaft.

wien.ORF.at: „Alle sieben Wellen“ war Ihr letzter Roman, der nächste soll 2012 erscheinen. Verraten Sie ganz kurz, worum es gehen wird?

Glattauer: Vorweg: Es ist KEIN E-Mail-Roman, sondern eine erzählte Geschichte! Sie handelt von einer romantisch beginnenden Liebesbeziehung, die allerdings bald eine andere, dramatische Wende erfährt. Salopp formuliert würde ich sagen, es ist ein „Liebes-Psycho-Roman“.

wien.ORF.at: „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen" wurden zu absoluten Bestsellern. Was erwarten Sie sich für das nächste Buch? Gibt es Ängste, nicht an die vorangegangenen Erfolge anschließen zu können oder sagen Sie sich ’Ich habe eigentlich alles erreicht, was sich ein Autor wünschen kann, komme was wolle“.

Glattauer: Da bin ich Angst frei. Meine Wünsche sind bei jedem Buch die gleichen: Hoffentlich gefällt es denen, die es lesen! Wie viele das sind, ist unberechenbar. Es wäre aber gelogen zu behaupten, ich will nichts mehr erreichen. Wenn das einmal der Fall ist, dann schreibe ich bestimmt keine Bücher mehr.

wien.ORF.at: Ihre E-Mail-Romane wurden millionenfach verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt: Hatten Sie zwischenzeitlich einmal das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Glattauer: Bei intensiven Lesereisen in Deutschland komme ich mir manchmal wie ferngesteuert vor. Und in Paris, Madrid und Barcelona habe ich so richtig zu spüren bekommen, was „Medien-Interesse“ bedeuten kann. – Stress pur, ein Interview nach dem anderen, kaum Verschnaufpausen. Da schätze ich mich dann glücklich, wieder in Österreich zu sein, wo man mich als jemanden ansieht, der schreibt – und noch kaum als einen, über den man schreibt.

wien.ORF.at: Die Leserinnen und auch viele Leser lieben Ihre Bücher, manche Kritiker belächeln Ihre Bücher. Wie gehen Sie damit um?

Glattauer: Ich sehe diese Kritiker ja nie, wenn sie gerade meine Bücher belächeln. Vielleicht würde ich mitlächeln. Man lächelt ja öfters und weiß gar nicht so recht, warum. Nicht ernst genommen zu werden, ist jedenfalls eine Empfindung, mit der ich gut leben kann. Nur angefeindet werden will ich nicht. Ich bin sehr harmoniebedürftig.

wien.ORF.at: Eine ungeliebte Frage bei fast allen Autoren, aber dennoch: Wie viel „privater Daniel Glattauer “ steckt in Ihren Büchern?

Glattauer: Sehr viel privater Glattauer. Aber nicht so, wie sich das LeserInnen oft vorstellen. Ich bin keine bestimmte Figur in meinen Büchern, sondern ich verteile alles, was mir persönlich wichtig ist und interessant erscheint, auf alle 200 bis 300 Seiten jedes Buches. Ich stecke quasi in jeder Zeile.

wien.ORF.at: Ihr Bruder sagte zuletzt in einem Interview, dass sie ein Lesemuffel als Kind waren. Hat sich das geändert?

Glattauer: Es stimmt, was mein Bruder sagt. Meine Lieblingsbücher waren diejenigen, die große Zeilenabstände und viele leere Seiten gehabt haben. Es hat sich aber zum Besseren gewandelt.

Mittlerweile verschlinge ich wenigstens im Urlaub Bücher. Aber wenn ich selbst beim Schreiben bin (und das bin ich oft), kann ich kaum lesen. Es lenkt mich ab und stört mich in meiner Konzentration auf meinen individuellen Zugang und Stil des Erzählens.

wien.ORF.at: Schüler lesen mittlerweile neben Goethe und Co auch Glattauer-Bücher. Sind Sie stolz darauf?

Glattauer: Eher auf angenehme Weise verblüfft. Wenn das mein Deutsch-Professor geahnt hätte! Meine Leistungen waren durchschnittlich, zumeist „befriedigend“. Unter meinen Schularbeiten standen Sätze wie: „Sprachlich recht gut, interessante Ansätze, aber inhaltlich ein bisschen dürftig und ziemlich kurz geraten….“ Ich glaube, über Goethe war so etwas nie behauptet worden.

wien.ORF.at Welches Buch würden Sie einem guten Freund/Freundin mometan empfehlen?

Glattauer: „Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach. Weil mich immer die Meinung von Freunden zu jenen Büchern am meisten interessiert, die ich gerade lese.

wien.ORF.at Daniel Glattauer in zehn Jahren: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Glattauer: Ich möchte mich so gut fühlen wie heute, wo immer mich Erfolgs- oder Misserfolgskurven hintragen. Ich möchte das Wesentliche, Sinnvolle, Sinnstiftende nicht aus den Augen verlieren.

Das Interview führte Eva Reiter, wien.ORF.at

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