Stadttour: Die hässlichsten Häuser Wiens

Eine ungewöhnliche Stadttour wird seit Kurzem in Wien angeboten: „Vienna Ugly“ führt nicht zu den schönsten, sondern zu den hässlichsten Häusern der Stadt. Auch Gebäude berühmter Architekten sind darunter.

Die Tour beginnt auf dem Karmelitermarkt in Leopoldstadt. Der erste Stopp ist ein fünfstöckiges Wohnhaus im Gründerzeitstil, wie die meisten Häuser auf dem Platz, das vor einigen Jahren jedoch eine neue Fassadenbemalung bekommen hat. Erst beim zweiten Blick sieht man, was hier mit viel Rosa verewigt wurde: nackte Brüste, Frauen ohne Gesicht und Sperma.

„Das Gebäude ist eine verrückte öffentliche Psychotherapie“, meint Eugene Quinn, Kulturaktivist beim Verein „space and place“. Er ist der Erfinder und Guide der Tour „Vienna Ugly“: „Der Künstler stellt sein Liebesleben dar, das offensichtlich nicht sehr glücklich verlaufen ist. Ich denke, manche Dinge sollten besser privat bleiben“, schmunzelt Quinn. Seit sechs Jahren werde inzwischen nach einem Käufer für das Haus gesucht – bisher ohne Erfolg.

„Wäre das Haus eine Person, wäre es Putin“

Zwei Stunden lang dauert die Tour - zu Fuß - zu den hässlichsten Häusern Wiens. Quinn konzentriert sich dabei auf das Zentrum: „Es ist der berühmteste Teil Wiens – und auch der schönste“, erklärt er. Die Route verläuft vom Karmelitermarkt zum Heldenplatz, 19 Gebäude werden besichtigt – darunter zum Beispiel das Sozialministerium und das ungarische Kulturzentrum: „Es ist sehr aggressiv und stolz, ein kleines Gebäude mit großen Ambitionen. Wäre es eine Person, dann wäre es Wladimir Putin“, so Quinns Fazit.

Quinn stammt eigentlich aus England, seit sechs Jahren lebt er in Wien, der Liebe wegen: zur Stadt und zu seiner österreichischen Frau. Mit der Tour will er das internationale Image Wiens aufpolieren. Wien hätte „so ein Walzer-Märchen- und Sachertorten-Image. Schön, aber nicht sehr cool und modern. Ich denke, das Leben hier ist viel interessanter als das.“ Inspiriert habe ihn Conchita Wurst – auch sie breche die Regeln, als Travestiekünstlerin mit Bart. Warum also nicht die hässlichsten anstatt der schönsten Gebäude besichtigen?

Die Macht der UNESCO

Die Hässlichkeitstour sei auch eine Hommage an die Melancholie Wiens: „Die Wiener lieben die dunkle Seite, den Tod und das Düstere“, erklärt Quinn. Die Teilnehmer der Tour seien bunt gemischt, Touristen kämen genauso wie Wiener, so der Guide, und auffallend oft seien Architekten dabei: „Ich denke, sie genießen es, die Fehler anderer Architekten zu sehen – da sind wir wieder bei der dunklen Seite Wiens.“

Eugene Quinn

ORF/Evelyn Kanya

Quinn zeigt neben Gebäuden auch andere unschöne Flecken

Auch eine ernstere Seite gibt es: Er wolle eine Debatte über die Architektur im Stadtzentrum starten, so Quinn. Hier habe seit Jahren die UNESCO die Kontrolle über architektonische Vorhaben, weil sie über den Weltkulturerbe-Status der Altstadt wache. „Die UNESCO ist ziemlich konservativ. Sie will keine neuen Gebäude, sie will, dass alles alt aussieht", sagt Quinn. Dabei habe sich der erste Bezirk immer verändert, nur jetzt solle er das plötzlich nicht mehr tun: „Und ich bin mir nicht sicher, dass das gut ist.“

Hässlichkeitssieger: Media Tower

Die Bewohner der „hässlichsten“ Häuser seien in der Regel übrigens sehr erfreut über die interessierten Besucher: „Sie sind ganz aufgeregt, dass da plötzlich 80 Leute vor ihrem Haus stehen, das sonst niemand beachtet, und winken“, erzählt Quinn. Am Ende jeder Tour stimmen die Teilnehmer ab, welches der Gebäude nun das allerhässlichste war. In Führung derzeit: der Media Tower des berühmten Architekten Hans Hollein am Schwedenplatz.

Evelyn Kanya, wien.ORF.at

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