Vom Sklaven zum „fürstlichen Hofmohren“

Verkaufter Kindersklave, geachteter Kammerdiener, intellektueller Freimaurer und ausgestopftes Kuriosum: Der Geschichte des „fürstlichen Hofmohren“ Angelo Soliman widmet sich derzeit das Wien Museum.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Angelo Soliman im höfischen Wien zur Stadtbekanntheit, 250 Werke versuchen nun im Wien Museum seine legendenumwobene Biografie zu veranschaulichen. Beleuchtet werden im Zuge dessen nicht nur die damals vorherrschenden europäischen Klischees über den „schwarzen Kontinent“ und seine Bewohner, sondern auch die noch immer existierenden Stereotypen.

Video: Wien heute war bei der Presseführung dabei

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Exotisches „Prunkstück“ für den Hof

Im Zentrum der in Kapitel gegliederten Ausstellung steht Solimans Leben und das historische Umfeld seiner Zeit. Um 1721 in Afrika geboren, wurde er als Kindersklave nach Sizilien verkauft und kam zunächst in den Dienst von Feldmarschall Lobkowitz.

Veranstaltungshinweis

Die Soliman-Schau im Wien-Museum läuft bis zum 29. Jänner 2012. Als Begleitprogramm gibt es Diskussionen und Lesungen ebenso wie Stadtexpeditionen und ein Kinderprogramm.

Ab 1753 lebte Soliman in Wien, wo er im Hofstaat der Fürsten Liechtenstein als Kammerdiener und Kindererzieher tätig war, gleichzeitig aber auch - wie zu dieser Zeit üblich - als exotisches „Prunkstück“ für höfische Repräsentation herhalten musste. Um mehr als eine reine Dokumentenzusammenstellung für den Besucher zu bieten, finden sich neben malerischen Porträts und Notizen Solimans, Rechnungsbelegen oder Totenschein und -maske zahlreiche Objekte, die das historische Umfeld und somit frühzeitlichen Rassismus aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Atlanten, Kupferstiche, dekorative Skulpturen, Fesselwerkzeug, ein Ornament eines Sklavenschiffs und das Originalgeschäftszeichen der Wiener Apotheke „Zum Schwarzen Mohren“ aus 1675 geben nicht nur einen Eindruck über das einstige Afrikabild. Sie fungieren zudem als illustrative Elemente hinsichtlich der Geschichte des Sklavenhandels, der Rolle dunkelhäutiger Menschen in Mitteleuropa und der Präsenz derselben im damaligen Wiener Stadtbild.

Louise de Kerouaille, Duchess of Portsmouth (mit Diener), 1682
Pierre Mignard

National Portrait Gallery, London

Louise de Kerouaille, Duchess of Portsmouth (mit Diener), 1682

Reger Kontakt mit Mozart

Was Soliman betrifft, sei dessen Vita immer auch von einem Ringen um Autonomie geprägt gewesen, gab der Historiker und Kurator Philipp Blom zu bedenken. So heiratete er gegen den Willen seines Herrn, kaufte sich ein Haus und verkehrte als Freimaurer etwa mit Mozart und bedeutenden Wissenschaftern seiner Zeit.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung ist Dienstags bis Sonntags sowie feiertags von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Angesichts dieser zwischen Emanzipation und Zwangsassimilation changierenden, aber jedenfalls beachtlichen Karriere nahm die Geschichte Solimans nach dessen Tod 1795 eine unbestritten tragische Wendung. Seine Leiche wurde geschändet, sein Körper als halbnackter „Wilder“ für das kaiserlich-königliche Naturalienmuseum präpariert und präsentiert.

Kopfabguss Angelo Soliman, 1796, Franz Thaller

Städtisches Rollett-Museum Baden

Kopfabguss Angelo Soliman, 1796, Franz Thaller

Bezug zur Gegenwart wird hergestellt

Gegen Ende der Ausstellung, die den Untertitel „Ein Afrikaner in Wien“ trägt, werden Stereotypen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart reflektiert.

Das Spektrum reicht von Afrikaner verkörpernden Schaustellern im Prater um 1900 über Kinoplakate und Werbesujets - angefangen vom Meinl-Mohr bis zur „I will mohr“-Kampagne von Eskimo - bis hin zur aktuellen Medienberichterstattung über Asylwerber und Antirassismuskampagnen.

Werbeschild für "Abadie", um 1920

Wien Museum

Werbeschild für „Abadie“, um 1920

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