Wien: Der Sternwartepark

Verwunschen, verwachsen, verwildert – der Park im 18. Wiener Gemeindebezirk ist Heimat von mehr als 100 Pflanzen- und Holzarten. Es lässt sich kaum erahnen, welch interessantes Biotop sich mitten im städtischen Gebiet hinter dicken Mauern versteckt. In der Mitte dieser Landschaft befindet sich die Universitätssternwarte.

Das Weltall und irdische Besonderheiten treffen mitten in Währing aufeinander: Das, was sich hinter den zwei Meter hohen Ziegelmauern verbirgt, ist ein Schatz in mehrerlei Hinsicht. Natur auf der einen Seite, Forschung auf der anderen. Knapp 60.000 Quadratmeter ist das Sternwarteareal groß. Es gehört heute als Naturdenkmal Nummer 713 zu den anerkannten Wiener Naturdenkmälern.

Vorbild Berliner Sternwarte

In der Mitte dieser Landschaft bildet die Universitätssternwarte Wien einen farblichen und stofflichen Kontrast. Sie ist eine der beiden Sternwarten, die das Institut für Astronomie der Universität Wien betreibt. Die Sternwarte ist von 1874 bis 1879 nach Plänen der Architekten Hermann Helmer und Ferdinand Fellner und nach Vorgaben des damaligen Sternwartendirektors Carl Ludwig Littrow als Kombination von Wohn- und Beobachtungstrakt auf der damals noch wenig besiedelten Türkenschanze errichtet worden. Als Vorbild diente die Berliner Sternwarte, die ebenfalls in Kreuzform konzipiert war.

Bewerber "Neun Plätze, neun Schätze"

ORF/Josef Bollwein

Bei der Eröffnung 1883 durch Kaiser Franz Josef I. verfügte das Observatorium über das damals größte Linsenfernrohr. Diesen 68-Zentimeter-Refraktor gibt es auch heute noch in der Sternwarte zu sehen. Genauso wie zwei weitere große historische Linsenteleskope aus den 1880er Jahren.

Auch heute noch ist das Gebäude das größte baulich geschlossene Sternwartengebäude der Welt, mit einer Länge von 101 und einer Breite von 73 Metern. Im Gebäude beschäftigt sich die extragalaktische Forschung mit Staub und Gas im All. Astronomische und astrophysikalische Forschung und Lehre gehen an der Universität Wien, die heuer ihr 650-Jahr-Jubiläum feiert, teilweise bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts zurück. Die zentralen Forschungsgebiete heute sind Entstehung und Entwicklung von Galaxien, Sternen und Planeten. Seit 1990 ist im Südtrakt des Institutsgebäudes ein kleines Museum eingerichtet, in dem die Geschichte der Wiener Astronomie mittels historischer Instrumente, Bücher und anderer Exponate dokumentiert wird.

Wien

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Rund um das Gebäude liegt der Sternwartepark. Angelegt, während auf dem Areal von 1874 bis 1879 die Wiener Universitätssternwarte errichtet wurde. Heute ist der Park ein Naturdenkmal, dessen Besonderheit die Wildnis ist. 130 Jahre lang hat sich hinter den Mauern ein Naturjuwel entwickelt, mit seltenen Pflanzen und Tieren, die das Privileg dieses unberührten Refugiums genießen können. Aus dem Baumbestand hat sich im Laufe der Zeit ein Wald entwickelt, der sich natürlich verjüngt und einen hohen Anteil an Alt- und Totholz aufweist.

Info

Den Sternwartepark finden Sie im 18. Wiener Gemeindebezirk, Türkenschanzstraße 17. Straßenbahnlinien 40 und 41, Station Aumannplatz.

Politische Bedeutung

Lange Zeit war der Park rund um die Universitätssternwarte nur für Studierende, Forscher und Besucher des Instituts für Astronomie zugänglich. Politische Bedeutung erhielt der Sternwartepark 1973, als eine erstmals in Wien durchgeführte Volksbefragung die Schlägerung von 40 Parkbäumen und die Verbauung des Sternwarteparks verhindern konnte. Erst seit 2013 ist der Park auch für Besucherinnen und Besucher offen, mit einigen Einschränkungen. Auf Schildern wird darauf hingewiesen, dass das Begehen mancher Wege aus Sicherheitsgründen untersagt ist. Fernab des erlaubten Pfades kann schon einmal ein Ast herunter fallen oder Gestrüpp den Durchgang versperren. Auch Hunde oder Fahrräder sind nicht gestattet, um das Biotop nicht zu stören oder zu gefährden.

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Die Vielfalt des Baumbestandes bietet Lebensraum für unterschiedliche Insekten, Vogel- und Tierarten. Eine Besonderheit ist etwa der EU-weit geschützte Hirschkäfer, aber auch der Weiße Waldportier, ein Tagfalter, oder der Mittelspecht, ein relativ seltener Buntspecht. 17 verschiedene Spinnenarten sind hier schon entdeckt worden. Auf dem verwachsenen Waldboden haben sich auch Orchideen niedergelassen. Einige seltene Arten von Bienen und Schmetterlingen breiten hier ebenfalls gerne ihre Flügel aus.

Eine besondere Pflanzenwelt und mittendrin der Draht zum Weltall. Während draußen Bienen summen, forschen in der Sternwarte Wissenschafterinnen und Wissenschafter auf dem Gebiet der Astronomie nach neuen Erkenntnissen. Der Sternwartepark bietet neue Ein- und Ausblicke mitten im 18. Wiener Gemeindebezirk.

Elisabeth Vogel, wien.ORF.at

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