Haus des Meeres: Geschichte mit Ausblick

Mehr als 10.000 Tiere schwimmen, kriechen, klettern und fliegen in einem ehemaligen Flakturm aus dem zweiten Weltkrieg. Das Haus des Meeres ist neben dem Tiergarten Schönbrunn und dem Lainzer Tiergarten einer von drei Zoos in Wien, an einem besonders ungewöhnlichen geschichtsträchtigen Ort.

Aufgrund seiner Höhe von knapp 50 Metern ist er von weithin sichtbar: Der Flakturm mit dem Haus des Meeres im Esterhazypark im 6. Wiener Gemeindebezirk. Von außen lässt sich kaum erahnen, was drinnen los ist. Allein aufgrund des Erscheinungsbildes würde kaum jemand darauf schließen, wie bunt und lebendig das Innenleben des Turmes ist.

Auf mittlerweile elf Geschossebenen und einer Fläche von rund 5.000 Quadratmetern tummeln sich Haie, Rochen, Schildkröten zu Wasser und zu Lande, Krokodile, Echsen aller Art, Schlangen, Fische aus Süß- und Salzwasser, Vögel, Flughunde, verschiedene Äffchen, Insekten, und viele mehr. Die Haie schwimmen unter anderem in einem zweistöckigen Haibecken, das 300.000 Liter fasst – benannt übrigens nach dem berühmten Wiener Taucher und Meeresforscher Hans Hass und seiner Frau Lotte. Neueste Attraktion ist das nach eigenen Angaben größte Salzwasser-Aquarium Österreichs. Der „Atlantik Tunnel" ist ein 500.000 Liter Aquarium mit einer volltransparenten Röhre, die im Sommer angeliefert worden ist, in der Besucherinnen und Besucher ab Herbst 2016 buchstäblich fast 15 Meter „durch das Wasser" gehen können.

Haus des Meeres seit 1958

Ab 1956 wurde der Flakturm für das Haus des Meeres adaptiert, das seit 1958 hier seinen Sitz hat. Bis 1965 wurden die ersten eineinhalb Stockwerke des Gebäudes mit 40 Schaubecken eingerichtet (umformuliert, um 2 x adaptiert zu vermeiden), wobei in den ersten Jahren auch die Scheiben ausrangierter Wagen der Wiener Straßenbahn verwendet wurden. In den folgenden Jahrzehnten sind nacheinander weitere Stockwerke für mehr Tiere erschlossen worden.

Angehängt an die Außenfassade des Flakturms befinden sich heute links und rechts das Tropenhaus und der Krokipark. Auf 200 Quadratmetern und einer Höhe von mehr als 20 Metern beheimatet das Tropenhaus seit dem Jahr 2000 mehr als 500 Tiere. Weißbüscheläffchen, genauso wie tropische Vögel, Flughunde und Schildkröten. Der Krokipark ist der zweite Glaszubau, der von außen ins Auge sticht. Wie der Name schon sagt, leben dort Alligatoren wie der Brillenkaiman. Am Glasgeländer entlang rankt sich die vermutlich längste Ameisenstraße der Welt. Sie hat eine Gesamtlänge von ca. 70 Metern und reicht über zwei Stockwerke.

Eine neue Sicht auf eine andere Welt ermöglicht auf der siebenten Ebene das sogenannte "Pacific Eye“. Das Aquarium bietet einen Einblick in die nordamerikanische Pazifikfauna, der durch eine zwei Meter durchmessende Plexiglas-Halbkugel lupenhaft vergrößert wird. Wenn man ganz oben angelangt ist, wird man mit einem Rundumblick über Wien belohnt. Gewissermaßen aus der Vogelperspektive kann man von hier aus andere Plätze in der Hauptstadt entdecken, die man so wahrscheinlich noch nie gesehen hat.

Sechs Flaktürme mit wechselhafter Geschichte

Der Flakturm selbst hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs wurde er als Feuerleitturm genutzt. 2015 beschloss der Wiener Gemeinderat den Verkauf an das Haus des Meeres. Der Flakturm im Esterhazypark ist einer von sechs großen Wiener Flaktürmen aus Stahlbeton, die in den Jahren 1942 bis 1945 als riesige Luftschutzanlagen mit aufmontierten Flugabwehrgeschützen und Feuerleitanlagen erbaut wurden und als Abwehr- und Schutzbauten dienten. Im Unterschied zu den Berliner und den Hamburger Flaktürmen sind die Wiener Flaktürme weitgehend unverändert erhalten. Die drei Bunkerpaare sind in einem Dreieck (Augarten, Arenapark und Esterhazypark) angeordnet. In ihrer ungefähren Mitte befindet sich der Wiener Stephansdom. Die Flaktürme dienten auch als provisorische Spitäler und boten Luftschutzräume für die Bevölkerung.

Das Haus des Meeres finden Sie im 6. Wiener Gemeindebezirk, Autobuslinie 13 A, 14 A und 57 A Station Haus des Meeres; U3 Station Neubaugasse

An den Krieg erinnert nicht nur der Turm selbst, sondern auch ein Spruch an der Fassade, der von weitem lesbar ist: im Rahmen der Wiener Festwochen wurde 1991 nach einem Projekt des amerikanischen Künstlers Lawrence Weiner der Anti-Kriegs-Spruch „Smashed to pieces in the still of the night“/“Zerschmettert in Stücke im Frieden der Nacht“ angebracht. Ein Teil Geschichte der Stadt, verbunden mit tropischen Tieren und Überblick über die Stadt – das Haus des Meeres ist ein besonderer Ort im Herzen Wiens.

Elisabeth Vogel, „Wien heute“

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