Wilhelminenberg: Missbrauch bestätigt

„Im Schloss Wilhelminenberg hat es systematische Gewalt und Missbrauch gegeben“. Das sei bekannt gewesen, niemand habe reagiert: Nach eineinhalb Jahren hat die Helige-Kommission nun ihren Endbericht zum ehemaligen Kinderheim präsentiert.

Akten aus dem Kinderheim Wilhelminenberg
ORF
Aktenberge der Kommission

Die Kommission kam zu dem Schluss, dass Kinder und Jugendliche im Laufe der Jahrzehnte im Heim auf dem Wilhelminenberg massivem sexuellen Missbrauch ausgesetzt gewesen seien, der im zeitlichen Kontext durchaus unterschiedlich war. Den Erzählungen einiger Zeuginnen über die Jahrzehnte sei gemeinsam gewesen, dass Mädchen – sogar gelegentlich mit Beteiligung von Erziehern und Erzieherinnen – aus den Schlafsälen geholt und dem Missbrauch zugeführt worden seien.

Durch kein Indiz – außer eine bereits öffentlich bekannten Aussage – erhärtet worden sei allerdings die in den Medien vertretene These, es habe Massenvergewaltigungen in den Schlafsälen gegeben. Das hätten alle weiteren Zeugen entschieden ausgeschlossen. Die ehemaligen Heimkinder hätten auch keine näheren Angaben gemacht, aus denen verlässlich auf eine durch Zuhälterringe organisierte Zuführung zur gewerbsmäßigen Unzucht (in den Medien meist als Kinderprostitution bezeichnet) geschlossen hätte werden können.

Sendungshinweis

„Wien heute“, 12. Juni 2012:
Interview mit Barbara Helige

Die Untersuchungen hätten keine konkretisierbaren Hinweise ergeben, dass ein Kind gewaltsam zu Tode gekommen sei. Der Verdacht der Tötung eines Kindes in den 1950er Jahren habe nicht bestätigt werden können. Die Straftaten sind meist verjährt, viele der mutmaßlichen Täter bereits verstorben. Rund 30 Namen leitete die Kommission an die Staatsanwaltschaft weiter. Ob es zu weiteren Ermittlungen kommt, ist noch offen.

Schloss Wilhelminenberg
APA/APA/HERBERT PFARRHOFER
Missbrauchsvorwürfe gegen Personal

Missstände waren Verantwortlichen bekannt

Den Verantwortlichen in der MA 11 seien die Missstände bekannt gewesen, trotzdem sei der Heimleitung nicht Einhalt geboten worden. Den verantwortlichen Politiker seien die Missstände in Heimen betreffend physische Gewalt spätestens seit den 1960er Jahren in vollem Ausmaß bekannt gewesen. Die in den 1970er Jahren eingeleiteten Strukturreformen seien nicht mit sofortigen Maßnahmen gegen die Missstände verbunden gewesen.

Schloss Wilhelminenberg, Archivaufnahme
ORF
Schlafsaal des Kinderheims

Einige Medien hätten ab Beginn der 1970er Jahre kritisch berichtet, die politischen Kontrollorgane hätten das Thema aber nicht aufgegriffen. Die für die Kinderheime zuständigen Politiker hätten letztlich die Verantwortung für die Situation im Heim auf dem Wilhelminenberg getragen, wo während der gesamten Zeit des Bestehens schwere Gewalt angewendet, seelisches Leid verursacht und das Leben vieler Kinder und Jugendlicher stark beeinträchtigt worden sei. Zur strafrechtlichen Relevanz sei festzuhalten, dass die Berichte über Gewalttaten überwiegend als – damals schon – strafrechtlich relevant zu betrachten seien.

Sexuelle Übergriffe, wie sie berichtet worden seien, wären selbstverständlich jedenfalls strafrechtlich zu ahnden gewesen. Wichtige Fragen, etwa jene der Verjährung, hätten sich aber den Recherchemöglichkeiten der Kommission entzogen und könnten nur von den Strafverfolgungsbehörden beurteilt werden. Das liege daran, dass es der Kommission zum Beispiel verwehrt worden sei, über namentlich genannte Personen Ermittlungen zu führen.

Michael John, Gabriele Wörgötter und Barbara Helige bei der Vorstellung der "Kommission Wilhelminenberg"
APA/Roland Schlager
Kommissionsvorsitzende Barbara Helige

„Es darf nie wieder passieren“

Zusammenfassend greift die Kommission die so oft von ehemaligen Heimkindern in Interviews geäußerte Forderung auf, die lautet: „Die Stadt Wien im Allgemeinen, die MA 11 im Besonderen, aber auch alle anderen in diesem Zusammenhang tätig werdenden Institutionen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein und dafür Sorge tragen, dass das, was den Kindern und Jugendlichen im Heim auf dem Wilhelminenberg - so wie in vielen anderen Heimen - widerfahren ist, nie wieder passieren darf“ - mehr dazu in Wilhelminenberg: Aufarbeitung läuft.

Nach der Präsentation des Endberichts der Wilhelminenberg Kommission sehen sich FPÖ und ÖVP in ihren Vorwürfen bestätigt. Die SPÖ betonte am Mittwoch erneut, die Stadt Wien sei sich ihrer Verantwortung den Opfern gegenüber vollends bewusst - mehr dazu in Wilhelminenberg: Opposition sieht sich bestätigt.

300 Interviews und 344 Seiten

Die Kommission wurde im Oktober 2011 von der MA 11 unter der politischen Verantwortung von Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) eingesetzt. Der Auftrag lautete, jene Vorwürfe zu untersuchen, wonach es im Heim auf dem Wilhelminenberg von 1948 bis zur Schließung 1977 zu organisierter Vergewaltigung und Kinderprostitution sowie anderen Formen schwerer physischer und psychischer Gewalt gekommen sei. Dabei sollten die Vorwürfe sowohl hinsichtlich individueller als auch institutioneller Verantwortung geprüft werden - mehr dazu in Missbrauch: Externe Kommission (wien.ORF.at; 17. Oktober 2011).

Nach einem Untersuchungszeitraum zwischen 1. Dezember 2011 und 31. Mai 2013 legte die Kommission nun ihren Endbericht vor. Die wichtigste Basis des vorliegenden Berichts bilden 217 Interviews mit 140 damaligen Heimkindern, 28 Erzieherinnen und Erziehern und 94 weiteren Zeitzeugen. Es wurden Interviews im Ausmaß von etwa 480 Stunden aufgenommen und digitalisiert. Insgesamt bestand mit über 300 Personen Kontakt. Ergänzend dazu lieferte die Einsichtnahme in eine Vielzahl an Akten der MA 11, 8 und 17 sowie in etliche weitere Archive eine weitere inhaltliche Grundlage. Der Bericht umfasst 344 Seiten.

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