Kein Chaos, aber Verwirrung

Das große Chaos blieb zwar aus, die komplexe Verkehrslösung auf der Mariahilfer Straße hat am ersten Tag aber doch für Verwirrung gesorgt. Wie lange die Probephase dauern wird, ist noch nicht bekannt. Im Herbst soll evaluiert werden.

Die ersten Stunden der neuen Ära gestalteten sich sehr ruhig, Gedränge gab es auf der Mariahilfer Straße vorerst jedenfalls nicht. Lieferverkehr und nur wenige Fußgänger beziehungsweise Radfahrer teilten sich die Einkaufsmeile. Auch in den umliegenden Straßen war kaum Verkehr.

Verwirrung am ersten Tag

Für so manche waren die Änderungen offenbar dann doch eher überraschend gekommen: Immer wieder kurvten Autos in der Fußgängerzone herum, die - Stichwort Cabrio - wohl kaum als Transportfahrzeug durchgehen. Lieferanten dürfen die Fuzo zwischen Kirchen- und Andreasgasse bis 13.00 Uhr benützen. Andere verirrte Kfz- und Mopedbenutzer, die von den Seitengassen unerlaubter Weise in die Mariahilfer Straße einbiegen wollten, wurden von Polizisten zum Umkehren aufgefordert. Die Beamten beließen es am ersten Tag in den meisten Fällen bei Abmahnungen und Information.

Für breite Ratlosigkeit sorgte zudem die farbliche Busspur auf einem Teil der Fuzo. Diese wurde für den 13A aufgepinselt, damit Konflikte mit Passanten vermieden werden. Viele fragten sich hörbar, ob man auf dem roten Asphaltteppich nun gehen - nein, nur Queren ist erlaubt - oder radeln - ja, in Fahrtrichtung stadteinwärts - darf.

Busspur nimmt fast ganze Fahrbahn ein

Der schmale Fahrbahn-Streifen daneben, auf dem ein Rad-Piktogramm aufgepinselt wurde, blieb ebenfalls ein Rätsel. Biker interpretierten ihn am Freitag meist als Radweg, was er nicht ist - es handelt sich nur um eine „Empfehlung“, betont die Stadt. Konflikte mit Passanten, die auf dem Streifen spazierten, waren somit vorprogrammiert.

Der Begriff Fußgängerzone scheint in diesem Abschnitt fast übertrieben, da die Breite des kolorierten Busstreifens fast die gesamte Fahrbahn einnimmt und somit Passanten erst wieder nur der Gehsteig zum Flanieren bleibt. Dazu tragen auch Stahlbügel und eine Barriere aus Sitzbänken zwischen 13A-Spur und Gehsteigen bei, die auf Forderung der Buslenker noch kurzfristig installiert worden sind. Der ÖAMTC übte am Freitag Kritik an den Bodenmarkierungen in den Begegnungszonen - mehr dazu in ÖAMTC kritisiert Bodenmarkierungen.

Streik abgewendet

Sie hatten nämlich Konflikte befürchtet und mit Streik gedroht. Trotz der Trennelemente waren heute zahlreiche Wiener Linien-Mitarbeiter postiert, um mit gestrengem Blick das Geschehen zu dokumentieren. Dass es in der Fußgängerzone zwei Ampelkreuzungen - ebenfalls für den Bus - gibt, scheint ebenfalls für Verwirrung zu sorgen. „Die rote Ampel hätte trotzdem gegolten“, schrie ein Polizist einem Radler nach, der das Stop-Signal sichtbar übersehen hatte.

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In den außerhalb der Fußgängerzone angesiedelten Begegnungszonen müssen sich alle Verkehrsteilnehmer die Fahrbahn teilen, was ebenfalls für Unsicherheit sorgte. Fußgänger trauten sich nur wenig auf die Fahrbahn, was vielleicht auch daran lag, dass die erlaubten 20 km/h regelmäßig überschritten wurden. Radler wussten nicht, ob sie jenseits der weißen Markierungslinie - sie begrenzt die Fahrbahn - biken dürfen, Passanten wollten queren und suchten nach dem nicht mehr vorhandenen, weil weggefrästen Zebrastreifen.

Erste Evaluierung im Herbst

Verkehrsprojekte in Wien erregen in der Regel extreme Aufmerksamkeit, weil sie alle Bürgerinnen und Bürger betreffen. Das war beim Parkpickerl im Vorjahr so und gilt auch für die Mariahilfer Straße. Das Prestigeprojekt von Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) polarisiert. Geschäftsleute befürchten Lieferschwierigkeiten, weniger Kunden und lange Umwege, Busfahrer Chaos mit den Fußgängern, einige Anrainer im sechsten und siebenten Bezirk mehr Verkehr.

Natürlich gibt es auch die Optimisten, die sich über die neuen Freizeitflächen mitten in der Stadt freuen. Auch viele Verkehrsexperten unterstützen das Projekt. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit wird den Probelauf begleiten und bis Herbst evaluieren. „Wir schauen uns alles im Detail an, mit Befragungen, mit Videoüberwachung, wir werden mit dem Bus mitfahren“, sagt Sabine Kaulich vom Kuratorium. Im Herbst soll dann bei Bedarf nachjustiert werden.

Grafik Mariahilfer Straße Neu
dialog-mariahilferstrasse.at

Das gilt vor allem für die zwei Begegnungszonen am Anfang und am Ende der inneren Mariahilfer Straße. Bedenken, dass das gleichberechtigte Miteinander aller Verkehrsteilnehmer zu Chaos führen oder gar gefährlich sein könnte, teilt Kaulich nicht. „Es wird ruhiger verlaufen, weil man jeden Moment erwarten muss, dass ein anderer Verkehrsteilnehmer kreuzt. Die Straße wird selbsterklärend umgestaltet, jeder weiß, wie er sich bewegen soll, ohne dass man mit 100.000 Verkehrsschildern arbeiten muss. Es spricht von der Verkehrssicherheit her nichts dagegen.“

Dreigeteilte Lösung ist ein Kompromiss

In Deutschland oder in der Schweiz würden die Begegnungszonen schon lange gut funktionieren, sagt Kaulich. „Dort gibt es kein Problem, warum soll das dann in Wien nicht funktionieren." Trotzdem bleibt die Zonenlösung ein Kompromiss. Die Stadt konnte sich nicht zu einer durchgehenden Fußgängerzone durchringen. „Es sind auch wichtige Parkgaragen in diesen Begegnungszonen, die genutzt werden. Die brauchen die Bezirke einfach“, erklärt Kaulich.

„Wer fuhr denn freiwillig durch?“

Harald Frey, Verkehrsexperte an der TU Wien, der gerne von den Grünen mit Studien beauftragt wird, glaubt daran, dass das Experiment aufgehen wird. „"Wir hatten dort 10.000 Fahrzeuge. Wer fuhr denn freiwillig durch die Mariahilfer Straße? Es wurde hier also eine Stauanlage abgebaut“, sagt Frey. Er verweist auch auf das „Rücksichtsgebot“, das in den Begegnungszonen die Gefahren reduzieren soll.

Veranstaltungshinweis

Am 23. August laden der ORF Wien und der „Kurier“ zu den „Stadtgesprächen“ in die Mariahilfer Straße. Nach einer Woche Probebetrieb wird dabei Bilanz gezogen.

Wie lange die Probephase dauern wird, bleibt weiterhin unbekannt. Es dürften auf jeden Fall mehrere Monate sein. Danach sollen noch einmal die Bürgerinnen und Bürger befragt werden, bevor die endgültige Lösung inklusive größerer Umbauarbeiten umgesetzt wird. Frey ist dafür, alle baulichen Trennungen auf der Fahrbahn wie Gehsteigkanten zu beseitigen. „Zwischen Andreasgasse und Kirchengasse braucht es eine Ebene, ausgenommen vielleicht die Busspur. In den Begegnungsbereichen wäre es auch in jedem Fall sinnvoll, nur noch eine Fläche zur Verfügung zu stellen, damit das Rückzugsgebot gelebt werden kann.“ Viele Meinungen, ein Experiment, für die innere Mariahilfer Straße beginnen spannende Monate.

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