Pichlbauer: Ärzte instrumentalisieren Patienten

Der Wiener Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer kritisiert, dass die Ärztekammer Unterschriften von Patienten gegen das geplante Primary-Health-Care-Gesetz sammelt. Die Patienten würden nicht wissen, wogegen sie unterschreiben.

Pichlbauer findet es ethisch völlig unkorrekt, dass die Ärztekammer gegen ein Gesetz, welches noch im Vorentwurf besteht und nicht bekannt ist, vorgeht und dagegen Unterschriften sammelt. „Ich finde dieses Vorgehen ausgesprochen unrichtig. Patienten, die nicht wissen, worüber sie abstimmen, können keine richtige Stimme abgeben. Wenn sie allerdings angespitzt werden mit Zwei-Klassen-Medizin und Abschaffung des Hausarztes, dann versteh ich, dass sie Angst kriegen obwohl das völlig unbegründet ist,“ kritisiert Pichlbauer.

Abschaffung des Hausarztes stehe nicht zur Debatte

Wenn wir uns international umschauen, wo eben Primary Health Care (Primärversorgungszentren) etabliert ist, sind sowohl die Ärzte als auch die Patienten sehr zufrieden. Nirgendwo wurde ein Hausarzt abgeschafft, ganz im Gegenteil. Jedes Mal, wenn PHC umgesetzt wurde, wurde der Hausarzt gestärkt, sagt Pichlbauer.

„Da sprechen offensichtlich die Menschen von Dingen die sie nicht kennen und die Ärztekammer versucht Dinge zu erfinden, die so nirgendwo stattfinden. Strukturierte Primärversorgung führt überall zu Vorteilen für die Patienten und führt überall zu besseren Gesundheitsergebnissen. Es ist völlig unverständlich, gegen was hier agiert wird“, meint Pichlbauer.

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Primärversorgungszentren sollen Hausärzte stärken und Ambulanzen entlasten

Ärztekammer fürchtet offenbar Machtverlust

Die Ärztekammer sieht natürlich in diesem PHC-Gesetz möglicherweise ihre Felle davonschwimmen, vermutet Pichlbauer. Die Ärztekammer hat ein Verhandlungsmonopol auf alle Kassenärzte. „Es könnte sein, dass die Einflusssphäre - was die hausärztliche Versorgung betrifft - weniger wird und sie kämpfen halt tatsächlich um ihr Monopol“, vermutet Pichlbauer, der hinter solchen Aktionen ausschließlich einen Machtkampf vermutet.

"Wenn die Ärztekammer an einer ernsthaften Diskussion interessiert wäre dann hätte sie eben nicht begonnen dieses PHC-Gesetz im Entwurf zu interpretieren und mittels Aussendungen und Kampagnen zu diskreditieren. Sie hätte diesen Entwurf öffentlich zur Verfügung stellen sollen. Dann hätten alle darüber diskutieren können für oder gegen was sie sind und dann meinetwegen Unterschriften gesammelt. Aber wenn die Ärztekammer geheim hält, worum es geht und nur ihre Interpretation zur Abstimmung stellt ist das halt der falsche Weg, meint Pichlbauer.

Ärztekammer präsentiert 75.000 Unterschriften

Die Wiener Ärztekammer macht mobil gegen das geplante Primary-Health-Care-Gesetz. Sie befürchtet eine Parallelstruktur, welche Schritt für Schritt die Hausärzte ersetzen soll. Bisher haben über 75.000 Patienten dagegen unterschrieben. Sie setzen sich namentlich für ihren Hausarzt als wichtigsten Primärversorger ein und sie sprechen sich gegen das geplante PHC-Gesetz aus, so Johannes Steinhart, Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer.

Anfang dieser Woche wurde erneut auf Büroebene zum Thema PHC mit dem Gesundheitsministerium verhandelt, Ende der Woche gehen die Verhandlungen zum Fahrplan des Wiener Modells weiter - mehr dazu in Wien krempelt Hausarztmodell um. Die Gesundheitspolitik schafft mit dem PHC-Gesetz eine gefährliche Parallelstruktur, welche Schritt für Schritt die Hausärzte ersetzen soll und eine Dumpingmedizin erschafft, befürchtet die Ärztekammer.

„Der billigste Preis und nicht die beste Patientenversorgung stehen hier im Vordergrund. Die Zwei-Klassen-Medizin wird massiv verschärft“, stellt Steinhart fest. Die exakt 75.390 Unterschriften sind für die Ärztekammer ein klarer Auftrag, den Hausarzt zu stärken und dieses PHC-Gesetz mit allen Mitteln zu verhindern.

Kammer sieht freie Hausarztwahl gefährdet

Die Ärztekammer fordert ein Hausarztsystem mit freier Arztwahl, einer Beziehung zum persönlichen Vertrauensarzt, Nähe zum Wohnort sowie einem Erstkontakt der Patienten immer mit einem Arzt. „Das bedeutet nicht, dass es keine neuen Versorgungsformen geben soll“, betont Steinhart. Bereits jetzt gebe es mit dem erfolgreichen Pilotprojekt „PHC MedizinMariahilf“ auch ohne ein eigenes PHC-Gesetz ein erstes sogenanntes PHC-Zentrum, das sich sehr bewährt - mehr dazu in Primärversorgung startet im Mai.

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