21er Haus: Ming-Tempel von Ai Weiwei

Politische Statements und überdimensionale Objekte wie etwa ein originaler 800 Jahre alter Tempel aus China: Ai Weiwei hat seine Ausstellung „Translocation - Transformation“ im 21er Haus präsentiert.

Höchst bewegt von der Arbeit der vergangenen Monate zeigte sich Kurator Alfred Weidinger am Mittwoch: „Ich habe nicht gedacht, dass ich mit 55 Jahren noch ein neues Kapitel über Menschlichkeit lernen werde.“ Das sei nicht zuletzt dem beständigen Engagement Ai Weiweis für Flüchtlinge geschuldet. Zu Tränen gerührt zeigte sich Weidinger angesichts des Shitstorms, der dem Künstler nach dessen fotografischer Reinszenierung des ikonografischen Bildes eines toten Flüchtlingsbuben am Strand entgegengeschlagen ist.

Holztempel bietet symbolische Vereinigung

„Wir Menschen haben den Kontakt zum Weg verloren“, bedauerte Weidinger. Anhand der Lebensgeschichte von Flüchtlingen sehe man dessen Bedeutung aber exemplarisch, nicht nur den Fokus auf das Ankommen wie in der westlichen Kultur: „Scheinbar ist nur mehr die Kunst imstande, den Weg zu veranschaulichen.“

Ein Beispiel für diese sinnbildliche Verdeutlichung eines zurückgelegten Weges war die Idee, das Hauptwerk der Schau, den Holztempel einer chinesischen Händlerfamilie aus der Ming-Dynastie, auf seinem Transport in 1.300 Einzelteilen mittels GPS-Tracking über den parallel zur Ausstellung angelegten Blog live verfolgen zu lassen.

Ausstellungshinweis

Ai Weiweis „translocation - transformation“, 14. Juli bis 20. November im 21er Haus, Arsenalstraße 1, 1030 Wien

Die Entscheidung, das jahrhundertealte Gebäude in den einstigen Österreich-Pavillon der Weltausstellung 1958 in Brüssel zu bauen, sei dabei in Sekundenschnelle gefallen. „Die beiden Gebäude waren nie zusammengedacht. Für mich ist es ein Wunder, dass das nun passiert ist“, freute sich Ai Weiwei. Diese Vereinigung sei auch symbolisch ideal, sei der Österreich-Pavillon doch damals als Brückenschlag zwischen Ost und West gedacht gewesen, unterstrich Weidinger.

Ausstellung als Teil des Ai-Weiwei-Parcours

Der monumentale Tempel, der passgenau das 21er Haus ausfüllt, ist nur eine von mehreren Arbeiten des Künstlers für die Ausstellung. Weit kleiner präsentierten sich zwei Teehäuser aus gepresstem Pu’er Tee, die ihrerseits auf getrockneten Teeblättern stehen und damit ebenso an den kulturellen Hintergrund des seit dem Vorjahr in Berlin lebenden Künstlers anknüpfen wie ein Feld aus Tausenden abgebrochener Schnäbel von Teekannen, die eher die Assoziation eines Knochenfriedhofs hervorrufen.

Die Werke im 21er Haus sind Teil des Ai-Weiwei-Parcours, der sich beim Oberen Belvedere fortsetzt mit einem Rund aus Tierkreiszeichenköpfen um das Belvedere-Wasserbecken („Circle of Animals/Zodiac Heads“) sowie einer Installation aus Schwimmwesten von Flüchtlingen, die sich zu einem F formen („F Lotus“) - mehr dazu in Schwimmendes Mahnmal vor dem Belvedere und Tierköpfe von Ai Weiwei im Belvedere.

Und schließlich schwebt im Treppenhaus des Barockpalais eine mythologische Gestalt („Lu“). „Es war immer schon mein Wunsch, die Häuser miteinander zu verbinden“, unterstrich Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco gegenüber der APA. Dieses Konzept für die Ausstellung habe man mit dem Künstler gemeinsam entwickelt.

Weiwei dachte ans Aufgeben

Der 58-jährige Ai Weiwei zeigte sich dabei am Mittwoch nachdenklich angesichts seiner eigenen Profession: „Es dauert Jahre, den eigenen Weg zu finden und zu verstehen, was du wirklich willst.“ Und das bedeute noch lange nicht, dass man dann auch von der eigenen Kunst leben könne. „Erst seit zehn Jahren glaube ich wirklich, dass ich mich durch Kunst finanzieren kann“, so Weiwei.

Davor habe er immer wieder mit dem Gedanken gespielt aufzugeben: „Ich befinde mich ehrlich gesagt immer noch im inneren Widerstreit, ob ich Künstler sein möchte oder nicht.“ Er liebe es, Kunstwerke herzustellen. Aber beständig Hunderte Hände zu schütteln, ohne Freizeit von einer Stadt zur anderen zu hetzen und sich nicht in der eigenen Sprache ausdrücken zu können, „das ist nicht wirklich der Job, der mir gefällt“.

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Radio Wien-Reporterin Barbara Thürschmid bei der Pressekonferenz von Ai Weiwei

„Alles ist Kunst - alles ist Politik“

„Alles ist Kunst – alles ist Politik“, so Ai Weiwei, einer der international bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Als Konzeptkünstler, Dokumentarist und Aktivist übt er nicht nur immer wieder Kritik am Regime seiner Heimat China, sondern reagiert mit seinen Werken auch auf die aktuelle politische Realität wie zum Beispiel die Flüchtlingskrise in Europa.

Der am 28. August 1957 in Peking geborene Künstler studierte an der Pekinger Filmakademie und lebte anschließend zwölf Jahre in den USA. Danach kehrte er wieder nach China zurück und eröffnete eine Galerie, fiel jedoch als Kritiker des kommunistischen Regimes in Ungnade und wurde sogar einige Zeit inhaftiert. Nach Protesten der europäischen Kunstszene erhielt Weiwei erst 2015 wieder seinen Pass zurück und reiste nach Deutschland, wo er unter anderem eine Gastprofessur an der Universität der Künste antrat.

„Jeder muss frei kommunizieren können“

Die Werke des chinesischen Künstlers sind Ausdruck seiner kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte, Kultur und Politik seiner Heimat und reflektieren auf mehr oder weniger subtile Weise seine eigene Biografie.

Seine Hoffnung ist, mit seinen Werken Menschen zu bewegen und damit etwas zu verändern. „Mein Traum ist sehr einfach. Jeder Mensch muss das Recht haben, sich ohne Angst entwickeln zu dürfen. Jeder muss frei kommunizieren und sich vollständig informieren können. Er muss die Möglichkeit haben, seinen eigenen Lebensstil auswählen zu dürfen. Das wird unter kommunistischer Herrschaft aber nie Wirklichkeit werden“, so Weiwei.

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