Putschversuch: Türkische Community geschockt

Die türkische Community in Wien steht nach dem Putschversuch in der Türkei unter Schock. Viele gaben an, in der Nacht kaum geschlafen zu haben. Rund 1.200 Menschen demonstrierten am Nachmittag gegen den Putsch.

In der Nacht auf Samstag hatten bereits mehrere tausend Menschen ihre Unterstützung für Erdogan lautstark kundgetan - mehr dazu in Tausende demonstrierten für Erdogan. Auch am Nachmittag demonstrierten laut Angaben der Polizei rund 1.200 Erdogan-Anhänger. Sie zogen vom Christian-Broda-Platz über die Mariahilfer Straße und den Ring in Richtung Heldenplatz. Die Demo verlief laut Angaben der Polizei weitestgehend friedlich, ein kleiner Zwischenfall auf der Mariahilfer Straße sei sofort geklärt worden.

Demo Erdogan
APA/Herbert P. Oczeret
Rund 1.200 Erdogan-Anhänger demonstrierten am Samstag gegen den Putsch

„Ich hab’ die ganze Nacht fast nicht geschlafen“

Am Brunnenmarkt reichte die Stimmung am Vormittag von Schock bis Verwirrung: „Ich hab’ die ganze Nacht bis in der Früh fast nicht geschlafen, aber das ist ein politisches Spiel. Da ist nichts dahinter. Schade, wenn es Tote gegeben hat - die tun mir leid“, so ein Standler am Brunnenmarkt im „Wien heute“-Interview.

Viele waren sich noch gar nicht sicher, wie die Geschehnisse der Nacht zu bewerten sind: „Ich hab gestern Fernsehen geschaut. Mit meiner Familie ist alles in Ordnung. Wie ich das sehen soll, weiß ich nicht, das muss ich noch schauen, das kann ich nicht sagen“, meinte ein Mann.

Brunnenmarkt Türken
ORF
Am Brunnenmarkt war die Stimmung am Samstag eher Pro-Erdogan

Eher Pro-Erdogan-Stimmung am Brunnenmarkt

„Es ist nicht gut, was passiert. Jetzt ist aber alles wieder in Ordnung. Wir haben gestern die ganze Nacht nicht geschlafen und gewartet was passiert. Aber jetzt sind alle Militärs schon tot oder im Gefängnis“, erklärte eine Türkin.

Sendungshinweis

„Wien heute“, 16.7.2016, 19 Uhr, ORF 2, danach unter tvthek.ORF.at

Von einem „Schock“ und einer „Katastrophe" sprach ein Verkäufer am Brunnenmarkt: Gestern Abend hatte die ganze Familie in Ankara Angst, aber jetzt ist es erledigt - Gott sei Dank. Erdogan ist wirklich der Beste - für mich auch“, sagte ein Verkäufer.

Flughafen
APA/Herbert P. Oczeret
Am Flughafen bildeten sich lange Schlangen vor den Schaltern der Fluglinien

Lange Schlangen am Flughafen

In der Abflughalle hatte sich am frühen Nachmittag eine lange Schlange vor den Turkish Airlines-Schaltern gebildet. Zum Teil warteten die Menschen mehr als eine Stunde, um an Informationen zu gelangen, wie der APA erzählt wurde. Viele hatten das Problem, dass ihre Flüge gestrichen wurden und sie nun nicht wussten, wie sie ihre Reise in die Türkei antreten sollten.

Bei anderen Wartenden herrschte unterdessen Unsicherheit, ob ihr Flug auch tatsächlich stattfinden werde: „Hier steht zwar, dass mein Flug ‚on time‘ ist, aber ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob das stimmt“, erklärte beispielsweise ein Student der APA. Ausfälle gibt es laut Flughafen-Informationen bei Verbindungen von bzw. nach Istanbul, Ankara, Antalya, Dalaman und Kayseri. Nicht betroffen seien die Ziele Izmir, Trabzon, Bodrum und Istanbul-Sabiha Gökcen.

Erleichterte Heimkehrer aus der Türkei

Vom Flughafen Istanbul-Sabiha Gökcen kamen auch einige Heimkehrer mit einer Turkish-Airlines-Maschine nach Wien. „Wir hatten Glück, da wir aus Spargründen den Rückflug von Sabiha gebucht haben“, erzählte die Wienerin Anna Goluchowski der APA. Sie hat mir ihrem Freund Ümit Erdogan - der versicherte, nicht mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verwandt zu sein - einen Badeurlaub in Belek verbracht.

Vom Putsch haben die beiden erst auf ihrer Fahrt zum Flughafen etwas mitbekommen. Im Bus hörten sie die Nachrichten im Radio."Es war eine Überraschung für uns. Wir kommen direkt vom Urlaub, wir wollten eigentlich nur Sonne auftanken, meine Freundin und ich - und auf einmal sehen wir hier, was da los ist im Land", erzählte Erdogan. Sie hätten „viele Straßensperren, viele Leute auf der Straße, viele Demonstrationen, viele sehr aufgebrachte Leute, die für ihr Recht kämpfen wollen und was im Land verändern wollen“ gesehen.

Urlauber: „Natürlich hat man Angst“

„Natürlich hat man Angst“, gestand Erdogan gegenüber der APA auch ein: „Schüsse haben wir nicht gehört, aber es waren Panzer direkt vor dem Flughafen.“ Daher waren sie sehr vorsichtig, wie seine Freundin weiters erzählte: „Am Flughafen haben wir immer geschaut, dass wir weg von den Menschenmassen sind.“ In ihrem Flugzeug nach Wien sei auch ein österreichischer Geschäftsmann gesessen, der die letzten drei Kilometer zum Flughafen zu Fuß gegangen sei, da es auf den Straßen kein Durchkommen mehr gab, schilderten die beiden.

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