„Melancholische“ Viennale gedenkt Hurchs

Zwei eher melancholische Werke dienen heuer als Klammer für die 55. Viennale: John Carroll Lynchs „Lucky“ wird zur Eröffnung am 19. Oktober im Gartenbaukino gezeigt. Robert Guediguians Drama „La Villa“ dominiert die Abschlussgala.

Es wird ein kurzes Gastspiel als Viennale-Chef: Nach dem überraschenden Tod von Langzeitimpresario Hans Hurch im Sommer fungiert Franz Schwartz für die heurige Ausgabe als interimistischer Chef. Der 67-Jährige ist Kuratoriumsmitglied und ehemaliger Leiter des Stadtkinos und führt heuer das Filmfestival in memoriam. „Ich habe mich bemüht, die Viennale so fertigzustellen, wie ich dachte, dass Hans sie gewollt hätte“, sagt er im APA-Interview - mehr dazu in Interimistischer Leiter für Viennale bestellt.

Mit Robin Campillos Chronologie des Anti-Aids-Kampfes, „120 Battements par Minute“, kommt einer der Cannes-Gewinner nach Wien. Ebenfalls eine queere Thematik hat Eliza Hittmans Debütfilm „Beach Rats“ über die Identitätssuche des heranwachsenden Frankie. Eine Verbeugung vor der großen Chansonsängerin Barbara liefert indes Mathieu Amalric mit seiner sechsten Regiearbeit „Barbara“, für die er nicht nur selbst vor der Kamera stand, sondern auch selbst nach Wien kommt.

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Harry Dean Stanton in „Lucky“

Waltz präsentiert „Downsizing“

Zu den Hollywood-Highlights gehört heuer Alexander Paynes neues Werk „Downsizing“, das der österreichische Oscar-Preisträger Christoph Waltz als Stargast am 24. Oktober persönlich präsentiert. Ebenfalls nach Wien kommt Alex Ross Perry, der am 22. Oktober mit „Golden Exits“ sein hartes Psychospiel vorstellt, während es in Richard Linklaters „Last Flag Flying“ trotz des hochpolitischen Blicks auf die USA mit Bryan Cranston, Steve Carell und Laurence Fishburne humorvoller zugeht.

Veranstaltungshinweis

55. Viennale in verschiedenen Spielstätten Wiens, 19. Oktober bis 2. November. Ticketvorverkauf startet am 14. Oktober um 10.00 Uhr. Programm ab 20.00 Uhr online auf viennale.at

Und mit Guillermo del Toros moralischem „The Shape Of Water“, das Sally Hawkins und Michael Shannon auf der Leinwand vereint, kommt auch der heurige Venedig-Gewinner nach Wien. Immerhin den Drehbuchpreis am Lido konnte Martin McDonagh für sein „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ einheimsen, das die großartig-derbe Frances McDormand zumindest auf die Leinwand des Wiener Gartenbaukinos bringt.

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„Teheran Tabu“ zeigt das Privatleben im heutigen Iran

Personale für Valeska Grisebach

Zu den Höhepunkten aus österreichischer Sicht gehört unter anderem Thomas Arslans Vater-Sohn-Drama „Helle Nächte“, für das sich der Wiener Georg Friedrich bei der Berlinale den Darstellerpreis sichern konnte, während die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach, der heuer eine Personale gewidmet ist, dabei auch ihre österreichische Koproduktion „Western“ vorstellt.

Ebenfalls eine Koproduktion stellt der ungewöhnliche Animationsfilm „Teheran Tabu“ von Ali Soozandeh dar, der das Privatleben im heutigen Iran unter die Lupe nimmt. Seine Österreich-Premiere erlebt das Psychodrama „Tiere“ des polnischen Regisseurs Greg Zglinski, der mit Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair zwei heimische Hochkaräter vor der Kamera versammelt hat.

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Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair spielen gemeinsam in „Tiere“

„Ryu San“: Geschichte eines Killers als Koch

Ansonsten erlaubt das Festival aber wie immer auch den Blick in cineastische Weltregionen, die es im regulären Kino schwer haben. Alain Gomis’ Frauenporträt „Felicite“ rückt etwa die Gesellschaft des Kongo in den Fokus, während Ziad Doueiri mit „L’Insulte“ eine Parabel auf den Nahost-Konflikt zeigt.

Die Mitleidslosigkeit in der russischen Gesellschaft zeichnet Andrey Zvyagintsev mit seinem harten Drama „Loveless“ nach, während Tarik Saleh, Däne mit ägyptischen Wurzeln, mit „The Nile Hilton Incident“ die Verbindung eines Porträts des „arabischen Frühlings“ mit einer Neo-Noir-Geschichte gelingt. Und schließlich setzt Sabu mit „Ryu San“ auf die Geschichte eines Killers, der als Koch reüssiert.

Kurz wieder sehen können in „Licht“

Auch aus österreichischer Sicht gibt es eine kleine, aber feine Auswahl. Bei den Spielfilmen ist Barbara Albert der wohl bekannteste Namen: Die renommierte Regisseurin hat sich erneut Zeit gelassen, um dem Drama „Die Lebenden“ einen neuen Kinoausflug folgen zu lassen. Mit „Licht“ ist die 47-Jährige diesmal ins historische Fach abgetaucht und erzählt die wahre Geschichte der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis, die im 18. Jahrhundert unter Anleitung des „Wunderheilers“ Franz Anton Mesmer kurzzeitig wieder das Sehen lernt.

Diesem barocken Gesellschaftsporträt steht wiederum „Abschied von den Eltern“ gegenüber, in dem Astrid Johanna Ofner den Originaltext von Peter Weiss’ gleichnamiger Erzählung in den Mittelpunkt rückt - gelesen und zum Leben erweckt von Sven Dolinski.

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„Licht“ macht nach Toronto und San Sebastian auch in Wien Station

„*“ wirft Blicke in den Himmel

Traumhaft gibt sich auch „*“ von Johann Lurf, an dem der Filmemacher immerhin acht Jahre gewerkt hat: Das Himmelszelt in unterschiedlichsten Variationen, aus verschiedensten Blickwinkeln der Filmgeschichte gezeigt und inszeniert, bietet folglich ein höchst ungewöhnliches Sehvergnügen, das sich stilistisch von der Stummfilmzeit bis ins Heute zieht.

Die Herausforderungen des Elternseins werden in „Cry Baby, Cry“ zur Sprache gebracht, wenn Regisseur Antonin Svoboda junge Familien begleitet. Die titelgebende Gwendolyn in Ruth Kaaserers Dokumentation ist hingegen eine Zusammenführung von zwei zunächst sehr verschieden scheinenden Welten - ist die knapp über 60-jährige, pensionierte Anthropologin doch begeisterte Gewichtheberin und feiert nach überstandener Krebserkrankung ein Comeback in ihrem Sport.

„Rot-weiß-rote“ Sicht aufs Kurzfilmsegment

Komplettiert wird das heimische Dokuschaffen bei der Viennale von „Tarpaulins“ (Regie: Lisa Truttmann), in dem man nicht nur US-amerikanischen Kammerjägern näher kommt, sondern auch dem Objekt ihrer Begierde - oder Abscheu, je nachdem.

Wie üblich gibt es auch im Kurzfilmsegment einige Highlights aus rot-weiß-roter Sicht, ist doch unter anderem eine Programmschiene ganz auf das heimische Schaffen zwischen drei und 21 Minuten angelegt. Und natürlich sollten Österreichs Cineasten nicht die Sonderreihen außer Acht lassen, wo etwa „Kopfstand“ eine frühe Begegnung mit Christoph Waltz ermöglicht oder mit Carmen Cartellieri eine Königin des hiesigen Stummfilmschaffens neu entdeckt werden kann.

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