Museum macht Pharaonengrab virtuell begehbar

3-D-Flüge über die Pyramiden, ein virtueller Grabrundgang und eine 4.500 Jahre alte Statue: Eine Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum (KHM) gibt Einblicke in die österreichischen Grabungen in Ägypten.

„Das 101-jährige Jubiläum der österreichischen Grabungen in Giza ist Anlass, Objekte aus der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung neu zu präsentieren“, erzählte Kuratorin Regina Hölzl gegenüber wien.ORF.at über die neue Ausstellung „Im Schatten der Pyramide“.

Im Jänner 1912 begann ein österreichisches Grabungsteam mit der Freilegung der ersten Gräber in Giza (Giseh), nahe der Cheops-Pyramide. Danach gelangten sie in die Sammlung des Kunsthistorischen Museums. Rund 110 Exponate, davon 75 Leihgaben, werden nun in der Ausstellung „Im Schatten der Pyramiden. Die österreichischen Grabungen in Giza (1912 - 1929)“ präsentiert. Die Leihgaben stammen aus renommierten Häusern in Boston, Brüssel oder Berlin.

Bild der Ausgrabung in Giza
Kunsthistorisches Museum Wien
Österreichische Grabungsarbeiten am Fuße der Pyramiden

Visualisierung war eine Herausforderung

Ein virtueller Grabrundgang, 3-D-Flüge über die Pyramiden oder digitalisierte Skizzenbilder und Fotos der damaligen Archäologen bereichern die Schau multimedial. „Die Herausforderung des Projekts war, die Daten zusammenzutragen und später zu visualisieren. Das Problem war, dass die Daten in der Archäologie in Büchern und Archiven verstreut sind und nur wenig digitalisiert ist“, erzählte die Ägyptologin Iman Kulitz.

Zusammen mit einem Team aus Architekten, Computergrafikern der TU Wien und Archäologen rekonstruierte Kulitz das Gräberfeld von Giza, scannte die in der Schau gezeigten Exponate dreidimensional ein und machte sie in einer virtuellen Grabkammer begehbar. „Es ist zwar nur der Prototyp eines Grabes, aber man sieht, wo die Gegenstände standen“, so Kulitz. Zum Grabinventar gehörten unter anderem Opferplatten, Schmuckbeigaben, Sarkophage, Kultgefäße und Kopfstützen.

Entscheidend sind für Kulitz aber nicht nur schöne Bilder: „Es geht um die Vermittlung wissenschaftlicher Informationen und ihrer korrekten Darstellung“. Regina Hölzl, Kuratorin und Leiterin der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung im Kunsthistorischen Museum, begrüßt die digitale Technik: „Wir wollten die Exponate funktional in die multimediale Installation einbauen, Pläne der damaligen Archäologen kann man sich so zum Beispiel leichter vorstellen.“

Virtueller Rundgang durch ein Pharaonengrab
TU Wien
Beim virtuellen Grabrundgang werden auch Hieroglyphen übersetzt

Virtueller Rundflug über das Gräberfeld

Anhand eines Filmes lässt sich das Gräberfeld von Giza virtuell erkunden: „In drei Zeitfenstern kann der Besucher sehen, wie sich das Gebiet verändert hat. Also vor 4.500 Jahren, vor hundert Jahren bei der Grabung und heute“, so Kulitz, die am Department für Digitale Architektur und Planung der TU Wien arbeitet.

Ausstellungshinweis:

„Im Schatten der Pyramiden“, 22. Jänner bis 20. Mai, Kunsthistorisches Museum, Di - So, 10.00 bis 18.00, Do bis 21.00 Uhr, Eintritt 14 Euro.

Mittels 3-D-Scans wurden die Pyramiden in Giza abgetastet. Das Ergebnis waren Millionen von Messpunkten, die dann an der TU Wien am Computer zu einem digitalen 3-D-Modell neu zusammengefügt wurden.

Die Luftaufnahmen und die dreidimensionale Vermessung der Pyramiden und des Gräberfeldes haben zwei Unternehmen zur Verfügung gestellt und feiern Premiere: „Sie sind in dieser Form noch nicht in der Öffentlichkeit präsentiert worden“, so Kulitz.

4.500 Jahre alte Statue als Glanzstück

Mit der 4.500 Jahre alten Statue des Hem-Iunu konnte man ein Glanzstück nach Wien holen: „Die Statue ist einzigartig, weil sie ein lebensgroßes Bildnis eines Privatmannes zeigt. Darstellungen dieser Größe waren ein Privileg des Königs“, so Hölzl. Hem-Iunu war der Neffe des Pharaos Cheops und der Architekt der gleichnamigen Pyramide.

Digitales Panoramabild der Pyramiden
TU Wien
Digitales Panoramabild der Pyramiden, aufgenommen von einer Drohne

Die Statue wurde 1912 in Giza gefunden und gelangte dann ins Pelizaeus-Museum nach Hildesheim. Wilhelm Pelizaeus, der Gründer des Museums, sponserte die österreichischen Grabungen und hatte demnach ein Anrecht auf einen Teil der Funde.

Als weitere Höhepunkte der Ausstellung werden Königsköpfe der beiden Pharaonen Cheops und Chephren, Grabplatten, Reliefs, Särge und andere Gegenstände aus dem Grabinventar gezeigt.

Statue des Hem-Iunu
Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim/ Sh. Shalchi
Die 4.500 Jahre alte Statue des Hem-Iunu wurde 1912 ausgegraben

Überschwemmung legte Gräberfeld frei

Unter der Leitung des deutschen Archäologen Hermann Junker wurde bis 1929 - mit einer kriegsbedingten Unterbrechung - eine Vielzahl an Kunstwerken, kulturgeschichtlichen Zeugnissen sowie Informationen zum Grabbau und zum Jenseitsglauben der Ägypter zu Tage gefördert.

„Das waren Grubengräber ohne sichtbare Architektur. Erst eine Überschwemmung legte Teile des Gräberfeldes frei, und man begann zu graben“, so Hölzl. Das Nekropol von Giza zählt zu den wichtigsten und am besten erforschten Gräberfeldern des ägyptischen Alten Reiches (ca. 2650 - 2190 v. Chr.).

Das Kunsthistorische Museum besitzt neben dem Museum of Fine Arts in Boston und dem Ägyptischen Museum in Kairo eine der bedeutendsten Sammlungen an Objekten aus der Pyramidenzeit.

Michael Ortner, wien.ORF.at

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