Langes „Gewaltsystem“ in Kinderpsychiatrie

In der Wiener Kinder- und Jugendpsychiatrie hat ein menschenunwürdiges, umfassendes Gewaltsystem über Jahrzehnte geherrscht: Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am Montag im Rathaus veröffentlicht wurde.

Im sogenannten Kinderpavillon „Am Steinhof“ herrschten völlig inadäquate Versorgungs- und Betreuungsverhältnisse. Zu diesem Schluss kommt die Studie, die Hemma Mayrhofer und ihr Team im Auftrag des Krankenanstaltenverbundes (KAV) erstellt haben. Konkret wurden der Pavillon 15 in der Anstalt „Am Steinhof“ (die ab 1963 Psychiatrisches Krankenhaus „Baumgartner Höhe“ genannt wurde, Anm.) und die vom Neuropädiater Andreas Rett gegründete Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus der Stadt Wien am Rosenhügel untersucht.

In der Zeit von 1945 bis Ende der 1980-er Jahre wurden „Am Steinhof“ Kinder mit Behinderungen körperlich misshandelt oder etwa das Essen mit roher Gewalt verabreicht. Die jungen Patienten wurden zudem sediert, häufig wurden diese Medikamente auch ins Essen gemischt - das bei Personen mit Schluckbeschwerden mitunter gewaltsam verabreicht wurde. Laut der Medizinhistorikerin Katja Geiger dürfte diese Praxis bei der Essensausgabe immer wieder zu Lungenentzündungen geführt haben, an denen zahlreiche der jungen Patienten auch gestorben sind.

Akten aus ehemaliger Kinder- und Jugendpsychiatrie

ORF

Unzählige Akten wurden für die Studie durchforstet

Kinder tranken aus der Toilette

Freiheitsentzug stand auch für Fehlverhalten auf dem Programm. Laut Mayrhofer reichte dafür schon, wenn Kinder aus der Toilette tranken - was sie bei Durst anscheinend tun mussten, da offenbar die Wasserversorgung in den Zimmern aus Sicherheitsgründen unterbunden war. „Das Umfeld war absolut nicht kindgerecht“, stellte die Studienautorin klar. Pädagogische oder soziale Zuwendung gab es kaum. Während des Untersuchungszeitraums dürften sich rund 600 bis 700 Kinder im Pavillon 15 aufgehalten haben, der in dieser Form bis 1984 in Betrieb war.

Zwangsterilisierungen und starke Medikamente

Die sogenannte Anstalt „Rett Klinik“ am Rosenhügel war zwar etwas fortschrittlicher als der Kinderpavillon „Am Steinhof“ und bot einige Therapieansätze, doch wurden hier Zwangsterilisierungen und Schwangerschaftsabbrüche an jungen Frauen durchgeführt. Andreas Rett habe damit das Problem sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung auf die Frage der Fortpflanzung reduziert, lautet die Kritik. Der inzwischen verstorbene, 1989 in Pension gegangene Gründer der Klinik habe sich zu diesen Maßnahmen aber stets bekannt.

Laut Studie wurden in der Klinik auch Psychopharmaka verwendet, die nicht für den Handel zugelassen waren. Auch Medikamente zur Dämpfung des Sexualtriebs wurden über Jahrzehnte hinweg eingesetzt.

Studie des Grauens: Kinder-Psychiatrie in Wien

Kinder und Jugendliche sind in Wiener Psychiatrie-Einrichtungen von 1945 bis 1989 schwerst misshandelt worden.

Rund 100 Interviews geführt

Die Betreuungsverhältnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung waren durchwegs nicht adäquat, wie eine der Autorinnen der Studie, Hemma Mayerhofer, erläuterte. Wobei man schon seit den 1950er-Jahren gewusst habe, dass die Situation nicht den gängigen Standards entspreche, versicherte sie.

Die beiden untersuchten Einrichtungen waren laut Mayerhofer sehr verschieden. Gleichzeitig würden sie das Spektrum der verschiedenen Arten von Ausgrenzung und Vernachlässigung abbilden. Für ihre Arbeit haben die Wissenschafter nicht nur Akten gesichtet. Insgesamt wurden auch rund 100 Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitern der beiden Anstalten geführt.

Kaum Bruch mit NS-Zeit

Mit der Studie habe man ein „sehr dunkles Kapitel“ aufgehellt, das einen „alles andere als ruhmreichen Abschnitt“ der jüngeren Geschichte behandle, sagte die Wiener Sozial- und Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ). Im besten Fall sei achtlos mit den betroffenen Menschen umgegangen worden, oft aber auch „zutiefst verachtend“. Zum Nationalsozialismus gab es durchaus Naheverhältnisse.

Mitautor Walter Hammerschick hat die rechtliche Lage erörtert und kam zu dem Schluss: Es lassen sich durchaus strafrechtlich relevante Tatbestände erkennen. Jedoch handle es sich durchwegs um Delikte, die bereits verjährt seien. Abgesehen vom Strafrecht hätten die damaligen Gesetze nur wenig Schutz geboten. Einrichtungen wie die Patientenanwaltschaft habe es noch nicht gegeben. Die Einstufung als selbst- oder fremdgefährdend sei oft rasch erfolgt, nur um die Patienten unterbringen zu können.

Stadt will Opfer entschädigen

Die Stadt hat laut Frauenberger vor, Opfer zu entschädigen. Sollten Betroffene Schadenersatz beantragen, werde der Fall geprüft. „Wenn Ansprüche entstehen, dann sind sie zu gewähren“, versicherte sie. Auch eine eigene Telefonhotline wurde eingerichtet. Sie ist unter der Wiener Nummer 40409-60030 erreichbar.

Weil die Forscher mehr Akten und Daten zusammentragen konnten als erwartet, hat auch die Auswertung der Daten und Interviews mit Betroffenen und Angehörigen länger gedauert. Letztere waren fesselnd, berührend und erschütternd, wie es heißt - mehr dazu in Kindesmissbrauch in Psychiatrie: Fülle an Akten.

FPÖ: Gewalt offenbar „gängiger Usus“

Die Erkenntnisse über die einst großen Missstände in der Wiener Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigen nach Ansicht der Wiener FPÖ, dass der „gewalttätige Umgang“ mit jungen Menschen in Betreuungseinrichtungen der Stadt und in medizinischen Einrichtungen offenbar „gängiger Usus“ war. Das befand FPÖ-Rathausklubchef Dominik Nepp nach der Präsentation der Studie.

Für Wiens ÖVP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec sind die nun bekannt gewordenen Ergebnisse „schockierend“. „Diese Vorfälle, die sich hier zugetragen haben, sind vor allem auch eine Mahnung, dass sich dies in keiner Weise mehr wiederholen darf“, so Korosec.

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